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Ausstellung:Marathon im Hamsterrad

Eine Schau im Museum Glaskasten in Marl über das Kunstprogramm der Olympischen Spiele 1972 in München.

Von Alexander Menden

In einem der sieben frisch digitalisierten Filmloops, die das Marler Skulpturenmuseum Glaskasten derzeit in seinem luftigen Tiefgeschoss zeigt, sieht man irgendwann ein handgeschriebenes Plakat, auf dem steht: "Die Spielstraße wurde nicht von uns, sondern vom Olymp. Komitee von heute an geschlossen!" Ein Mann ist zu sehen, der große weiße Ballons einen nach dem anderen von einer Hängevorrichtung holt. Dann ein Schwarz-Weiß-Bildschirm, auf dem der Sportreporter Harry Valérien mit ungewohnt ernstem Gesicht erscheint. Diese Aufnahme entstand am 6. September 1972.

Die Spiele gingen damals weiter, doch das Kulturprogramm wurde nach 13 Tagen vorzeitig beendet

Die Tonspur der Dokumentaraufnahmen, die der Filmemacher Theo Gallehr damals vom Kultur-Begleitprogramm der Olympischen Spiele in München, der sogenannten Spielstraße machte, ist verloren gegangen. Doch man ahnt, über was Valérien da spricht: Am Tag zuvor hatten palästinensische Terroristen einen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft verübt und elf Geiseln genommen. Das mündete am 6. September in einem Blutbad am Flughafen Fürstenfeldbruck, bei dem unter anderem alle israelischen Geiseln starben. Die Spiele gingen damals weiter, doch das Kulturprogramm wurde nach dreizehntägiger Laufzeit vorzeitig beendet.

Dass man nun in Marl einen Einblick in das bekommt, was rund 1,2 Millionen Besucher während der Zeit zu sehen bekamen, ist vor allem Anita Ruhnau zu verdanken. Die Witwe des im Jahr 2015 verstorbenen Architekten Werner Ruhnau hat einen umfangreichen Fundus an Archivmaterial, Kunstwerken, Konzepten und Dokumenten im Keller ihres Essener Hauses gelagert. Ihr Mann war damals Intendant und Hauptkurator des Münchner Olympiaprogramms, Anita Ruhnau arbeitete dort als Projektleiterin. Nun hat sie diesen bisher ungehobenen Schatz dem Marler Museum zugänglich gemacht, das in einem brutalistischen Rathauskomplex aus den Sechzigerjahren untergebracht ist, und selbst viel von der Aufbruchsstimmung des Münchner Olympiaprogramms atmet. Die Schau konzentriert sich nun auf den Aspekt der bildenden Kunst. Die Grundidee des Generalintendanten Ruhnau war es allerdings, ein spartenübergreifendes Programm zu bieten, das während der Spiele täglich zwölf Stunden lang Performances, Theater, Kleinkunst, Happenings, Installation und Musik bieten sollte. Das deckte sich wohl mit den Plänen des Münchner Kulturreferenten Herbert Hohenemser. Er wollte den künstlerischen Aspekt der Spiele betonen, und hatte damit geholfen, Olympia an die Isar zu holen. Willi Daume, der Vorsitzende des Nationalen Olympischen Komitees, hatte Werner Ruhnau 1967 bei der Weltausstellung in Montreal kennengelernt, für die Frei Otto und Rolf Gutbrod den deutschen Pavillon gestaltet hatten. Die Anbahnung des Programms ging übrigens unbürokratisch vonstatten - mehr oder minder per Handschlag.

Die Spielstraße München 1972 Archiv Ruhnau

Die Spielstraße, das kulturelle Beiprogramm der Olympiade in München im Jahr 1972, sahen mehr als 1,2 Millionen Besucher.

