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Ausstellung:Nachts, wenn du schläfst

Monster, Teufel und Dämonen

Hannya, Dämonenmaske einer eifersüchtigen Frau; Japan, Edo-Zeit, 18. Jh., Geschenk der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft.

(Foto: Museum Rietberg Zürich)

Ein einziger Albtraum: Das Zürcher Museum Rietberg widmet sich in einer eindringlichen Schau allen möglichen Monstern, Teufeln und Dämonen. Dabei geht es auch um Formen des Exorzismus.

Von Charlotte Theile

Beim Aufwachen ist er noch ganz nah. Ein Zerrbild, eine Fratze, rote Augen, Dunkelheit. Eine halbe Stunde später, beim Kaffee, ist er nur noch ein Schatten. Diese altbekannte Angst, die mal wieder durch die Träume geschlichen ist, man schüttelt den Kopf. Dass es diese Gestalt überhaupt noch gibt. Wie sie aussieht? Aus dem haarigen Monster mit Fangzähnen, das nachts unter dem Kinderbett wartete, ist mit den Jahren etwas anderes geworden. Zivilisierter, aber nicht weniger bedrohlich. Ein Steuerbeamter, ein Haustier, ein totes Kind. Der Fantasie sind hier, leider, keine Grenzen gesetzt.

Ein regnerischer Sommermorgen im Zürcher Museum Rietberg. Durch einen dicht bewachsenen grünen Park führt der Weg zu einer alten Villa aus rotem Backstein. Darinnen warten drei Kuratoren. Sie haben den Versuch unternommen, das auszuleuchten, was sonst Albtraum bleibt. "Monster, Teufel und Dämonen" heißt die Ausstellung, die noch bis zum 16. September im Rietberg-Museum gezeigt wird.

Die größte Überraschung steht gleich zu Beginn: Obgleich Dämonen aus Persien, Japan, Indien und der Schweiz abgebildet sind, sehen sie sich alle erstaunlich ähnlich. Denn, ja: Dämonen sind Menschen. Grobschlächtige, große Gestalten, aus deren ungezähmten Köpfen wilde Hörner wachsen. Mit viel Fantasie haben Künstler in Iran, in Indien, in Japan Furunkel, Krallen und Fangzähne zu Papier gebracht. In all dieser Unübersichtlichkeit machen Details den Unterschied: In Japan enden Füße und Arme der Dämonen in drei Krallen, überall sonst auf der Welt sind fünf Krallen üblich.

Caroline Widmer, die im Museum Rietberg für indische Malerei zuständig ist, hat die Ausstellung gemeinsam mit Axel Langer (Persien) und Khanh Trinh (Japan) entworfen. "Zunächst haben wir uns alle auf die Suche nach Dämonen in unseren Sammlungen gemacht. Dass es durch die Jahrhunderte und Kulturen so eine deutliche Ähnlichkeit gibt, ist uns erst nach und nach klar geworden."

Es sind wilde, ungezähmte Wesen. Sie bilden die Antithese zum kultivierten Menschen

Ein erster kleiner Raum stellt die Dämonen vor, Indien im 15. Jahrhundert, Japan um 1813, ein unbekannter iranischer Künstler im späten 16. Jahrhundert. Chaos? Überhaupt nicht. Der Dämon Hiranyaksha ist in ein lebhaftes Gespräch mit seinem Vater Kasyapa verwickelt, beide kombinieren prächtige bunte Unterhosen mit schwerem Goldschmuck.

Man bekommt langsam ein Gefühl für diese bunten, unordentlichen Wesen, stolz, ungezähmt, furchterregend. Außenseiter ohne Stilbewusstsein und Manieren, die Antithese zum kultivierten Menschen.

Wie wohl ein heutiger Dämon aussehen würde? Fett, faul, träge auf der Couch fläzend? Hyperaktiv? Hasserfüllt? Oder würde jedes politische Lager, jede Kultur ihren eigenen Teufel entwerfen, um am Schluss begeistert zuzusehen, wie der Gegenspieler geköpft wird?

Es gibt keine Dämonengeschichte, in der nicht gekämpft wird. Bei dem Monster unter dem Bett reichte es, das Licht anzuschalten. Nachschauen, Monster weg.

Andere treten in den Nahkampf ein: Der Vatikan bildet bis heute Dämonenbezwinger aus. Meist geht es darum, miteinander zu beten, der gequälten Seele Ruhe zu schenken. Gelegentlich kommt auch stärkeres Geschütz zum Einsatz.

