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Retrospektive zu Sophie Taeuber-Arp in Basel:Zersplitternde Linien

Nic Aluf; Sophie Taeuber; 1920

Die Künstlerin Sophie Taeuber inszenierte auch sich selbst - hier vor der Kamera des Fotografen Nic Aluf im Jahr 1920.

(Foto: Stiftung Arp e.V.)

Das Kunstmuseum Basel zeigt eine Retrospektive der Avantgardistin Sophie Taeuber-Arp. Doch nicht die Malerei, sondern Tanz ist das Leitmotiv.

Von Kito Nedo

Die Kunst der Ausdruckstänzerin Sophie Taeuber lobte Hugo Ball, der Lautdichter und Mitbegründer der Zürcher Dada-Bewegung, in den höchsten Tönen: "Sie ist voller Erfindung, Kaprize, Bizarrerie. Die Linien zersplittern an ihrem Körper. Jede Geste ist hundertmal gegliedert, scharf, hell, spitz." Taeuber hatte in einem kubistischen Kostüm zur Eröffnung der Galerie Dada in Zürich zu Balls Lautgedichten getanzt. Es muss wild gewesen sein. Das war im Revolutions- und Kriegsjahr 1917, und die Welt war im Umbruch.

Ihr Gesicht verbarg Taeuber bei ihrem Auftritt wohl nicht nur aus künstlerischen Erwägungen hinter einer kastenförmigen Maske. So ließ sich womöglich auch Ärger an der Zürcher Gewerbeschule vermeiden, wo die Künstlerin von 1916 an als Lehrerin für Entwerfen und Stickerei arbeitete. Mit dem festen Einkommen brachte sie zwölf Jahre lang nicht nur sich, sondern auch ihren Partner und späteren Ehemann, den Künstler Hans Arp, durch die ökonomisch schwierige Zeit.

Von jenem denkwürdigen Auftritt ist auch eine Fotografie überliefert, auf welcher die Tänzerin einerseits ganz außerirdisch, andererseits auch schön geometrisch-zackig wirkt. Aus dem Halbdunkel scheint sie als eine Art geometrisierter Alien geradezu auf die Kamera zuzuschweben. Die Aufnahme ist derzeit überlebensgroß als Blow-up über eine Ausstellungswand im Basler Kunstmuseum tapeziert. Dort wird Taeuber-Arp mit dem Ausstellungstitel "Gelebte Abstraktion" gerade als Grande Dame der abstrakten Avantgarde in einer großen Retrospektive gewürdigt. Anschließend wird die Überblicksschau noch zur Tate in London und zum New Yorker MoMA weiterziehen. Die kunsthistorische Mission ist klar: Taeuber-Arp, die lange im Schatten anderer Avantgarde-Gestalten stand, soll nun endlich den ihr gebührenden Platz als Pionierin der Abstraktion im Kanon der Moderne erhalten.

Galerist Iwan Wirth: "Die Kunstgeschichte liebt Labels."

Und auch am Kunstmarkt ist man offenbar auf alles vorbereitet. Seit dem Sommer 2020 ist die international operierende Zürcher Galerie Hauser & Wirth mit der weltweiten Exklusivvermarktung von ausgewählten Werken aus dem Taeuber-Arp-Nachlass betraut. Dass Hauser & Wirth auch die Nachlässe von Max Bill und Hans Arp vertritt, gehört zum Konzept. Über solche Künstler-"Cluster" wird es einfacher, schlüssige kunsthistorische Narrative für die Gegenwart zu formen. Und diese Form der Erzählkunst, in der heute Nachlässe eingebettet werden, belohnt der Markt offenbar. Galerist Iwan Wirth erklärte es vor Kurzem dem Londoner Economist so: "Die Kunstgeschichte liebt Labels. Wenn die Leute das Label nicht finden, wird es sehr schwierig. Du musst in der Lage sein, eine Geschichte zu erzählen." Dass nun die Kunst von Hans Arp gleichzeitig in der Fondation Beyeler gezeigt wird, wirkt da natürlich besonders gewieft. Tatsächlich geht die Doppelprogrammierung wohl aber eher auf Terminverschiebungen infolge der Corona-Pandemie zurück. Aber wer kann das schon so genau wissen? Ob Zufall oder nicht: Es stimmt schon ziemlich nachdenklich, wie geschmeidig und effizient das Ineinandergreifen von musealer Wiederentdeckung und den Verwertungsketten des Premium-Kunstmarkts sich hier präsentiert.

Sophie Taeuber-Arp; Composition; 1930

Ihr Ziel als Malerin war die Abstraktion: Sophie Taeuber-Arps "Composition" (1930).

(Foto: The Museum of Modern Art, New York)

In ihrer Heimat wurde die 1889 im Ostschweizer Kanton Graubünden geborene Sophie Taeuber-Arp schon einigermaßen prominent als kunsthistorische Ausnahmefigur gewürdigt. Bis vor ein paar Jahren zierte ihr Porträt sogar den grünen 50-Franken-Schein. Auf der Rückseite der Banknote waren grafisch stilisierte Hauptwerke wie der 1919 produzierte "Tête Dada", der Dada-Kopf, ein "Relief rectangulaire" aus der Mitte der Dreißiger oder die "Lignes ouvertes", entstanden Ende der Dreißiger, abgebildet. Doch das Gesamtwerk von Taeuber-Arp, das zeigt jetzt die Basler Ausstellung, wird nur vollständig erkennbar, wenn die angewandte Praxis und die bildende Kunst als eine künstlerische Einheit verstanden wird.

