Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Paris:Vom Eigenleben der Stoffe

Die Künstlerin Ulla von Brandenburg baut das Pariser Palais de Tokyo zum Fundus um.

Von JOSEPH HANIMANN

Wäre das Werk Ulla von Brandenburgs akustisch zu beschreiben, wäre es ein Knistern und Rascheln. Das Rascheln von Stoffvorhängen, Schiffssegeln, Schnüren, Stroh oder Heu. Sanfte Geräusche von Dingen ohne harte Kanten und endgültige Form. Von ihren Lehrjahren als Bühnenbildnerin hat die im Jahr 1974 in Karlsruhe geborene Künstlerin offenbar die Faszination fürs Ritual sich hebender Vorhänge und für die Ambivalenz der Kulissen zwischen Zeigen und Verbergen behalten.

Von ihren Installationen der vergangenen Jahre im Kunstmuseum Bonn, in der Londoner Whitechapel Gallery oder im Musée Jenisch in Vevey sind vor allem große Raumperspektiven durch aufgeschnürte Vorhangkaskaden und vielfarbige Tuchwände in Erinnerung geblieben. Die unlängst in Bonn ausgestellte Tuchstaffelung mit kreisrund ausgeschnittenem Durchblick führt nun auch im Pariser Palais de Tokyo in die Schau. Statt vorgegebene Museumsräume zu füllen, kleidet Ulla von Brandenburg sie ein und bringt so deren leere Kastenform durcheinander. Im Rundflügel des Palais de Tokyo mit Oberlicht durchs Glasdach führt das zu erstaunlichen Effekten. Die von der Künstlerin evozierte Welt ist voll seltsamer Erscheinungen, übergroße Schreibkreidestücke, überdimensionierte Reusen, wie für Menschenfische gemacht, gerollte Stoffbänder und farbige Bambusstöcke.

Die Ausstellung ist als dreiaktige Raumsequenz angelegt. Der erste Teil zeigt offene Interieurs aus Vorhängen mit den erwähnten Geräten, zwischen denen Figuren in bunten Gewändern murmelnd, singend oder schweigend undurchschaubaren Geschäften nachgehen. An den Tagen, wo die Darsteller in der Ausstellung nicht anwesend sind, werden sie durch lebensgroße Puppen ersetzt. Der zweite Teil besteht aus einem Film, in dem wir jenen Figuren wiederbegegnen. Es sind die Schauspieler des Théâtre du Peuple vom elsässischen Dorf Bussang in den Vogesen, eines aufs 19. Jahrhundert zurückgehenden Volkstheaters mit seiner Truppe aus Profis und Laien, seiner eigenen Holzarchitektur und der auf die Naturlandschaft sich öffnenden Bühne. Von den Darstellern dieses Theaters hat Ulla von Brandenburg vor ihrer 16-Millimeter-Kamera eine so reizvolle wie befremdliche Ritualhandlung spielen lassen zu skandiert gesungenen Passagen aus Marieluise Fleißers Schauspiel "Der Tiefseefisch". Der dritte Ausstellungsteil ist ein Labyrinth von Gazetüchern, auf die gefilmte Unterwasserbilder von davonschwimmenden Textilien projiziert werden. Die ausgestellten Objekte nähmen hier ihr Eigenleben wieder auf und kehrten in den Zyklus der kontinuierlichen Materialmutation zurück, erklärt die Künstlerin.

Dem Palais de Tokyo verleiht die Installation der in Frankreich lebenden Künstlerin Größe

Das alles mag mystisch anmuten. Dank einer präzisen Raum- und Bilddramaturgie wird aber jede Nähe zu Naturseligkeit und Märchenidylle vermieden. Aus den barocken Stofffalten könnte tiefere Bedeutung raunen. Doch spricht das Werkensemble zwischen Kunstinstallation, Theater und Oper botschaftslos für sich selbst, wie bei Ritualen fremder Kulturen, deren Deutungsschlüssel wir nicht haben. Die seit fünfzehn Jahren in Frankreich lebende Ulla von Brandenburg entwickelt eine subtile Materialsprache, die über Werkgrenzen und Ausstellungsdaten hinausreicht. Die Stoffe werden bei ihr wie in einem Fundus gehortet, verstauben, treten in neuen Zusammenhängen wieder auf, werden brüchig, zerfallen. Statt bloßes Dekor für menschliche Handlungen sind sie selbst Teil davon. "Inszenierte Räume" hieß in den Siebzigerjahren eine Ausstellung des Bühnenbildners Achim Freyer. Daran mag die Arbeit der Künstlerin von Brandenburg erinnern: Darstellung ohne Bühnendarsteller. Sie hat die Perspektive aber umgedreht, holt die Darsteller in den Raum zurück und lässt sie mit ihm verwachsen. Anspielungsreich wird so mit Dingen, Menschen und Räumen eine heitere Topografie fürs Wachträumen geschaffen, in der das Blau, Symbolfarbe für Ferne und unfassbare Horizonte, in den Mittelpunkt rückt. Mit solchen Großinstallationen - parallel zur Schau Ulla von Brandenburgs zeigt der Palais de Tokyo auch eine breite thematische Werkauswahl aus dem Mathaf-Museum für moderne Kunst von Doha in Katar - findet das Pariser Haus für Gegenwartskunst unter der neuen Leiterin Emma Lavigne nach den eher kleinteiligen Programmen der letzten Jahre wieder zu einer erfreulich klareren Akzentsetzung.

Ulla von Brandenburg: Le milieu est bleu. Palais de Tokyo, Paris. Bis 17. Mai.

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SZ vom 12.03.2020
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