Ausstellung Picasso der komischen Kunst

Das Caricatura Museum Frankfurt widmet dem Bild- und Wortkünstler Hans Traxler zum Neunzigsten eine große Schau.

Von Christoph Haas

Am Anfang war ein in vier Felder geteiltes krakeliges Quadrat, zum Teil farbig ausgemalt. Der kleine Hans, fast noch ein Säugling, zeichnete es auf immer neue Blätter. Auf die Frage, was das sei, erklärte er stolz: Ein Klofenster! Für dieses Motiv gab es in seinem Elternhaus ein reales Vorbild. Oder war der frühreife Künstler ein Avantgardist? "Im fernen Amsterdam", weiß Traxler heute, "kam zur gleichen Zeit der Maler Piet Mondrian zu ganz ähnlichen Bildformeln, mit denen er weltberühmt und steinreich wurde."

Mit dieser Erinnerung beginnt der Band "Mama, warum bin ich kein Huhn?" (2019), in dem der 90-Jährige Szenen aus seiner Jugend schildert. In einem böhmischen Dorf geboren, floh Traxler am Kriegsende in den Westen. In den Fünfzigern verdingte er sich als Witzezeichner, bevor er als Mitarbeiter der Satiremagazine Pardon und Titanic, dann mit zahlreichen Eigenpublikationen deutsche Humorgeschichte schrieb. Aus Anlass des runden Geburtstages ehrt das Frankfurter Caricatura Museum ihn mit einer Ausstellung, in der 345 Exponate zu sehen sind. Angesichts von Traxlers immenser Produktivität lässt sich damit allerdings nur ein Teil seines Werkes abdecken. Vor die schwierige Frage gestellt, von allem Möglichen ein paar Häppchen zu zeigen oder sich auf Bestimmtes zu konzentrieren, haben die Kuratoren eine kluge Entscheidung getroffen: Sie privilegieren die Arbeiten aus diesem Jahrhundert und verbinden so geschickt die Retrospektive mit einer aktuellen Werkschau.

Alle drei Formen, in denen Traxler sich vorwiegend ausdrückt, sind vertreten: der Cartoon, die Bildgeschichte und die Illustration. In der Zusammenschau wird deutlich, wie sehr Traxler nicht nur Zeichner, sondern auch Wortkünstler ist. Gleich seinen inzwischen verstorbenen Kollegen aus der Neuen Frankfurter Schule (Robert Gernhardt und Chlodwig Poth, F. K. Waechter und F. W. Bernstein) besitzt er eine starke Doppelbegabung. In den teils autobiografisch inspirierten, teils berühmten Personen der Weltgeschichte gewidmeten Bildgeschichten ("Leute von Gestern", 1981; "Ich, Gott und die Welt", 2010) stellt Traxler sich ganz in die Tradition von Wilhelm Busch. An kühnen Versen wie "Einst schwebten die Dinge, es stockten die Fluten / Da trat vors Haus Sir Isaac Newton" hätte bestimmt aber auch Heinrich Heine Spaß gehabt. Die gereimten Zweizeiler könnten problemlos für sich stehen; die Bilder jedoch setzen den entscheidenden humoristischen Akzent.

In den Cartoons, die nur aus Einzelbildern bestehen, ist das genau andersherum. Da sieht man etwa eine Katze, wohlig zugedeckt und in der Körperhaltung eines Menschen, in einem breiten Bett schlummern, während ihr Herrchen wie ein Panther auf einem riesigen Kratzbaum schläft. Das ist an sich schon komisch, wird aber noch komischer durch das kontrastierende Zusammenspiel von dem mit malerischer Sorgfalt angelegten Bild - Traxler ist definitiv kein Freund des Krakeligen und Skizzenhaften - und dem trocken bis lakonisch formulierten Text: "Herrn Löhleins Katze hat einen starken Charakter."

Zu den stärksten Stücken der Schau zählen die Illustrationen der "Zaubermärchen"

Vielfältig sind auch Traxlers Illustrationen, von Klassikern (darunter Eichendorff, Christian Morgenstern, Mark Twain) oder eigenen schriftstellerischen Werken. In "Warum bin ich kein Huhn, Mama?" wirft er einen distanziert-amüsierten Rückblick auf ein vergangenes Ich. Zugleich gibt es in den komplett ausgestellten Bildern dieses Buches, der kindlichen und pubertären Imagination entsprechend, keine Differenzen zwischen Realem und Imaginärem: Wenn Hans nachts im Traum die Dorfstraße hinunter fliegt, oder sich später ausmalt, zusammen mit seiner Freundin auf dem Rad vor den Russen zu fliehen, sind solche Fantasien nicht anders gezeichnet als Ereignisse, die sich tatsächlich zugetragen haben.

Zu den stärksten Stücken in Frankfurt zählen die Illustrationen der "Zaubermärchen für Kinder und Erwachsene" (2008). Traxler vermeidet jede Anmutung von Kitsch, setzt ganz auf klare Linien und Kompositionen. Wie raffiniert seine Bilder sind, wird erst sichtbar, wenn man genau hinschaut und lauter versteckte Korrespondenzen entdeckt: Die Flügel eines riesigen braunen Vogels, auf dem ein Mann reitet, entsprechen einem grünen Schal, den eine Frau aus einem Burgfenster flattern lässt; der bunte Schweif eines Pfaus wird vom langen schwarzen Zopf eines Chinesen aufgenommen; ein dicker alter Mann gleicht den knollenartigen Bäumen, die neben einem Jungbrunnen stehen.

Bei so viel Meisterschaft ist es fast schon beruhigend, dass auch Traxler seine Grenzen hat. Die Plein-Air-Malerei, die er leidenschaftlich betreibt, mag für ihn ein wichtiges Gegengewicht sein, aber die in gedeckten Farben gehaltenen Bilder von Bergen und Hängen, Wiesen und Wolken, mitunter ins Abstrakte spielend, bleiben doch hinter seinen sonstigen Arbeiten zurück. Gleiches gilt für die zwischen Realismus und Verzerrung etwas unentschieden schwankenden Karikaturen von Prominenten wie Friedrich Nowottny oder dem Fernseh-Pfarrer Sommerauer, die Traxler in den Achtzigern für Titanic angefertigt hat.

Staunenswert, bewunderungswürdig ist die vom hohen Alter völlig ungebrochene Kreativität Traxlers, die ihn in dieser Hinsicht als einen Picasso der Komischen Kunst erscheinen lässt. In den Bildern, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind - das vermutlich jüngste ist auf den 5. Mai datiert -, sitzen jeder Strich, jede grafische und verbale Pointe. Eine mit sanfter Ironie grundierte Liebeserklärung an all die Freuden, die ein sommerlicher Aufenthalt am Ammersee zu bieten hat, endet mit der Zeile: "Sie alle sagen dir nur dies: / Mensch, du bist im Paradies!" Glücklich der Künstler, der so etwas in seinem zehnten Lebensjahrzehnt sagen kann - und das Publikum, das von ihm weitere Werke erwarten darf.

Hans Traxler: Zum Neunzigsten, im Caricatura Museum Frankfurt - Museum für Komische Kunst, bis 22. September, kein Katalog.