Ausstellung Spielen, Schnäbeln

Johann Wilhelm Meils Radierung "Der trunkene Dichter" aus dem Jahr 1774 zeigt den poetischen Rausch.

(Foto: Gleimhaus)

Eine Ausstellung im Gleimhaus in Halberstadt feiert den Scherz und die heitere Seite der Aufklärung.

Von Willi Winkler

Die Aufklärung kommt mittlerweile ziemlich in Verruf. Neulich hat Tucker Carlson, einer der Kommentatoren beim Trump-Sender Fox News, ein beiläufiges Ergebnis der Aufklärung, das metrische System, zu "Robespierres bevorzugter Messtechnik" erklärt. Amerika immerhin hat diesem Terror- und Teufelswerk bis heute widerstanden, hält aber dafür an der Todesstrafe fest, die in Europa, in dieser noch immer vom Kilometer und der Guillotine tyrannisierten Weltgegend, merkwürdigerweise bereits abgeschafft ist.

Die Unmündigkeit, ob selbstverschuldet oder nicht, ist in den letzten zweihundertfünfzig Jahren einer ungehemmten Schwatzsucht gewichen, noch so eine Dialektik der Aufklärung. Doch vielleicht hülfe ein Besuch im Gleimhaus zu Halberstadt, wo den ganzen Sommer über seine Majestät der Scherz gefeiert und bis zum 15. September "Die heitere Seite der Aufklärung" dokumentiert wird.

Dass es diese Seite gab, wird nur jene überraschen, die sich noch von der Schule her vom kategorischen Imperativ kommandiert fühlen. Der bekannte Scherzbold Immanuel Kant fehlt allerdings, aber dafür werden der Besucher und die Besucherin darüber aufgeklärt, mit welcher Freude sich das deutsche Rokoko neckischen Versen und Pfänderspielen hingab und dem Weingenuss in trauter Freundesrunde frönte.

Mir deucht, so oft ich schlafe,/Schlaf ich bei lauter Mädchen"

Gleich in der ersten Vitrine liegt ein zerlesenes Exemplar von Johann Wilhelm Ludwig Gleims "Scherzhaften Liedern", die gut rationalistisch den "Versuch" sogar im Titel führen. Der Band - 1767 im fiktiven Verlagsort Amsterdam erschienen - ist schiefgelesen, der Rücken gebrochen, das Werk offensichtlich in regem Gebrauch gewesen. Der fast allzeit heitere Gleim war ein populärer Autor, seine Gedichtbände erlebten viele Auflagen. "Mir deucht", dichtete er ausgerechnet unter der Vorgabe "Geschäfte", "Mir deucht, so oft ich schlafe,/Schlaf ich bei lauter Mädchen".

Gleims Leser hätten gelacht und gelächelt, die Goethes geweint, meinte der Kurator Reimar F. Lacher in seiner Eröffnungsansprache. Dennoch ist Gleim und mit ihm die ganze Epoche der frühen Aufklärung im Schlagschatten der Weimarer Heroen verschwunden. Als 1774 die "Leiden des jungen Werthers" erschienen, war der 55-jährige Gleim bereits ein Mann von gestern, verzopft und ein bisschen kindisch. In seinen Erinnerungen lästerte Goethe, inzwischen selber nicht mehr ganz taufrisch, über Gleims "breite Poesie", die Zuspruch nur bei Schuldnern und Abhängigen gefunden habe. Vor lauter Klassizität war der Sinn für die schöne Heiterkeit verloren gegangen.

Am besten gehalten haben sich die mehr oder weniger ironischen Tändeleien in den Arbeiten von Johann Joachim Kaendler. In bestem Meißner Porzellan wird da geliebelt und geschnäbelt, wird getanzt und gespielt, der Ehemann zum Hahnrei gemacht und der weintrunkene Schäfer von seiner Schäferin "zu neuen Liedern und Tänzen" (der junge Goethe) erweckt.

Doch bereits in der Bibel findet sich eine strenge Zurechtweisung aller Frivolität, folglich meinte auch der zeitgenössische Pietismus seine Adepten davor bewahren zu müssen, während Thomas von Aquin widerstrebend zugab: "Also muss man sich von Zeit zu Zeit auch dieser Erholungsweise hingeben."

Ob der große Kirchenlehrer damit auch das gelockerte Mieder der Venus im Blick hatte, die François Boucher als Mutter des Amorknaben, aber im feinsten Inkarnat verherrlichte, wird man bezweifeln dürfen. Bouchers Schwiegersohn Pierre-Antoine Baudouin lässt den Kavalier seinen Morgenkaffee im Boudoir nehmen, wo nicht nur ihm der Blick aufs intimste Detail der besuchten Dame gewährt wird. Zum Glück verhalf aus der Antike Ovid, dessen "Liebeskunst" eine junge Schöne in einem Kupferstich nur mit einer Hand liest, während die andere sich poesieinduzierte Erleichterung unter dem reichen Rock verschafft. So war das Rokoko, so keck war die Aufklärung, die sich diese Schelmerei erlaubte.

Wenn er nicht seine einträglichen Geschäfte als Domsekretär verfolgte, lud der Hausherr in seinen Freundschaftstempel. Gelegentlich durften auch Damen am Tisch sitzen. Gleim förderte die Karschin, aber sonst waren die Männer so gründlich unter sich, dass sie sich wie Ewald Christian von Kleist und Johann Georg Sulzer im Scherz zur rechten und vorsorglich auch zur linken Hand mit dem wohlhabenden Gleim verheiraten wollten.

Ein Hauch von Gelehrtenrepublik wehte durchs Gleimhaus, als die Festredner jeweils ein anakreontisches Gedicht auswählen und interpretieren sollten. (Der schöne Katalog bietet als Nachhilfe gleich 44 scherzhafte Lieder.)

Der Halberstädter Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke) wählte unbesorgt um black- oder whitefacing Zeilen von Nikolaus Dietrich Giseke, um die Mühen der politischen Ebene zu beschreiben: "Vergebens bleicht man einen Mohren;/Vergebens straft man einen Thoren:/ Der Mohr bleibt schwarz, der Thor bleibt dumm."

Der Mädchenkenner Gleim hat natürlich, wozu war er Dichter, nur gelogen, hat öffentlich Wein gepredigt und heimlich Wasser getrunken, so öffentlich sogar, dass sein Freund Klopstock ihn den "undurstigsten aller Sänger" schimpfte. Von den Mädchen, mit denen er sich in seinen Scherzen und Tändeleien ununterbrochen umgab, wusste er ebenso wenig oder nur, dass sie kein Interesse an Editionsphilologie zeigten. Als 1753 eine sorgsam eingefädelte Verlobung doch noch platzte, seufzte Gleim in einem Brief an seinen Freund Johann Peter Uz, er werde, "wie die übrige Welt, mit einem solchen (Mädchen) zufrieden seyn, das mich nur nicht unglücklicher macht, als ich ohne Frau seyn kann". So blieb er unbeweibt und Dichter.

Scherz - die heitere Seite der Aufklärung ist bis zum 15. September im Gleimhaus Halberstadt zu sehen. Der reich bebilderte Katalog, herausgegeben von Reimar F. Lacher, ist im Wallstein Verlag erschienen und kostet 24 Euro.