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Ausstellung:Mysterium für Millionen

In Nürnberg zeigt Elliott Landy seine historischen Backstage-Fotos von Woodstock

Woodstock ist der Beweis, dass Zeitreisen nie möglich sein werden. Darüber unterhielten sich schon damals Musiker, die dabei waren, wie Jerry Garcia, Frontmann von Greatful Dead. "Noch während es in vollem Gang war, konnte man die historische Dimension dieses Ereignisses spüren." Daraus folgerte er: "Die Leute aus der Zukunft wären gekommen, um dabei zu sein." Während Jerry Garcia den Rest seines Lebens versuchte, den Auftritt seiner Band zu vergessen ("Unsere Performance war miserabel"), versucht wohl jeder Rockfan, jeder Festivalbesucher vom "Woodstock der Blasmusik" bis zum "Woodrock" an der Loisach, der damals noch nicht geboren, zu jung oder gerade am falschen Ort war, die "Mutter aller Festivals" nachzuerleben.

Elliott Landy war da. Nicht nur das, als offizieller Fotograf des Open Airs prägte er das Bild, das die Welt von Woodstock hat. 160 seiner Aufnahmen sind nun in einer Ausstellung in der Egidienkirche in Nürnberg zu sehen, zum Teil riesig vor den zwölf Meter hohen Fenstern der Basilika, die in psychedelischen Lichtspielen ein wenig die LSD-Trips von damals heraufbeschwört. Landys Bilder wecken - auch im nun auf Deutsch erhältlichen Buch "Woodstock Vision" (Zweitausendeins) - bis heute Sehnsüchte nach diesen "drei Tagen Frieden, Liebe und Musik" zwischen Drogen-Delirium, Hippie-Völkerwanderung, Rock-Offenbarung und Schlammschlacht. Genauso sei es auch gewesen, erzählte Landy jüngst. Er war in München eingeladen zum Dok-Fest, wo der neue, BR mitproduzierte Dokumentarfilm lief. Landy war so dicht dran wie kaum einer sonst.

Auf der Bühne: Joe Cocker und Band.

(Foto: Elliott Landy)

Er wohnte damals (wie heute noch) im Örtchen Woodstock im Norden New Yorks. Ein Mysterium hatte sich um es aufgebaut, weil Bob Dylan und andere Künstler dort abgeschottet wohnten. Landy hatte sich als Fotograf der Gegenkultur einen Namen gemacht, auch wegen seiner raren Dylan-Fotos. Seine Schwester stellte ihm eines Tages am Marktplatz einen zugezogenen Lockenschopf vor: Michael Lang. Der parkte bald darauf sein Motorrad vor Landys Veranda, sagte, er wolle da so ein Happening mit Kunst und Musik veranstalten, und ob er nicht fotografieren wolle. Landy sagte: "Okay." Lang sagte: "Ich melde mich."

Bald darauf bat Lang Landy um einen Gefallen. Er sollte Dylan überreden aufzutreten. "Also ging ich zu Bobs Haus rüber, und fragte ihn. Aber er sagte: ,Ich weiß nicht so recht.'" Inzwischen hatte Lang das Open-Air von Woodstock nach Wallkill verlegen müssen, wo die Einheimischen aber ebenso feindselig reagierten: "Bob hatte gehört, dass die Leute dort Knarren mitbringen wollten, davor hatte er Angst." Der menschen- und festivalscheue Dylan kam dann auch nicht auf die Milchviehfarm in Bethel, wo das Festival tatsächlich stieg - friedlich, aber ausufernd.

Sie kamen zu Hunderttausenden und lagen, tanzten und feierten ihren Stars und Gurus zu Füßen.

(Foto: Elliott Landy)

Landy ließ sich treiben. Entspannt kam er von Norden mit dem Auto über die Hügel der Catskills hereingefahren und entging so dem Riesenstau der vor allem aus New York heranbrandenden Massen. Er hatte die Taschen voll mit 76 Kleinbildfilmen und ansonsten keinen Plan. "Ich war ja kein Journalist, ich konnte machen, was ich wollte." Er stand hinter Swami Satchinanda auf der Bühne, als der indische Guru das Festival mit einem Gebet eröffnete. Und als zunächst allein Richie Havens bereit war, Musik zu machen, hielt er das auch fest - "da war ich noch frisch und stark und hatte jede Menge Film übrig". Sein Lieblingsmoment und -motiv war Janis Joplin auf der Bühne, die ihn anlacht und keck ihren Hintern rausstreckt; backstage zeigt er die Sängerin, wie sie sich Champagner in einen Plastikbecher gießt. Joe Cocker schreiend und das Batikhemd durchschwitzend, Melanie versonnen in Schwarz-Weiß, Johnny Winter entrückt, Credence Clearwater Revival unscharf, Ravi Shankar mit monströser Sitar, Joan Baez im kühlen Blau, Bob "The Bear" Hite von Canned Heat, der einen auf die Bühne gestürmten Fan umarmt - Landy war überall nah dran. Aber es ging eben nicht nur um die Musik, wie man auf seinen Fotos von den entfesselten Massen, von im Yoga-Kopfstand stehenden Jugendlichen und beseelten Hippie-Kleinfamilien sieht. "Es war eine Bewegung, ein Bewusstsein, der Geist dieser Sechzigerjahre-Generation", sagt er, "junge Leute hatten die utopische Vision, die Welt zu einem besseren Ort zu machen." Landy ist sich sicher, dass diese "spirituelle Kraft" noch immer wirkt.

Vielleicht kommt das Woodstock-Jubiläum also zur richtigen Zeit. Überall feiert man es. In Nürnberg läuft "Woodstock - das Rockmusical", das "drei legendäre Tage in drei Stunden" packt. Das wird vielleicht gar nicht so gruselig, wie es klingt. Eine niederländische Truppe spielt da zwar auch kleine Szenen nach, versinkt aber vor allem in der Musik. Das rührte bei der Premiere in Holland sogar Bobby und Nick Ercoline zu Tränen, das Paar, das man eingehüllt in eine Decke vom Cover der Woodstock-LP kennt. Ein Bild, das Elliott Landy nicht geschossen hat. Er konnte nicht überall sein. Alle, die gar nicht in Bethel dabei waren, tröstet der liebenswerte 77-Jährige: "Wer damals noch nicht geboren war, hat wenigstens noch ein paar Jahre länger zu leben. Es kommen noch andere tolle Ereignisse." Ereignisse, die Woodstock toppen? "Nein, das nicht, das war einmalig."

Elliott Landys Woodstock Vision , 16. Aug. bis 30. Sep., Egidienkirche Nürnberg, Eröffnung mit Elliott Landy, Do., 15. Aug., 20 Uhr; Woodstock - das Rockmusical , So., 18. Aug., 19 Uhr, Serenadenhof