Die Künstlerin starb mit 53 Jahren bei einem Unfall

Taeuber-Arps Produktion erstreckte sich tatsächlich von Textilkunst und Kostüm, Theorie, Tanz und Performance über Malerei, Skulptur, Relief und Architektur bis hin zu Design und der Tätigkeit als Unternehmerin-Verlegerin der Avantgarde. Dieser Frau, die im Januar 1943 unter tragischen Umständen im Alter von nur 53 Jahren bei einem Unfall in Zürich zu Tode kam, schien zu Lebzeiten buchstäblich so ziemlich alles zu gelingen, was sie in Angriff nahm. Auch unter den extrem widrigen Umständen, die Krieg, Pandemie und Flucht in den Zehnern, Dreißigern und Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts diktierten.

Der Tanz wirkt beim Rundgang durch die Ausstellungssäle wie ein Leitmotiv, welches sich durch Taeuber-Arps Werk zieht: Die tanzenden Figuren aus dem Frühwerk lösen sich bei ihrer Wanderung durch die verschiedenen Farben, Materialien und Medien wie in einer von Abstraktion getriebenen Evolution immer weiter auf. Bis da nur noch in schönster Verhältnismäßigkeit tanzende Kreise, Wellenformen, Flächen und Linien sind.

Nachdem Taeuber-Arp von 1910 an in München an der progressiven, an britischen Arts-and-Craft-Ideen orientierten Debschitz-Schule eine Ausbildung in bildender Kunst und Kunsthandwerk erhalten hatte, ging sie kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 nach Zürich. Dort studierte sie in der Tanzschule des ungarischen Tänzers und Choreografen Rudolf von Laban Bewegungskunst und avancierte schnell zu einer der zentralen Figuren des Dada-Zirkels im Cabaret Voltaire. Tanzte sie nicht selbst, so ließ Taeuber-Arp bald darauf die Puppen tanzen. 1918 gestaltete sie Marionetten und Bühnenbilder für das Stück "König Hirsch" für das neu gegründete Schweizer Marionettentheater.

Ihr Puppenspiel wurde wegen der Spanischen Grippe nur dreimal aufgeführt

Doch weil die Spanische Grippe 1918/19 auch in der Schweiz wütete, wurde das Stück, eine Parodie auf die Psychoanalyse, nur dreimal aufgeführt. Taeuber verpasste den Gliederpuppen, darunter ein "Dr. Oedipus Komplex" und der Zauberer "Freudanalytikus", eine modernistische Formensprache, indem sie auf traditionelle Schnitzkunst verzichtete, sondern stattdessen die Drechselmaschine anwerfen ließ. In den Avantgarde-Kreisen macht sich die junge Künstlerin mit den tanzenden geometrischen Formen sofort einen Namen. Anderswo stießen sie aufgrund ihrer gewagten Modernität hingegen auf einige Ablehnung.

So ähnlich muss es auch mit den geometrisch-abstrakten Interieurs für einen Teesalon und zwei Bars gewesen sein, die sie zwischen 1926 und 1928 für das Kultur- und Vergnügungszentrum "Aubette" im Zentrum Straßburgs realisierte. Wegen der Größe des Projekts beteiligte sie auch Hans Arp und den niederländischen Künstler-Architekten Theo van Doesburg mit weiteren Raumgestaltungen. Vor allem van Doesburg nutzte das Projekt, um sich auf Kosten von Taeuber-Arp in der Öffentlichkeit als Künstlergenie zu profilieren.

Sophie Taeuber-Arp; Hirsch (Marionette für König Hirsch); 1918

Der "Hirsch (Marionette für König Hirsch)" aus dem Jahr 1918 trat wegen der Spanischen Grippe nur dreimal auf.

(Foto: Courtesy Umberto Romito, Ivan Suta, Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung, ZHdK)

Wenige Jahre später wurde das modernistische Ensemble allerdings wieder zerstört, weil es beim damaligen Publikum nicht den erhofften Anklang fand. Heute ist zumindest ein Teil wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. Die Ausstellung dokumentiert Entwürfe und Fotografien für dieses Projekt aus der Zwischenkriegszeit, welches auch einen der Höhepunkte in Taeuber-Arps Künstlerinnenkarriere markiert. Die künstlerische Vision eines futuristisch-immersiven Gesamtkunstwerks wurde plötzlich ganz räumlich und real. So gelang auch die Verschmelzung von Kunst, Leben und Hedonismus.

Es besteht kein Zweifel: Auch morgen würde ihr zeitlos-minimalistischer Teesalon mit seiner Raster-Architektur hervorragend als Club funktionieren. In dieser Zeit entstand auch das Gemälde "Kaffeehaus" (1928) mit seinen schönen Metallic-Effekten. Da schaut man auf eine Szene von Figuren, deren Silhouetten zwar Piktogrammen ähneln. Aber es ist unschwer zu erkennen, dass es sich eben um einen lebhafte Café-Szene handelt, wo Menschen gestikulierend nah beieinandersitzen. Dass das gerade doppelt abstrakt wirkt, liegt zum einen an der Kunst, aber auch an unserer seltsamen Gegenwart selbst.

Sophie Taeuber-Arp. Gelebte Abstraktion im Kunstmuseum Basel bis zum 20. Juni. Der Katalog kostet 58 Euro.

© SZ
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