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Tizians "Mythologische Leidenschaften" im Prado:Von Schmerz und Leidenschaft

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EXHIBITION MUSEO DEL PRADO 
Mythological Passions: Tiziano, Veronese, Allori, Rubens, Ribera, Poussin, Van Dyck, Velázquez

Berühmter Rückenakt: Tizian malte sein oft kopiertes Bild "Venus und Adonis" im Jahr 1554.

(Foto: Museo Nacional del Prado)

Eine Tizian-Ausstellung im Madrider Prado zeigt viel nackte Haut. Sie verhandelt Fragen von Macht und Missbrauch - und ist zugleich Kommentar zur Pandemie.

Von Karin Janker

Selten in der Filmgeschichte wurde Haut so kunstvoll in Szene gesetzt wie in Pedro Almodóvars "Die Haut, in der ich wohne". Selten war ein Film so unterfüttert mit Kunsttheorie. "Ich weiß, dass du mich ansiehst", sagt die Frau zu dem Mann, der sie gefangen hält und sie Tag für Tag per Überwachungskamera beobachtet, wie sie da liegt, quasi nackt, seinen Blicken ausgeliefert. Die Frau ist sein Werk. Der Mann, ein wahnsinnig gewordener Schönheitschirurg, hat ihr Gesicht nach dem Abbild seiner verstorbenen Ehefrau geformt. Er hat ihr nicht nur ein neues Gesicht verpasst, sondern auch eine Haut, glatt und schimmernd und undurchdringlich wie eine Rüstung. Der Mann betrachtet die Frau wie ein Kunstwerk, als wäre sie eine Venus von Tizian.

Almodóvar hat aus dem Mythos vom lebendigen weiblichen Kunstwerk einen Thriller gemacht. Üblicherweise wird der Film aus dem Jahr 2011 nicht zu den großen Meisterwerken des spanischen Regisseurs gezählt. Nun aber erweist er sich als erhellender Kommentar zu der Tizian-Ausstellung, die derzeit im Madrider Prado zu sehen ist. Denn auch diese verhandelt anhand von Frauenbildern Fragen von Macht und deren Missbrauch.

Die Besucher sehen, was nicht einmal der Maler selbst jemals zu sehen bekam.

Unter dem Titel "Mythologische Leidenschaften" zeigt das Museum Werke von Veronese, Rubens, Allori, Poussin, Velázquez, Van Dyck und Ribera; im Mittelpunkt aber stehen sechs Gemälde Tizians, die sich der Darstellung von Begehren und Schönheit widmen. In der Geschichte der westlichen Kunst gab es wenige Maler, die derart besessen waren von der Idee, Haut lebensecht darzustellen, wie der Venezianer Tizian. Zu seiner Zeit kursierten diverse Rezepturen, wie Inkarnat, die Fleischfarbe, herzustellen sei: Malern wurde geraten, nicht nur Rot und Weiß sowie Ocker und Braun zu mischen, sondern auch Blau und Grün als Untertöne aufzutragen. So lauert im Lebendigen immer auch das Tote, Verwesende. In seinem Spätwerk vervollkommnete Tizian die Darstellung des Fleisches.

Der Schau in Madrid gelingt eine kunsthistorische Sensation: Sie bringt erstmals seit 450 Jahren jene Gemälde in einem Raum zusammen, die Tizian von 1553 bis 1562 für den spanischen Thronfolger und späteren König Felipe II. gemalt hat. Die Besucher sehen, was nicht einmal der Maler selbst jemals zu sehen bekam: alle sechs Bilder in einem Saal. Tizian, der nie in Spanien war, schickte die Bilder im Laufe von fast zehn Jahren nach und nach an seinen Mäzen. Er ließ wenig Zweifel daran, dass die Werke eines Tages zusammen stehen sollten. So schrieb er an Felipe, dass er die Venus mit Adonis deshalb in einer - damals als besonders erotisch geltenden - Rückenansicht malte, weil die Danae im ersten Gemälde von vorne zu sehen gewesen war. Dieses Spiel mit Gegensätzen entfaltet seinen Reiz erst, wenn man die Bilder tatsächlich in einem Saal vereint sieht wie jetzt in Madrid.

Nackte Haut ist das eigentliche Motiv dieser Ausstellung. Sie zeigt nicht nur Meisterwerke, sondern zeichnet in deren Subtext auch ein Portrait des spanischen Königs Felipe II. als Sammler erotischer Kunst. Der Mäzen war als Frauenheld bekannt, er sollte etwas geboten bekommen: Tizian malte sechs Szenen aus der griechisch-römischen Mythologie, in denen jeweils Frauen in aufreizenden Posen im Zentrum stehen. Danae und Venus in den ersten beiden Bildern sind bei Tizian noch spärlicher bekleidet als in zeitgenössischen Darstellungen. Nackte Haut, zumal wenn sie vom Meister des Inkarnats gemalt ist, war schon immer eine Provokation. Im abgedunkelten Ausstellungsraum eines Museums, das einen im Jahr 2021 mit Fieberthermometer und Desinfektionsmittelspendern empfängt, provoziert so viel nackte Körperlichkeit bis heute.

