Ausstellung:Reif für die Insel

Zwischen Poesie und Pädagogik: Alexander Kluges Ausstellung "Pluriversum" im Literaturhaus München

Von Sabine Reithmaier

Ein Lampenschirm, auf dem sich Soldaten mit nacktem Hintern drängeln. Thomas Thiede hat diese "Grenadiere im Regen" geschaffen, eigentlich Figuren aus Stanley Kubricks gescheiterten Napoleonfilm. Hollywood wollte den Film nicht, auch der Kosten wegen. Dabei hätte Kubrick die bulgarischen Darsteller für Napoleons Russlandfeldzug eh nur in Papieruniformen gesteckt. Die sich freilich im Regen nicht bewähren - eine Form der Abrüstung, die Alexander Kluge entzückt. Genauso wie der "verhüllte Marx", dem er einen Film gewidmet hat, platziert gleich neben den Triptychen von Stefan Moses, der unmittelbar nach der Wende die Verhüllung des Marx-Engels-Denkmal in Ostberlin festhielt. Der dritte Held an dieser Wand im Literaturhaus ist Kluges Vater, "ein Arzt aus Halberstadt", der den Sohn 1969 in München besuchte. Ein halbstündiger Film erzählt davon.

Unterschiedlich gewichtige Dinge nebeneinander stellen, könne man eben nur in einer Ausstellung, sagt Alexander Kluge, während er durch sein "Pluriversum" im Münchner Literaturhaus führt. "Mein Vater hat kein Gewicht im Vergleich zu Karl Marx, aber lieben tue ich ihn." Daneben eine fast wie ein Apoll aussehende Figur: ein junger Marx, geschaffen von einem venezianischen Künstler. "So hätte er doch eine Chance gehabt, die Jugend zu gewinnen."

Alexander Kluges Geschichten verästeln und verzweigen sich schier unendlich. In der Ausstellung im Literaturhaus erzählt er sie mit Texten, Fotografien, Projektionen, Filmen und Videoinstallationen, schafft ungeahnte Bezüge, erzeugt eine Mehrstimmigkeit, die sonst nur in der Musik selbstverständlich ist. Für den Autor Kluge eine tolle Erfahrung: "Das Buch öffnet sich und wird begehbar."

In diesem Sammelsurium an Bildern, Erzählungen, Anekdoten, Metaphern und Theorien aus allen wissenschaftlichen und künstlerischen Disziplinen kann man sich wunderbar verlieren, sich manchmal ob der Fülle aber auch ein wenig erschlagen fühlen. Man dürfe nicht den Ehrgeiz haben, alles bis zum Ende anzuschauen, warnt Tanja Graf. Besser sei es, öfter in die Denkwerkstatt zu kommen und Neues zu entdecken. Die Leiterin des Literaturhauses hatte die Ausstellung im Vorjahr in Wien gesehen - zuvor war sie am Folkwang-Museum in Essen gelaufen - und beschlossen, sie nach München zu holen. Auch weil sie es unverständlich fand, dass sich an der Isar bislang noch keine Schau dem Schriftsteller, Filmemacher und promovierten Juristen gewidmet hat, obwohl der seit 1958 in München lebt.

Ausstellung: Das Riesenkänguru hat ein kluges Auge, aber ausgestorben ist es trotzdem - ausgerechnet 1789, als in Frankreich die Revolution ausbrach. Um diese und andere unvermutete Zusammenhänge geht es im Pluriversum.

Das Riesenkänguru hat ein kluges Auge, aber ausgestorben ist es trotzdem - ausgerechnet 1789, als in Frankreich die Revolution ausbrach. Um diese und andere unvermutete Zusammenhänge geht es im Pluriversum.

(Foto: Alexander Kluge Archiv)

