Ausstellung Märchen mit Biss

Das Stadtmuseum würdigt den Maler Carl Strathmann mit "Jugendstil skurril" als "Original in seiner Zeit"

Von Evelyn Vogel

Bier war nicht seins, er war Liebhaber des Weins - so möchte man dichten angesichts der vielen Zeichnungen, in denen Künstlerkollegen, allen voran Lovis Corinth, die Liebe Carl Strathmanns zu einem guten Tropfen verewigten. Etwas krasser brachte es der Maler und Karikaturist Thomas Theodor Heine auf den Punkt, der 1939 schrieb: "Der versoffene Strathmann ist gestorben." Dabei entsprach dieser ganz und gar nicht dem Bild des tumben Trunkenbolds. Immer trat er wie aus dem Ei gepellt auf und zählte zum Stammpublikum des Münchner Weinhauses Kurtz, wo er mit Couplets und Gedichten sich und die anderen Gäste unterhielt. Dies sei erwähnt, weil es der Grund ist, warum zahlreiche Wände in der Ausstellung "Jugendstil skurril" im Münchner Stadtmuseum flaschengrün gestrichen sind. Was dann, je nach Kapitel, über zitronengelb zu taubenblau wechselt.

Strathmann, der aus wohlhabendem Düsseldorfer Hause stammte und über Weimar nach München gekommen war, ist der breiten Öffentlichkeit heute kaum mehr bekannt. Dabei gilt er als nicht unbedeutender Vertreter des Jugendstils und Symbolismus. Und auch wenn er nicht der größte Künstler seiner Zeit war, in jedem Fall war er "ein Original in seiner Zeit", wie Nico Kirchberger, der Kurator der Ausstellung, zu berichten weiß. Er war mit einem großen Talent gesegnet - das erkannten seine Kollegen ebenso neidlos an, wie sie sich einig darin waren, dass er dieses Talent verschleuderte. Denn Strathmann scherte sich weder um Zeitgeist, noch um Nachruhm und malte, was ihm gefiel. Und ihm gefiel vor allem das Dekorative, das Blumige, das Märchenhafte.

Selbst in den frühen Karikaturen und Gemälden, in denen er sich Themen wie der besseren Gesellschaft oder Burschenschaften widmete, kann man nicht von Gesellschaftskritik sprechen. Maximal spöttelt er über seine Zeitgenossen, sein skurriler Humor war ebenso legendär wie seine Trinkfestigkeit. Immer stand bei ihm das dekorative Detail im Vordergrund. So breitete er feinste ornamentale Blütenmeere hinter, auf und um seinen Figuren aus, überzog deren Kleidung mit kunstvollen Linien und Punkten, versah Bild-im-Bild-Kompositionen mit Blüten und Blättern, Schleifen und Ranken und applizierte Schmucksteine auf der Bildoberfläche.

Am markantesten kommt diese Detailverliebtheit in der symbolistischen Historienmalerei zum Ausdruck, mit der Strathmann einem sinnlich-märchenhaften Bild einer Femme fatale frönte. Erstmals in der frühen "Salambo"-Version von 1895, einem schneewittchenhaften Motiv, bei dem die Schöne von der Schlange umschlungen und geküsst wird. Dann mit Hauptwerken wie "Danaë" (um 1908 entstanden) und "Salambo - Die Schlangenbraut" von 1907. Diese beiden Werke, die im Krieg von der Familie in der Pinakothek eingelagert und schwer beschädigt worden waren, galten lange als zerstört. Erst Jahrzehnte später konnte man die Stücke aus der Pinakothek Strathmann zuordnen. Nun wurden sie mit Unterstützung des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder restauriert und werden erstmals öffentlich ausgestellt. Wobei man großflächige Fehlstellen (bei der Danaë fehlt das untere Drittel, bei der Schlangenbraut ist rechts ein großes Stück herausgerissen) belassen hat, um auf die Geschichte der Bilder aufmerksam zu machen.

Carl Strathmann war aber auch ein guter Kenner der Kunstgeschichte. So finden sich in den Frauenbildnissen Bezüge zur italienischen Renaissance, das Medusenhaupt aus der griechischen Mythologie hat er auf seine leicht skurrile Art ebenso umgesetzt wie Hexensabbat und Bacchantenzug, Heiligenlegenden, Tod und Teufel. Einflüsse aus der Literatur werden sichtbar, motivische Anleihen bei Böcklin und Klinger sind unübersehbar. Und doch ist das alles so eigen, dass man nie an Nachahmung denkt, sondern stets die Originalität von Strathmann wahrnimmt.

Im Stadtmuseum liegt seit Beginn der Sechzigerjahre auf Grund des Vermächtnisses der Tochter der gesamte künstlerische Nachlass Carl Strathmanns. Aus den etwa 450 Werken wurden mehr als 130 Arbeiten ausgewählt. Frühe akademische Zeichenstudien, Aquarelle und Ölgemälde, kunsthandwerkliche Entwürfe, Fotografien, Stoffarbeiten, märchenhaften Zeichnungen, von japanischen Holzschnitten inspirierte exotische Fantasien bis hin zum Spätwerk um 1936. Hier dominieren Landschaften und Blumenstillleben, die um die Jahre 1917 bis 1920 entstanden und für Carl Strathmann zum Verkaufshit wurden. Dazu kommen zwölf Werke von drei Leihgebern, unter anderem das dandyhafte Porträt Strathmanns aus dem Lenbachhaus, das Lovis Corinth gemalte hat. So gibt die Ausstellung einen reichen Überblick über das Schaffen dieses kaum mehr bekannten Künstlers.

Carl Strathmann: Jugendstil skurril; Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, bis 22. September, Di-So 10-18 Uhr, der reich bebilderte Katalog, erschienen im Wienand Verlag Köln, kostet an der Museumskasse 29,90 Euro