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Ausstellung:Omer Fast in München

Omer Fast, "Karla", 2020, Foto von Evelyn Vogel zur Ausstellung 
MAX BECKMANN / OMER FAST ABFAHRT, vom 08.10.2020 - 10.01.2021, Pinakothek der Moderne, ACHTUNG: nur redaktionelle Verwendung zur Berichterstattung über die Ausstellung!
(Foto: Evelyn Vogel/ © Omer Fast 2020)

Von Evelyn Vogel

Es ist auf sehr leise Art unheimlich. Erst irritieren nur die toten Augen. Dann die Worte. Über die können auch die bewegte Mimik und das hilflose Lächeln des androgynen Gesichts nicht hinwegtäuschen. Worüber "Karla", diese von Omer Fast geschaffene holografische 3D-Projektion, in einer guten halben Stunde spricht, ist alles andere als gut. Es geht um Videos voller Hass, Gewalt, Sex, Missbrauch und Falschinformationen auf der weltweit größten Videoplattform. Zehn Minuten bleiben den "Content Managern", um zu entscheiden, was gelöscht werden muss. Jede Nacht, acht Stunden lang - und nach der Schicht? Ist Schicht im Schacht. Irgendwann hat die Person, die Omer Fast für sein Kunstprodukt "Karla" interviewt hat, hingeworfen. "Die Albträume haben nie aufgehört."

Das Hologramm ist eine von mehreren neuen Arbeiten des israelischen Künstlers, die er für die Ausstellung "Abfahrt" der Graphischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne in München geschaffen hat. Wieder geht es um aktuelle Themen, die er in künstlerische Formate übersetzt, wie man es von früheren Arbeiten kennt. Wieder geht es um Traumata, um Leerstellen. Zugleich ist die Gesamtinszenierung eine Auseinandersetzung mit einem Heroen der deutschen Kunstgeschichte: Max Beckmann. Nicht mit dem Maler, der sich so gern als Dandy porträtierte. Sondern mit dem im Krieg psychisch versehrten Menschen, der sich 1917 in einem irritierend bruchstückhaften Selbstbildnis zeichnete. Die Graphische Sammlung hat die Zeichnung erworben und bittet zeitgenössische Künstler, darauf zu reagieren.

Omer Fast tut dies als erster - mit einer bruchstückhaften Inszenierung, in der schon auf dem Weg zum Ausstellungsraum die Videocollage "Holes" den Ton setzt: Es geht um Verlust, um das Verschwinden von Realität und die Suche nach Wahrheit. Die Wohnung, die man danach betritt, sieht aus, als ob die Bewohner gerade eingezogen wären. Überall Umzugskartons. "A Place Which Is Ripe", eine Befragung von "Super Recognizern", die in der Masse Verdächtige aufspüren, läuft auf drei Smartphones im Kinderzimmer. "Karla" hat er im intimsten Raum der Wohnung, im Schlafzimmer, installiert. Auch deshalb geht die Geschichte so unter die Haut.

© SZ vom 17.10.2020

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