Kluge hat in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Karolina Kühn die multimediale Denkwerkstatt für München deutlich erweitert. Auch wenn er darin sein immenses Wissen ausbreitet, geht es ihm in erster Linie um Zusammenhänge und Konstellationen. Das können Beziehungsgeflechte sein oder, astronomisch betrachtet, die Stellung der Himmelskörper zueinander. Das Literaturhaus wartet denn auch mit einem Sternenhimmel auf, den Kluge als Nest empfindet. "Manchmal wenn wir hier auf Erden Mist machen, denke ich, den Kosmos gibt es immer noch. Das hat etwas Tröstliches." Irgendwie erinnert seine Methode, Zusammenhänge zwischen Materialien aus verschiedensten Kontexten herzustellen, ans Surfen im Internet. Er habe es ja 1989 noch nicht für möglich gehalten, in einer digitalen Welt zu leben, sagt Kluge, angetan von der so entstandenen neuen Öffentlichkeit. Es sei großartig, auf Knopfdruck mit einem Menschen in China zusammenzukommen. Andrerseits müsse man der Algorithmenwelt, die auf eine absolut wirksame Weise alles vereinfache, unbedingt Gegengewichte entgegensetzen. "Die Künste und die Wissenschaften, Lust und Aberglaube müssen sich zusammentun wie in einer Wunderkammer am Ende der Renaissance."

Genau so ist das poetisch-pädagogische Pluriversum aufgebaut. Acht Inseln bieten Einblick in Kluges Gedankenwelten, liefern nichts Fertiges, sondern immer Work in Progress, was die Ausstellungsarchitektur unterstreicht. Die Zwischenwandkonstruktionen verhehlen ihren provisorischen Charakter nicht, aufgespannte Absperrbänder vertiefen das Werkstattgefühl. Auf einem Tischchen im "Arbeitszimmer" liegen Blätter mit Textfragmenten, gerade so, als würden sie ihren Platz noch suchen an der Pinnwand mit Auszügen aus Walter Benjamins "Passagen-Werk", auch ein Opus, das Kluge unbedingt wieder aufgreifen will. "Was hindert uns, mit dem Blick des 21. Jahrhunderts das 20. Jahrhundert Revue passieren zu lassen?"

Ahnfrau des Internets ist für ihn Arachne, jene Weberin aus Byzanz, die es wagte, die Göttin Athene herauszufordern und von dieser in eine Spinne verwandel wurde. Seither gibt es, wie ein Film Kluges nahelegt, das Netz, Kontext und Zusammenhang. Zum Beispiel zwischen dem zerstörten Aleppo und Kluges Erinnerung an die Bombardierung in Halberstadt, die er im April 1945 nur knapp überlebte, "ein Grunderlebnis, das ich als Kind nicht verstanden habe." Also vereint er Bilder und Geschichten, die es ihm ermöglichen, Linien in Vergangenheit und Zukunft zu ziehen. Das Ziel: eine bessere Gesellschaft. Manchmal wirken die Zusammenhänge herrlich skurril. So ist das Riesenkänguru ausgerechnet 1789 zum Ausbruch der Französischen Revolution ausgestorben. Über ihm im Sternenkosmos schweben die Jakobiner im Fesselballon zur Revolutionierung des Mondes. Vive la Liberté - unten ticken zwei nicht synchronisierte Uhren.

Alexander Kluge bei Lesung in München, 2016

Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, versteht sich als Chronist und Collagist, ist berühmt als Autorenfilmer und Fernsehmacher, aber auch als Schriftsteller.

(Foto: Catherina Hess)

Poesie und Politik widersprechen sich für Kluge nicht. "Ich habe mir immer eine Tagesschau mit Musik gewünscht." Bei Homer berichtet schließlich auch ein Sänger vom Untergang Trojas. Der Unterschied zwischen bloßer Information und mit Erfahrung gesättigter Poetik ist evident. "Das eine ist bloß objektiv, das andere subjektiv objektiv." Auf Geschichten kann man sich besser konzentrieren, wenn man durch die Gucklöcher einer Holzwand starrt und Hannelore Hogner sieht, die "als Trümmerfrau ihren Mann reparieren musste" und auf Platt davon erzählt.

In der "Küche" hängt Anselm Kiefers "Elefantenhaut", die Kluge als "Kameralinse" in seinen Filmen nutzt, um historische Bilder zeitlos zu halten. Er legt Wert darauf, dass er nichts vereinfacht, sondern nur verbindet. "Homogenisierte Milch gibt es bei mir nicht, alles muss authentisch bleiben." So authentisch wie Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die in einem Film von der Frau eines Tschernobyl-Schlossers erzählt. Der Mann ging nach der Katastrophe ins Kraftwerk und drehte die Sicherungen raus, um weiteres Unglück zu verhindern. Die radioaktive Strahlung verwandelte ihn in ein Monster, aber seine Frau liebte und pflegte ihn, bis er starb. "Was sind Tristan und Isolde, Romeo und Julia gegen dieses Paar?"

Alexander Kluge: Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie, bis 29.9., Literaturhaus München

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