bedeckt München
vgwortpixel

Ausstellung in Paris:Kunst von Houellebecq - genial, banal, manchmal rührend

In Paris inszeniert Schriftsteller Michel Houellebecq sein Leben als Gesamtkunstwerk. In einem Raum wird Rauchen zur Performance, ein anderer ist seinem toten Hund gewidmet.

Dass die lakonisch beschriebene Tristesse bei Michel Houellebecq immer auch irgendwie lieblich lächelt wie ein schöner Sonnenuntergang, ist uns aus seinen Romanen und Gedichten bekannt. Unter der Kälte der Situationen wird einem oft warm ums Herz. Dieser Autor ist ein verkappter Schwärmer, auch visuell, wie eine große Schau im Palais de Tokyo in Paris nun deutlich macht.

Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt dort unscharf eine Winterlandschaft von oben und trägt die Aufschrift "Sie haben keine Chance. Fortfahren?". Darunter ein "OK"-Feld zum Anklicken. Ja, fortfahren. Es lohnt sich.

Dem Vielspartenkünstler Houellebecq fehlte bisher nach den Romanen, Gedichten, Essays, Fotografien, Filmen, Liedtexten und Konzertauftritten das Genre einer großen monografischen Ausstellung. Die von ihm selbst gestaltete Schau in Paris hätte ein schneller Aufguss seiner Lieblingsthemen sein können: Endzeit der Menschheit, Glück der Langeweile, Erlösung durch Erotik, die Welt als Supermarkt. Tatsächlich klingen diese Themen an, doch wächst das Ganze aus der Tiefe des Gesamtwerks empor, schon im Titel.

Absage an die Kunst als Lebenstrost

"Rester vivant" (Lebendig bleiben) hieß 1991 bereits eines der ersten Bücher, das eine frühe Absage an die Kunst als Lebenstrost war. Seit seinen Jugendjahren hat Houellebecq fotografiert, manche Landschaftsbilder von ihm sind auch schon ausgestellt worden, und bei der Zürcher Kunstbiennale "Manifesta" konnte man gerade die Ergebnisse seines medizinischen Check-up bestaunen. Im Palais de Tokyo ist das aber eine andere Sache.

Kunst Im wörtlichen Sinne atemberaubend
Kunstschau "Manifesta 11" in Zürich

Im wörtlichen Sinne atemberaubend

In Würfel gepresste Fäkalien als Kunstwerk? Das ist eine Provokation, zumindest für den Geruchssinn. Abgesehen davon gibt es auf der "Manifesta 11" in Zürich aber wenig Konfliktpotenzial.   Von Till Briegleb

Es ist die erste vom Schriftsteller in allen Einzelheiten konzipierte Selbstdarstellung: 18 Säle auf 2000 Quadratmetern mit Fotografien, Installationen, Filmauszügen, Zitaten und künstlerischen Gastbeiträgen, in der labyrinthischen Anordnung meist schwarzer Räume, die man wie eine lose Kapitelfolge durchschreitet. Sie zeigen Michel Houellebecq in all seinen Facetten: genial, banal, manchmal rührend.

Houellebecqs Fotos sind weder bloß dokumentarisches Arbeitsmaterial noch eigentliche Kunstwerke. Er habe für seine Bücher immer fotografiert, um sich in die entsprechenden Orte und ihre Stimmungen zu versetzen, erklärt er. Die Bilder zeigen, meistens unter durchnummerierten Herkunftsbezeichnungen wie "France", "Espagne", Landschaften von übersättigter Schönheit oder abgeklärter Trostlosigkeit. "Europe" steht in massiven, verwitterten Buchstaben aus Beton vor dem Parkplatz eines Supermarkts, den der Autor 1994 in Calais fotografierte. Sein Kommentar dazu heute: Diese Mischung aus Vorschrift und Verfall entspreche ziemlich genau seiner Europa-Vision.

Einfühlsamer Archäologe unseres Alltags

Ein anderes Bild zeigt einen Supermarkt der Kette "Leader Price" mit halbleerem Parkplatz von oben in einer üppig grünen Landschaft wie ein Stück Gegenwart als vorweggenommene Geschichtsablagerung. Houellebecq buddelt mit der einfühlsamen Distanz eines Archäologen unsere Alltagswelt frei. In seinen meistens unterbelichteten und farblich abgedimmten Aufnahmen von Vorstadtsiedlungen, Gebäudefassaden, Autobahnraststätten, Schnellstraßenabzweigungen sind die Maschendrahtgitter, Asphaltflächen, Grünanlagen und die grauen Himmel nicht Bestandteil der Landschaft, sondern die Landschaft selbst: undramatisch, gelassen, freundlich, allenfalls mit einem leisen Phantomschmerz von Glück.

"Ich hatte nicht mehr Grund als andere mich umzubringen", steht neben einem dieser Fotos. Gelungen ist an dieser Schau vor allem, dass sie die Bilder nicht nachträglich in einen Gesamtdiskurs zwängt, sondern als Einzelobjekte stehen lässt.

Zur SZ-Startseite