Ausstellung Piraten auf Sendung

"Podcast. Kunst & Radio" im Kunstraum München

Von Jürgen Moises

Record und Play, Aufnehmen und Abspielen. Das sind die grundlegenden Funktionen eines jeden Kassettenrekorders. Beim iPod ist das anders. Der digitale Musikabspieler von Apple kam nämlich 2001 ohne Aufnahmeknopf auf den Markt. Wieso? Weil Apple keine kreativen, produktiven Menschen, sondern den perfekten Konsumenten im Blick hat. Auch wenn man vor allem in der Kreativbranche gerne etwas anderes glaubt. Zudem passt das Weglassen der Aufnahmefunktion zur Einstufung der digitalen Kopie als potenziellem Raubgut. Mit dem Podcast und der Möglichkeit, sich etwa Radiosendungen auf den iPod zu holen, schienen sich die medialen Grenzen wieder zu lockern. Aber letztlich steht auch hier die kommerzielle Nutzung im Vordergrund.

In der von Ralf Homann kuratierten Ausstellung "Podcast. Kunst & Radio" im Kunstraum München werden diese Entwicklungen nicht direkt thematisiert. Aber sie schwingen insofern mit, als die meisten der ausgesuchten Arbeiten von mehr als zehn internationalen Künstlern den freien, kreativen Umgang mit Radio, medialen Inhalten, magnetischen Wellen oder Geräuschen thematisieren. Um mögliche Antworten auf die Zukunft der Medien zu finden, geht etwa der Münchner Künstler Lorenz Mayr dabei weit in die Geschichte zurück und setzt sich in "The Clash II" auf eine schöne, lautstarke Weise mit dem französischen Drucker und Erfinder Édouard-Léon Scott de Martinville auseinander.

Der hat 1857 den Phonautographen erfunden. Ein Gerät, das unter anderem mithilfe eines Horns und einer Schweinsborste die Aufzeichnung von Schall, aber nicht dessen Wiedergabe zuließ. Als Reminiszenz an Scott hat Mayr mit Siebdrucktechnik Platten hergestellt, die auf zwei Plattenspielern laufen und dort nur dunkles Rauschen produzieren. Um Geschichte geht es auch bei Manuela Unverdorben, und zwar die der britischen Piratensender, welche die Münchnerin in Texten und Zeichnungen ins Bild rückt. Anhand wichtiger Figuren und Ereignisse zeigt sie dabei unter anderem auf, dass es zwischen den Piratenradio-Schiffen und der Politik von Margaret Thatcher ökonomische und geistige Verbindungslinien gibt.

Ebenfalls einen Piratensender, diesmal in Brasilien, porträtiert die Berlinerin Annemarie Thiede in ihrem Video "Rádio Favela". Dessen Erfolg hat nicht nur zu Konflikten mit der Polizei, sondern paradoxerweise auch zum Ansteigen der Mieten geführt. Eine zentrale Figur des freien Radios in Japan ist Tetsuo Kogawa. In der Ausstellung im Kunstraum ist ein Video zu sehen, in dem der Künstler und Theoretiker aus Tokio eine Komposition auf sechs Radio-Transmittern vorführt.

Die technische Stimmerkennung als Mittel der Kontrolle ist in einem als Skript ausliegenden Sci-Fi-Radio-Drama von Angel Nevarez und Valerie Tevere aus New York Thema. Und der Münchner Mathias M. Zausinger hat mannshohe Antennen gebastelt, die mit Geräuschen auf Handys reagieren. Damit erinnert er daran, dass wir inzwischen selber alle Sender und Empfänger sind: mit unseren Handys, die nicht nur als Kommunikations- und Abspielgeräte, sondern, indem sie private Daten aufzeichnen, auch als perfekte Kontrollinstrumente dienen.

Podcast. Kunst & Radio, bis zum 10. Februar, Kunstraum München, Holzstraße 10