Der Exorzismus der Studentin Anneliese Michel ist ein Horror für sich - er wurde oft verfilmt

Die Geschichte der Studentin Anneliese Michel, die 1976 nach monatelanger Unterernährung und 67 Exorzismen völlig entkräftet verstarb, ist viele Male verfilmt worden. Eine Horrorvision, auch, weil die Studentin in ihrem Hungerdelirium immer überzeugender wurde. In den letzten Wochen ihres Lebens war Michel, die vermutlich an Epilepsie litt, so von ihrem Leiden beherrscht, dass sie dem Albtraum der verzerrten, schreienden Fratze ziemlich nahe gekommen sein dürfte. Die Priester, überzeugt, den Dämon Luzifer sowie Wiedergänger von Nero, Judas, Hitler und einen früheren, sündigen Priester namens Valentin Fleischmann in ihrem ausgemergelten Gesicht zu erkennen, exorzierten unermüdlich weiter.

In den Fantasiegeschichten im Museum Rietberg haben die Dämonenbezwinger mehr Erfolg. In heroischen Schlachten überlisten und enthaupten sie Dämonen. Manche fliegen dabei gen Himmel oder können einen Deal mit einer Gottheit abschließen, der ihnen eine ungefährliche Subexistenz ermöglicht.

In Japan und im Nahen Osten ziehen meist menschliche Helden in den Kampf mit den Bösewichtern, in Indien müssen die Gottheiten die Menschen von ihren Dämonen befreien - ganz ähnlich wie im Katholizismus. Ein besonders fleißiger Dämonenjäger aus Japan ist gar zum Schutzpatron aller Knaben geworden. Ein Bild des unermüdlichen Shoki hängt in jedem Haus, in dem kleine Jungen aufwachsen. Ein Dämonen-Präventionsprogramm.

In der Schweiz dagegen sind es vor allem die Fasnachtsmasken, die mit ihren Hörnern und Zungen an Dämonen erinnern. Etwa "Roter Teufel", eine besonders schauderhafte Maske aus der Innerschweiz, 19. Jahrhundert. Geeignet, um den Winter zu vertreiben - und Kinder Folgsamkeit und Albträume beizubringen.

Wer heute in der Schweiz einen "Befreiungsdienst" wünscht, landet vermutlich bei Beat Schulthess, einem Offizier der Heilsarmee aus dem Zürcher Oberland. Schulthess ist eine Mischform aus menschlichem Dämonenbezwinger und gläubigem Christ. Ein Guru, der selbst "durch die Kraft Jesu Christi" von "dämonischen Belastungen" befreit worden ist und nun das Vermächtnis weitergibt. Schulthess ist einer der bekanntesten Dämonenkrieger des Landes. Immer wieder sind Reporter bei ihm zu Gast, beobachten ihn bei seiner ungewöhnlichen Arbeit.

So richtig seltsam scheint das niemand zu finden. Die Vorstellung, vom Geiste Luzifers besessen zu sein, klingt zwar nach Horrormovie. Aber dass jeder Mensch mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat? Mit Ängsten, die so stark sind, dass sie einen über Monate und Jahre beherrschen? Mit Gedanken, die wie von einer dunklen Macht gesendet erscheinen? Für viele ist das eine ziemlich reale, verzweifelte Situation. Jeden Freitag um 19 Uhr ist Schulthess' "Befreibar" für Besessene geöffnet, auch Häuser, in denen Dämonen leben, können befreit werden.

Die Ausstellung im Museum Rietberg sieht sich als psychologische Reise. Nachdem die Dämonen vorgestellt und bezwungen wurden, betritt man einen dritten Raum. Tageslicht. Die Albtraumgestalten der Nacht sind zwar noch da, sehen aber bei Licht betrachtet auch ein bisschen komisch aus. Dämonen sind in diesem Raum auch nur Menschen, auffallend hässliche, die dumm und ein bisschen entrückt verlorenen Schlachten hinterhertrauern, ungläubig nach ihrer abgeschlagenen Nase greifen - oder ganz alltägliche Dinge tun. Sie überbringen Botschaften, erledigen Hausarbeit, hängen gelangweilt herum.

Anders gesagt: Der Schrecken der Nacht ist vorüber. Ein bizarrer Traum, den man später seinen Freunden beim Wein erzählt. Ein bisschen ausgeschmückt, ein bisschen überinterpretiert, ist doch spannend, was so eine komische Gestalt alles bedeuten könnte. Am Ende ist der Dämon dann nicht mehr als eine Karikatur, ein überzeichnetes Ding, zum Totlachen freigegeben.

Die Ausstellung, die sich am Programm der diesjährigen Zürcher Festspiele "Schönheit. Wahnsinn" orientiert, endet blutig. Ein Buffet, ganz in Rot, feiert zum Abschluss das Grauen. Seien alles nur Rote Bete, beruhigt der Koch, wahnsinnig lecker. "Nur keine Angst. Beißen Sie zu."

© SZ vom 25.06.2018

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