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Ausstellung:Momente des Glücks

Die Schau "Neue Nachbarschaften II" in der Alten Pinakothek ist erhellend - auch im Hinblick auf die zukünftige Sammlungsordnung

Von Evelyn Vogel

Man könnte weinen. Aus Mitleid. Weil wegen der Sanierung der Alten Pinakothek die Sammlungspräsentation so enorm eingeschränkt ist. Man könnte aber auch weinen. Vor Glück. Weil die Schau "Neue Nachbarschaften II" viele Meisterwerke der französischen, spanischen, italienischen, flämischen, holländischen und deutschen Barockmalerei, die sonst getrennt hängen, auf verhältnismäßig engem Raum vereint.

Weil man durch die Nähe des Betrachters zu den Gemälden von Rubens, Rembrandt, Reni, Murillo und anderen vorher nie wahrgenommene Details zu sehen bekommt. Weil die Bilder, die üblicherweise in Tageslichtsälen hängen, nun unter dem andersfarbigen Kunstlicht noch mal ganz anders leuchten. Weil durch die mutige und intelligente Kombination Zusammenhänge deutlich werden, die Lust und Laune machen, diese Entdeckungsreise fortzusetzen. Weil, weil, weil . . .

Bis voraussichtlich Ende 2018 wird die Alte Pinakothek wegen der Sanierung immer wieder in Teilen geschlossen. Im Obergeschoss sind das bis Ende des Jahres die beiden Rubenssäle, die Säle und Kabinette mit der Barockmalerei der Holländer, der Italiener, der Franzosen und der Spanier. Weil das Museum währenddessen die Bilder aber nicht allesamt und dauerhaft im Depot verschwinden lassen will, hat es bereits im vergangenen Jahr begonnen, Sonderschauen zu arrangieren. Unter dem Titel "Neue Nachbarschaften" lässt sie Künstler einander begegnen, die üblicherweise nicht nebeneinander hängen, weil die Sammlung der Alten Pinakothek nach nationalen Schulen gegliedert ist. Eine Tradition noch aus der Klenze-Zeit. Dass diese Art der Präsentation für den neuen Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Bernhard Maaz, nicht sakrosankt ist, hat er im Interview mit der SZ zum Amtsantritt angedeutet. Was er zuvor in Dresden nach der Sanierung gemacht hat, könnte auch München bevorstehen. Dass dies den Alten Meistern nicht zum Nachteil gereichen muss, belegt das "Nachbarschafts"-Konzept eindrücklich.

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Lust und Gier in unterschiedlichen Facetten: Peter Paul Rubens "Der Raub der Töchter des Leukippos" stammt aus dem Jahr 1618.

(Foto: bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Im Erdgeschoss hat man auf der Achse des Klenzeportals etwa 50 Meisterwerke aus der Sammlung nach den vier Themenbereichen "Mythologie und Natur", "Bildnis", "Rom um 1600" und "Caravaggismus" kombiniert. Bei fast allen im Mittelpunkt: die menschliche Figur. Ganz wunderbar, die beherrschte Strenge von Rubens' Selbstporträt mit Isabella Brant in der Geißblattlaube zu sehen neben der unbeherrschten Gier der Pastetenesser von Murillo. Oder Van Honthorsts liederlichen Studenten mit Gentileschis Schwestern im Spiegel zu vergleichen. Doch nicht nur Porträt-Vergleiche lassen sich anstellen - ausführlich im Raum Rembrandt und seine Schülern. Auch Einflüsse anderer Schulen kann man entdecken. Wie sich die Malweisen der Niederländer durch ihre Aufenthalte in Rom sowie der Verehrung von Caravaggio veränderten, wird im wahrsten Sinne "einleuchtend" vorgeführt.

Man kann, man muss aber nicht diesen analytischen Blick beweisen, um die Schau zu honorieren. Der Genuss stellt sich auch so ein. Laden am Anfang der Schau eher distinguierte Porträts, mythologische Landschaften und opulente Stillleben den feinen Connaisseur ein, einzutauchen in die Bildwelten, so lockt am Ende das ganz große Drama. Im letzten Raum wird es sehr körperlich. Egal, ob mythologische, religiöse oder weltliche Themen dargestellt werden, hier herrscht die Fleischeslust. Welch ein Glück.

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Bartolomé Esteban Murillos "Die Pastetenesser", entstanden um die Jahre 1675/82.

(Foto: bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Neue Nachbarschaften II - Rubens, Rembrandt, Reni, Murillo, Alte Pinakothek, Barer Straße 27, Di-So 10-18 Uhr, Di bis 20 Uhr

© SZ vom 02.05.2015
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