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Ausstellung:Sein Gott wohnte in der Flasche

Die europäische Kulturhauptstadt Mons zeigt den Dichter Paul Verlaine, der hier eine Gefängnisstrafe verbüßte, in neuem Licht.

Von Joseph Hanimann

Die Verwunderung beim Aussteigen aus dem Zug darf einen nicht abschrecken. Man glaubt, man sei am falschen Ort angekommen. Abgesehen von ein paar Treppenstümpfen aus Rohbeton und einer unter den Schritten rasselnden Blechüberführung zu einem Containergebäude weit weg steht man in einem Niemandsland. Sieht so eine Kulturhauptstadt aus? Der vom katalanischen Architekten Santiago Calatrava entworfene neue Monumentalbahnhof hätte eigentlich fertig sein sollen. An seiner Stelle gähnt einstweilen Leere.

Stolzer präsentierte die Stadt Mons sich, als im Oktober 1873 der Dichter Paul Verlaine dort eintraf, um im neuen Gefängnis mit Einzelhaftzellen eine zweijährige Freiheitsstrafe anzutreten. Er war von einem Brüsseler Gericht verurteilt worden, weil er im Hotelzimmer auf seinen Freund und Geliebten Arthur Rimbaud geschossen hatte. Diese Gefängniszeit ist das einzige, was den französischen Dichter mit der Stadt Mons verbindet. Es reichte aber als Ausgangspunkt für eine gelungene Ausstellung über den Autor der "Fêtes galantes" und über eine chaotisch-genialische Dichterliebe. Biografie, Poesie, Literatur- und Sittengeschichte halten einander in der Schau subtil die Waage.

In Mons hatte Verlaine auf seinen Geliebten Rimbaud geschossen

Der zehn Jahre jüngere Rimbaud war bei seiner Ankunft 1871 in Paris von Verlaine aufgenommen und in die Literaturwelt vorab des Kreises der "Parnassiens" eingeführt worden. Zugleich verdrehte er dem liebes- und lebensdurstigen Absinth-Trinker den Kopf. Verlaines Gattin Mathilde verließ fluchtartig ihren unberechenbaren Mann, der sie im Rausch schlug und mitunter zu erwürgen suchte. Die beiden Dichterfreunde setzten sich nach London ab und fristeten dort zwischen stürmischen Liebes- und Streitepisoden ein eher ärmliches Dasein. Ein Streit stand auch hinter dem Pistolenschuss im Hotelzimmer von Brüssel, der Verlaine vorübergehend ins Gefängnis und Rimbaud bald zum Verstummen in obskuren afrikanischen Abenteuern brachte.

Der von seinem Freund angeschossene Dichter Arthur Rimbaud im Krankenbett, gemalt von dem Belgier Jef Rosman.

(Foto: Musée Arthur Rimbaud)

Verlaine, der sich auf gewundenen Wegen von der gereimten Versdichtung der Symbolisten entfernte, steht heute im Schatten des genialischen Meteoriten Rimbaud. Mit wenigen Meisterwerken hatte dieser die Dichtung erneuert und verschwand dann vom literarischen Horizont, während der Ältere von einer Krise zur nächsten weiterstolperte. Anhand teilweise neuer Dokumente spürt die Ausstellung seiner komplexen Persönlichkeit nach. So zeigen zwei erst kürzlich aufgetauchte Fotos den Erfinder des Ausdrucks "poète maudit" 22-jährig im Studio posierend als romantischen Jüngling. Die Bilder waren für die Cousine Élisa Moncomble, seine erste unglückliche Liebe, entstanden, zu einer Zeit, als die Trunksucht an seiner Erscheinung noch keine Spuren hinterließ.

Über die in Briefen, Zeichnungen und Fotos reich dokumentierte stürmische Beziehung der beiden Dichter hinaus gibt die Schau aber auch Einblick in ein Kapitel Sittengeschichte. Die Strafanzeige nach dem Schuss im Hotelzimmer lautete auf Gewalttätigkeit. Dem Richter ging aus den beschlagnahmten Briefen und Gedichtskizzen - die einschlägigen Stellen sind in den Ermittlungsakten der Polizei rot unterstrichen - jedoch schnell auf, mit was für einer Art von Beziehung er es zu tun hatte. Er ordnete für Verlaine eine demütigende medizinische Untersuchung an und sprach dann das für Gewaltakte höchstmögliche Strafmaß von zwei Jahren Haft aus - sichtlich bemüht, eine in seinen Augen schändliche Lebensführung hart zu treffen.

In der Einsamkeit der Gefängniszelle hat der Dichter dann nicht, wie Oscar Wilde zwei Jahrzehnte nach ihm, ein "De Profundis" an den Geliebten geschrieben. In der quälenden Nüchternheit und Einsamkeit stand er vielmehr seinem eigenen Ich gegenüber, schrieb herzzerreißende Gedichte - "Was hast du, sag, du da, aus deiner Jugend gemacht . . .?" - und fand einstweilen Trost in der Religion. So lange zumindest, bis er nach der vorzeitigen Entlassung seinem alten Gott, der Flasche, sich wieder zuwenden konnte. Die Widmung an Rimbaud auf der Titelrückseite seiner "Romances sans paroles" strich Verlaine im Gefängnis eigenhändig durch. Ein letztes Mal begegneten die beiden einander im Februar 1875 in Stuttgart. Sie hatten sich aber nichts mehr zu sagen. Briefe und Zeichnungen unterschiedlichster Herkunft führen in der Ausstellung vor, wie sehr das Verschwinden Rimbauds die Fantasie der zurückgebliebenen Dichterfreunde anregte. Verlaine setzte sich aktiv für die Verbreitung des Werks seines ehemaligen Geliebten ein.

Eine Karikatur von Paul Verlaine als böser Gnom mit Lyra.

(Foto: Bibliothèque royale de Belgique)

In Erscheinung tritt so eine gespaltene Figur, die ein guter Freund, Gatte, Vater und ein verständiger Sohn sein wollte und doch allen im erstbesten Wutanfall wieder an die Gurgel sprang. Vor der Zeit gealtert raffte der Fünfzigjährige sich auf, mit Zylinder, Spazierstock und Gehrock im Fotostudio Haltung zu zeigen, in der - vergeblichen - Hoffnung, in die Académie Française aufgenommen zu werden. Dem unbeherrschten Charakter, aus dem Verlaine zugleich seine dichterische Eingebungskraft schöpfte, blieb die Gnade eines genialisch frühen Todes verweigert. Sein Los war es, unter ständigen Selbstmorddrohungen in der Vorhölle eines zu langen Lebens zu schmachten.

"Verlaine, Zelle 252. Dichterische Turbulenzen". Bis 24. Januar. Musée des Beaux-Arts, Mons. Katalog 39 Euro. Info: www.mons2015.eu.

© SZ vom 01.12.2015

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