(Foto: Die Spielstraße München 1972/Archiv Ruhnau)

Ruhnau war es schon als Theaterarchitekt, etwa beim Entwurf des 1959 in Gelsenkirchen eröffneten "Musiktheaters im Revier", immer darum gegangen, die Grenzen zwischen den Kunstsparten durchlässig zu machen. Das spiegelte sich auch in der Spielstraße, die, wenn man die Filme betrachtet, tatsächlich etwas von einem großen Spielplatz oder Jahrmarkt hatte. Die Arbeiten, die in Marl gezeigt werden, haben durchaus mit Sport und Wettbewerb zu tun. Doch alle weisen auch eine ironische oder kritische Brechung des Wettbewerbsgedankens auf, die man sich bei den von Sponsorenprioritäten mitgeformten Kulturprogrammen Olympischer Spiele neueren Zuschnitts nicht mehr recht vorstellen kann.

In der Eingangshalle steht etwa ein riesiges Hamsterrad, dem Timm Ulrichs den Titel "Olympische Tretmühle" gab. Dreizehn Tage lang lief der damals 32-jährige "Totalkünstler" darin einen Marathon, in Straßenkleidung. Die Sinnlosigkeit dieses Rennens auf der Stelle konnte als satirischer Kommentar auf die wirklichen Rennen gelesen werden, wirkt in den Dokumentaraufnahmen Gallehrs aber vor allem ziemlich lustig. Die Skulptur aus verdrehten Flaggen, die der Peruaner Jorge Eielson wie Mikadostäbe übereinander fallen lässt, funktioniert als Nationalismuskritik ebenso wie als formelle Spielerei.

Die Spielstraße München 1972 Archiv Ruhnau; Münchner Spielstraße 1972

Das blutige Ende der Geiselnahme im olympischen Dorf führte nicht zu einem Ende der Spiele. Doch wurde das Begleitprogramm nach 13 Tagen ausgesetzt.

(Foto: Die Spielstraße München 1972/Archiv Ruhnau; Henning Rogge/Urbane Künste Ruhr 2020)

Einige der erhaltenen Stücke, vor allem zahlreiche Grafiken, sind in bemerkenswert gutem Zustand. Andere waren im feuchten Essener Keller nicht optimal aufgehoben. So mussten die mit Montageschaum grotesk aufgeblähten Mannequins in der Installation "Sportler nach dem Endspurt", geschaffen vom Düsseldorfer Avantgardisten Günter Weseler, erst einmal von Ungeziefer befreit werden. Nun sind sie als frühe Dopingkritik im gleichen Raum zu sehen wie die überraschend filigranen Sportlerzeichnungen des im vergangenen Jahr verstorbenen Beuys-Schülers Anatol Herzfeld.

Es ist eine genau recherchierte, trotz übersichtlicher Platzverhältnisse großzügig präsentierte Schau, die das Marler Museum ausgerichtet hat. Ihr Hauptverdienst liegt darin, die Münchner Spielstraße als - leider unvollendet gebliebenes - Kunstereignis überhaupt wieder ins Gedächtnis geholt zu haben. Dem Vernehmen nach erwägt die Stadt München, im Jahr 2022 feierlich auf die Spiele der XX. Olympiade zurückzublicken, die dann exakt ein halbes Jahrhundert zurückliegen werden. Die Spielstraße sollte dann unbedingt Teil des Programms sein, nicht zuletzt, weil sie mit Themen wie offener Gesellschaft, öffentlicher Teilnahme und Versammlungsfreiheit so gegenwartsrelevant wirkt. Marl gibt hier einen sehr willkommenen Vorgeschmack.

Die Spielstraße München 1972 Archiv Ruhnau

Die Spielstraße war Jahrmarkt, Kabarett- und Kleinkunstbühne in einem. Dem Konkurrenzgedanken der Olympiade begegnete sie mit Ironie.

(Foto: Die Spielstraße München 1972/Archiv Ruhnau)

Die Spielstraße München 1972 - Kunst als Kommentar zu den olympischen Spielen. Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl. Bis 1. November.

© SZ vom 16.09.2020

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