Süddeutsche Zeitung

Ausstellung:Leuchtkraft des Vergessenen

Im Murnauer Schlossmuseum sind die Werke des russischen Malers Robert Genin zu sehen

So ganz zu verstehen ist es ja nicht, warum Robert Genin so völlig in Vergessenheit geraten ist. Zu seinen Lebzeiten nahm der russische Maler (1884 bis 1941) an knapp 100 Ausstellungen teil, war Mitglied der Berliner und der Neuen Münchner Secession, regelmäßiger Gast im "rosafarbenen Salon" Marianne von Werefkins und eng befreundet mit dem fast gleichaltrigen Paul Klee. Wie dieser gehörte er der Künstlergruppe Sema an, auch wenn Genin konservativ an der Figurenmalerei festhielt. Doch als er im Herbst 1941 in Moskau Selbstmord beging, wurde sein Tod nicht einmal offiziell registriert.

Das bewegte Leben des russischen Malers zeichnet eine Ausstellung im Murnauer Schlossmuseum packend nach. Auf Genins Namen waren die Museumsleiterin Sandra Uhrig und ihr Team schon bei Recherchen für die Ausstellungen zu Erma Bossi (2013) und Wladimir von Bechtejeff (2018) gestoßen. Unterstützt von den Genin-Experten und Sammlern Alexej Rodionov und Ralph Jentsch ist ihnen nun eine fulminante Retrospektive gelungen, deren weitreichende Forschungsergebnisse in einem lesenswerten, auch auf Russisch erschienenen Katalog dokumentiert sind.

Genin wird 1884 in einer jüdischen Familie im Dorf Wysokoje im heutigen Weißrussland geboren, mitten im sogenannten Ansiedlungsrayon, jenem Gebiet, auf das sich damals das Wohn- und Arbeitsrecht der jüdischen Bevölkerung im Russischen Reich beschränkt. Malerei studiert er in Wilna und Odessa; 1902 zieht es ihn nach München, um sich weiter auszubilden. Wobei der 18 Jahre alte Maler auch Paris interessant findet und deshalb fünf Jahre zwischen den Städten pendelt. Doch auch als er 1907 in München sesshaft wird, mindert das seine unruhige Beweglichkeit kaum. Laut Polizeimeldebogen hat er zwischen 1903 und 1918 in München 25 mal die Adressen gewechselt. Es folgen Jahre in Berlin, Ascona, Paris und Moskau. Dorthin kehrt er 1936 zurück, statt zur Eröffnung seiner Ausstellung in New York zu reisen. Er will am Aufbau einer neuen Welt mitwirken und "Fresken für das Volk" malen. Ein fataler Irrtum, er findet weder Wohnung noch Anerkennung. Kein einziges Werk aus dieser Zeit hat sich erhalten.

Das geregelte Leben ist seine Sache nicht, als Familienvater fühlt er sich eher belastet, obwohl er zweimal heiratet und drei Kinder hat. Davon zeugen späte Gemälde, in denen er sich als schwer beladenen Maler porträtiert, den Kopf niedergedrückt von einer gewichtigen Familie. Unkomplizierte Kompositionen, die Figuren primitivistisch stilisiert, die Farben warm.

Seinen Stil hat Genin mehrmals geändert. In den frühen Jahren malt er neoklassisch, platziert schöne nackte Menschen in idealen Landschaften, inspiriert vom Idealisten Hans von Marées. Dann werden die Linien fahriger, der Pinselstrich wilder, auch weil Genin nach Kriegsausbruch spürt, dass seine Utopien nicht mehr zur Realität passen. "Als der Krieg begann, sah ich, dass der nackte Körper Kanonenfleisch ist ... Ich hörte auf, nackte Körper zu malen und begann zu arbeiten", kommentiert er 1936 seine Annäherung an den Expressionismus.

Anerkennung und Erfolg werden ihm früh zuteil. 1907, 1910 und 1911 ist er in den berühmten Pariser Herbstsalons im Grand Palais vertreten. München zieht bald nach. 1913 widmet ihm die angesehene Galerie Thannhauser eine erste große Einzelausstellung, der 1917 eine zweite und 1919 eine dritte folgen. In der zweiten zeigt er "Die Witwe", ein großformatiges Bild, das jetzt den ersten Murnauer Ausstellungsraum beherrscht. Eine trauernde, schwarz verschleierte, aber ungebrochene Frau, umgeben von vier Kindern, gemalt 1915. Das Schicksal von Frauen im Krieg beschäftigt ihn auch in einer Serie von Lithografien, die 1916 in der Neuen Secession gezeigt werden. Als er 1918 nach Berlin wechselt, zeichnet er auch Trinker und bucklige Musiker. "Er verkitscht zusehend", kommentiert Lily Klee harsch 1918 in einem Brief an Marianne von Werefkin die Entwicklung.

Dass ein "Feindstaatenausländer", so sein damaliger Status, mitten im Krieg mit Ausstellungen gewürdigt wurde, verblüfft, wurde bislang doch tradiert, russische Maler wie Wassily Kandinsky oder Alexej von Jawlensky hätten binnen 48 Stunden das Land verlassen müssen. Dem war anscheinend nicht so, wie Sandra Uhrig bei Recherchen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv herausfand. Männliche Ausländer zwischen 17 und 45 Jahren wurden im Gegenteil in Bayern interniert, um zu verhindern, dass sie in ihren Heimatorten als Soldaten oder Spione gegen Deutschland eingesetzt werden konnten. Kandinsky und Jawlensky, 50 und 47 Jahre alt, waren dafür zu alt, während der jüngere Genin vier Wochen Schutzhaft erdulden musste.

Viele seiner Werke gelten bis heute als verschollen. Der Rest ist über die ganze Welt verstreut, vieles lagert vergessen in Museumsdepots. Zum Glück hat Murnau jetzt eine Wende eingeleitet.

Robert Genin - Russischer Expressionist in München, bis 30. Juni, Schlossmuseum Murnau

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SZ vom 25.04.2019
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