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Ausstellung in München:Kunst mit kurzem Zollstock

Die Graphische Sammlung in München zeigt den 1889 in Dresden geborenen Bildhauer Hermann Glöckner als "Meister der Moderne". Bis heute hat sein Werk großen Einfluss auf bedeutende Künstler.

Der Radiergummi ist an den Ecken schon etwas abgerubbelt. Mittendrin steckt jetzt eine kleine Stange, sie hält zwei dreieckige, gefaltete Schnipsel fest. Das reicht. Und alles ist da: Wind, Wellen, das Schaukeln eines kleinen Bootes und die Erinnerung daran, dass man den Elementen nicht trotzen muss, weil man sich von ihnen auch mitnehmen lassen kann. Die "Paarig gefalteten Dreiecke an einem Mast" sind nur ein paar Zentimeter hoch, der Bildhauer Hermann Glöckner hat die Skulptur Ende der Sechzigerjahre zusammen gesteckt - aus dem, was im Atelier rumlag - das Muster, das die Segel überzieht, sind ein paar Buchstaben in verblichener Tinte.

Hermann Glöckner "Ensemble aus acht farbigen Baukörpern" aus dem Jahr 1978 wirkt wie eine kleine Stadt.

(Foto: Alistair Overbruck © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Dieses "Modelli" wie der im Jahr 1889 in Dresden geborene Künstler solche Erfindungen nannte, blieb klein. Wie die meisten Skulpturen dieser Reihe bestehen sie einfach aus etwas Papier, Büroklammern, Klebstoff, Karton. Die Fotografien aus dem Atelier des Künstlers atmen die gleiche konzentrierte Gelassenheit, zeigen sauber aufgereiht Scheren, Lupe, Messer und handelsübliche Zollstöcke. Hermann Glöckner war es gewohnt im kleinen Maßstab zu arbeiten, galt er doch zu Zeiten des Nationalsozialismus als Moderner und in der DDR als Nonkonformist. Da denkt man nicht in Gusseisen oder Stahl, sondern bleibt bei dem, was im Atelier zu haben ist.

Den zarten, provisorischen Modelli haftet die Aura des Unbekannten bis heute an

Eine Ausstellung in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München feiert Hermann Glöckner jetzt als "Meister der Moderne". Und in dem Saal, in dem ein gutes Dutzend der Modelli unter Glasvitrinen aufgesockelt sind, erkennt man sofort die Verwandtschaft dieser Skulpturen mit den großen Setzungen der Nachkriegskunst, mit den Eisenskulpturen eines Richard Serra oder den bunt lackierten, frei schwingenden Plastiken eines Frank Stella. Während diese um Generationen jüngeren Bildhauer weltweit gefeiert wurden, haftet den leicht vergilbten Modelli die Aura des Unbekannten an, bis heute. Denn obwohl sie klein sind, zart und provisorisch, belegen sie, dass sich Hermann Glöckner auf Augenhöhe mit den Zeitgenossen bewegte, dass er - der in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch reisen und beispielsweise die ersten Ausgaben der Documenta besuchen konnte - nicht wirklich abgeschnitten war von der zeitgenössischen Kunst.

Farbfeldkleberei: Hermann Glöckners "Rot über Schwarz und Blau", um 1932.

(Foto: Staatliche Graphische Sammlung München © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Und auch wenn der Einzelgänger im Westen nicht eben bekannt war, so konnte die DDR-Kulturpolitik, die ihm erst im hohen Alter eine erste Museumsschau ermöglichte, doch nicht verhindern, dass sich heute sein Einfluss auf so bedeutende Zeitgenossen wie den Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz leicht erkennen lässt. "Artist's artist" nennt man solche Außenseiter, Künstler-Künstler.

Die jetzt eröffnete Ausstellung ist aber mehr als der Versuch der Rehabilitation, sie wirkt unerwartet aktuell: Die Gegenwart schätzt das Ephemere, das Unerfüllte, das Projekt. Gerade im Verhältnis zu einem Kunstverständnis, das Material und Aufwand verschlingt wie die meterhohen Skulpturen der Amerikaner. Vor der nicht einmal 20 Zentimeter hohen "Mehrfachen Verschlingung eines Passepartoutdeckels", die nach 1977 entstand, stellt man schnell fest, dass man nicht unbedingt inmitten einer Skulptur stehen muss, oder vor aufwendig lackiertem Metall um die Kreuzung aus zwei und drei Dimensionen zu bestaunen, die sich bei Glöckner in schönen Ringeln entfaltet. Dass der Künstler das Knäuel aus einem Passepartout zusammen steckte, einem Karton, der sonst dazu dient, ein Bild im Rahmen zu halten, macht die kleine Skulptur noch klüger, an deren Kanten der Blick des Betrachters wieder und wieder entlang gleiten möchte. Material und freie Form verbinden sich schlussendlich doch. Wie auch die Erkenntnis, dass die zur Doppelwelle aufgebogenen Kartons, die gegeneinander anbranden, aus der Einladungskarte zur Eröffnung der VII Kunstausstellung der DDR im Jahr 1977 zusammengeleimt wurden.

Hermann Glöckners „Turmartiger Aufbau, in sieben gleich hohe Segmente geteilt“ (1973) misst nur 43 Zentimeter.

(Foto: Alistair Overbruck © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Man wünschte, dass der erst im Jahr 1987 verstorbene Künstler bekannter wäre, dass sein Name gerade in Deutschland geläufig wäre. Doch es ist zu befürchten, dass der zwar aufwendig gestaltete, aber immerhin 240 Euro teure Katalog, nicht für Verbreitung sorgen wird. Der knappe Rundgang dagegen enthält viel von dem, was diesen Künstler ausmacht. Schon weil auch das in den frühen Dreißigerjahren entstandene Tafelwerk einbezogen wurde, eine Serie von mehr als 100 Kartons, zu denen Collagen aus Zeitungsausschnitten genauso gehören, wie aus farbigem Papier zusammen gestellte Abstraktionen.

Die Vitrinen, an denen vorbei man in die Ausstellungssäle gelangt, schlagen eine Schneise durch ein sieben Jahrzehnte umspannendes Lebenswerk, das mit klassischer Malerei einsetzt und mit Farbfeldmalereien und Tapetenmustern ausläuft, die man umstandslos einem Sigmar Polke zuschlagen will. Nicht wenige entdecken übrigens erst nach Verlassen der Schau die bunt bemalten Kartons im Eingang. Man ist dann schon so auf den Glöckner'schen Maßstab kalibriert, dass einem die Kekspackungen und Kistchen im Verhältnis zu den Modelli schon fast wie eine modernistisch aufgebrochene Stadt erscheinen.

Hermann Glöckner. Ein Meister der Moderne. Bis zum 19. Januar 2019 in der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Der Katalog kostet 240 Euro.