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Ausstellung:Rachel Maclean in Kiel

(Foto: Zabludowicz Collection/Arsenal Contemporary/Rachel Maclean)

Von Till Briegleb

Rachel Maclean ist ein ganz böses Mädchen. Und sie hat gar keinen guten Geschmack. Alles, was die Menschen, aber vor allem junge Mädchen heute zu reflexartigen Entzückungsschreien und Kaufentscheidungen bewegt, ruft sie in ihrer Arbeit als Schlüsselreiz auf, nur um dann fies die Kosmetik abzuziehen. Die gesamte Infantilisierung der Gegenwartskultur durch Influencer, Politiker, Marktstrategen und andere Verkäufer schlechter Waren und hohler Botschaften, wird von der schottischen Künstlerin erst als Verführung inszeniert, und dann ganz bitter enttäuscht.

Rosa und Hellblau, Mandelaugen und Niedlichkeit, blonde Haare und kuschelige Tiere, aber auch Brexitversprechen und folkloristischer Nationalismus enden in ihren Anti-Commercials, die in der Kieler Kunsthalle bis 6. September zu sehen sind, entweder in Blut, Tod und Seich - oder die Niedlichen verstellen sich nur. Denn in jedem Werbebotschafter steckt ein Vampir, nur in der Werbewirtschaft sagen sie das bei ihren Darbietungen nicht dazu. Und deswegen braucht es eine Influencerin des Trotzes, die mit Bonbonfarben und ätzenden Pointen die ständige Gehirnwäsche der Kaufbelohnungen bekämpft.

Es ist die ganz fiese britische Satire, die vor nichts Halt macht. Damit erzählt Rachel Maclean ihre Geschichten, in denen sie selbst die Hauptrolle spielt, meist als Alice im Horrorland des ständigen Schönheitsvergleichs: blond bezopft, roter Herzchenmund und in Puppenkleidern, irgendwie verdächtig perfekt.

Oft wird sie begleitet von merkwürdigen Kaninchen mit migrantischem Hintergrund, die auch nichts Gutes im Schilde führen. Dann erzählt sie Märchen, aufwendig inszeniert wie Werbeclips, die fragen, warum so viele Frauen ihren Abschied vom Feminismus mit der Selbstverpuppung als Marken-Girl und Drogerie-Sklavin feiern. Obwohl sie doch alle wissen, dass ihre Angst vor Hautunreinheiten und Falten keine Heilung durch teure Pflegecremes in bunten Plastikflaschen findet - und schon gar nicht in Schönheitsoperationen und Gute-Laune-Terror.

All diesen Unglücklichen bleibt jetzt wenigstens der Weg nach Kiel. Dort gibt es eine Schönheitstherapie fürs Hirn, die auch noch Spaß macht. Damit sie nie wieder sagen müssen: Wozu brauche ich einen Kopf, ich habe doch ein Smartphone.

© SZ vom 25.07.2020

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