Die Haut, nur vermeintlich stumm, erzählt bei Tizian von Macht und deren Missbrauch, von Leidenschaft und Schmerz, von der Überlegenheit der Malerei gegenüber der Dichtung und nicht zuletzt von der Sehnsucht nach Berührung. Tizian malte seine Bilder ebenfalls in einer pandemischen Situation, während in Europa die Pest wütete, der er selbst 1576 als alter Mann zum Opfer fiel. Tizian erlebte mit, wie die Gesellschaft um die Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung rang: Spät erst untersagte man in seiner Heimatstadt Venedig wegen neuerlicher Pest-Ausbrüche Versammlungen, Märkte und Gottesdienste.

Tizians Bilder zeigen brutale Gewalt gegen Frauen, die sowohl dem Mann als auch dem Blick des Betrachters völlig ausgeliefert sind

Auf dem Höhepunkt seines Schaffens ließ der Auftrag des spanischen Regenten dem Maler große Freiheit bei der Wahl des Sujets. Tizian wählte seine Motive aus der Vielfalt der mythologischen Vorbilder mit Bedacht. Er orientierte sich an Ovids "Metamorphosen". Statt die literarische Vorlage zu illustrieren oder den Text in Bilder zu übersetzen, nahm er sich die Freiheit zur eigenen Erfindung. Vor allem aber errang er seinen Triumph im Wettstreit mit der Literatur in der Darstellung lebendigen Fleisches. Licht und Farbe lassen bei Tizian die Haut leuchten, als wäre sie lebendig.

Denn es stimmt ja, was Betrachterinnen, denen beim Anblick des "Raubs der Europa" mulmig wird, zu bedenken geben: Tizians Bilder zeigen brutale Gewalt gegen Frauen, sie zeigen erniedrigte Frauen und solche, die sowohl dem Mann, als auch dem Blick des Betrachters völlig ausgeliefert sind. Andromeda, die an den Felsen gekettet ist, Diana, die von Aktaion ausgespäht, Kallisto, die von Jupiter vergewaltigt wird. Es ist kein Zufall, dass hier die Frauen nackt und die Männer bekleidet sind. Tizians "Poesie" ist kein harmloser Bilderreigen, eher eine Orgie der Ungerechtigkeit. Doch diese darzustellen, ist nicht dasselbe, wie sie zu begehen. Und sie anzusehen nicht dasselbe, wie sie zu erleiden.

"Perseus und Andromeda" etwa: Die junge Frau, an den Felsen geschmiedet, um dem Ungeheuer des Poseidon geopfert zu werden, windet sich bei Tizian vor Verzweiflung. Perseus, der halb fällt, halb fliegt, eilt zu ihrer Rettung. Ist der nackte Frauenkörper, der ein Drittel der Leinwand einnimmt, zur Ergötzung des Betrachters in diese Pose verdreht? Oder will der Maler nicht vielmehr Mitgefühl erzeugen?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade dieses Bild heute nur deshalb mit den anderen Werken der "Poesie" vereint ist, weil der schriftlich belegte Wille einer Frau uminterpretiert wurde: "Perseus und Andromeda" durfte von der Wallace Collection in London erst ausgeliehen werden, nachdem eine Neuauslegung des Testaments der Sammlungsstifterin Lady Wallace erfolgt war. Deren letzter Wille war seit 1897 so gedeutet worden, dass keine Stücke aus der Sammlung verliehen werden durften.

Im Sommer wird "Andromeda" zusammen mit den anderen Werken weiterziehen nach Boston, zuvor war sie in der Londoner National Gallery zu sehen. Drei Tage nach der Eröffnung musste das Museum pandemiebedingt schließen. Als es nach monatelanger Zwangspause wieder öffnete, durften die Besucher an Tizians Meisterwerken nur im Gänsemarsch mit Abstandsgebot und Maskenpflicht vorüberziehen. Ganz anders in Madrid: Hier gilt zwar auch die Pflicht, Maske zu tragen und online einen Termin zu buchen, doch ansonsten wandeln die Besucher wie gewohnt durch die Ausstellungsräume.

Almodóvar wäre übrigens nicht Almodóvar, hätte sein Film der Darstellung weiblichen Fleisches nicht noch einen Twist hinzugefügt: In "Die Haut, in der ich wohne" ist das vermeintliche weibliche Opfer am Ende weniger Frau und weniger Opfer, als es zunächst den Anschein hatte. Und schon stellen sich die Fragen nach Macht und Missbrauch völlig neu.

© SZ/beg
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