Ausstellung Jemanden in die Wülste schicken

Mit einer raumgreifenden Installation in rosa, lila und orange bespielt die spanische Künstlerin Eva Fàbregas die Ausstellungsräume des Kunstvereins.

(Foto: Kunstverein München)

Eva Fàbregas entfaltet mit "Those things that your fingers can tell" im Kunstverein eine Körperlichkeit, die man als Besucher spüren will. Aber: Anfassen ist leider verboten

Von Evelyn Vogel

Man möchte sie anfassen, sie fühlen, sich an sie schmiegen und sich auf sie legen. Doch all dies ist nicht erlaubt. Das ist zwar das einzige, aber kein kleines Manko der aktuellen Ausstellung von Eva Fàbregas im Münchner Kunstverein. Die raumfüllenden fleischrosa, blasslila und orangefarbenen Wülste von "Pumping", die von tiefen Töne durchpulst werden, strömen eine solch körperliche Präsenz aus, dass es einem sehr schwer fällt, in der passiven Betrachterrolle zu verharren. Deshalb fragt man sich um so mehr, warum die Ausstellung den Titel trägt "Those things that your fingers can tell" und damit zusätzlich auf die eigentlich haptischen Eigenschaften der Skulpturen und Installationen hinweist.

Dass man Fàbregas' Arbeiten auch sehr viel näher kommen kann, bewies ihre Ausstellung "Picture yourself as a block of melting butter", die sie vor zwei Jahren in der Fundació Miró in Barcelona hatte. Damals - so zeigen es die Bilder - konnten sich die Besucher in die Verschlingungen der Installation hinein wühlen, konnten sich sogar kleiderartige Stücke aus demselben Meshgewebe überstülpen, konnten Teil der Skulptur werden.

In München muss man auf Distanz bleiben zu diesen durch den Hauptraum mäandernden, knubbeligen und unter dem an Seidenstrümpfe erinnernden Meshgewebe leicht noppigen Ungetümen. Mehrere Subwoofer-Paar-Lautsprecher liegen wie Brustschalen auf den Rundungen und übertragen die Basslinien des Soundtracks, den die jamaikanischen Elektro-Produzenten Equiknoxx beigesteuert haben, in die Skulptur. Das wirkt wie eine Infusion musikalischer Muttermilch des 21. Jahrhunderts. Mittel- und Hochtöner, die an allen vier Ecken stehen, schießen die entsprechenden Frequenzen frei in den Raum hinein und den Besuchern um die Ohren. Zumindest akustisch also ein Rundumerlebnis.

Dennoch bleibt die Sehnsucht nach Nähe zu der Installation. Die ganze Ausstellung ist inspiriert von Elementen, die durchaus viel mit Körperlichkeit zu tun haben. Da sind überdimensionierte plastische Nachbildungen und eine ganze Wand mit formreduzierten Abbildungen von orthopädischen, prothetischen, ergonomischen, erotischen und therapeutischen Geräten. Die Wandzeichnungen von "Polifilia" wurden nach exakten 3D-Vorgaben der 1988 in Barcelona geborenen, in London lebenden Künstlerin vor Ort von Mitarbeitern ausgeführt. Obwohl es sich zum Teil um Objekte mit erotisch-stimulierender Wirkung handelt, bilden sie in ihrer formal reduzierten Formsprache den eher zurückhaltenden Auftakt der Ausstellung von Eva Fàbregas.

Drei quietschbunte, batteriegetriebene Elemente aus Schaumstoff, die Negativformen von Verpackungselementen kopieren, schickt Fàbregas unter dem Titel "Self-organizing system" auf Erkundungstour durch den Raum. "Shape", die monströse rosa Nachbildung einer unter Apnoetauchern bekannten Nasenklammer (aufgebläht im Verhältnis 1000:1), umfängt die Balustrade des Aufgangs. Das wirkt so, als ob der Besucher noch mal tief Luft holen sollte, bevor er die Welt von Fàbregas betritt. Im hinteren Teil der Ausstellung geben sich übergroße Objekte in Form von Ohrstöpseln eng umschlungen ein Stelldichein - sie heißen "Nancey" sowie "Kimberley & Chloe" und sind nach bekannten Pornodarstellerinnen benannt.

Ist der Besucher nun ins menschliche Innere vorgedrungen, so wird die Reise mit dem rosa Zahnspangenmonster daneben fortgesetzt. Die "Bite plate" mit ihren auslaufenden Quetsch-Knet-Schleimspuren ist als Reverenz an den ursprünglich aus den Siebzigerjahren stammenden, dann fast vergessenen, nun aber im Zuge der ASMR-Videos wieder populär gewordenen Slime-Hype zu verstehen. Bei diesen Videos, die versuchen, den größtmöglichen "Autonomous Sensory Meridian Response" auszulösen, geht es auch um nichts anderes, als um akustische, visuelle und taktile Sinnesreize. Was erneut die Frage aufwirft, warum eine Ausstellung, die so sehr auf somatische Eindrücke setzt, in der distanzierten Anschauung verharrt.

Dennoch ist Chris Fitzpatrick, dem scheidenden Direktor des Kunstvereins, und seinem Team mit der Ausstellung von Eva Fàbregas wieder einmal eine großartige künstlerische Entdeckung gelungen. Auch wenn er München bald verlässt, um nach San Francisco zurückzukehren, so ist dies noch nicht seine letzte Ausstellung. Bis Herbst steht das Programm - man darf also noch auf einiges gespannt sein.

Eva Fàbregas: Those things that your fingers can tell, Kunstverein München, Galeriestraße 4, Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr, bis 5. Mai