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Ausstellung in Lübeck:Die Moschee von Elbflorenz

Sonderausstellung "Manaf Halbouni -  Ostwind" in der Kunsthalle St. Annen

Der halbe Hausstand? Da ist auf jeden Fall heimisches Bier mit dabei. Der Künstler Manaf Halbouni parkt seine "Half Home"-Skulpturen (2019) auch schon mal im Außenraum.

(Foto: Manaf Halbouni/VG Bild - Kunst / Bonn 2020)

Packen sich Sachsen auf der Flucht Karl Mays Romane aufs Autodach? Manaf Halbounis Politkunst ist aktueller denn je.

Von Till Briegleb

Als Manaf Halbouni drei aufrecht stehende Busse im Jahr 2017 vor die Frauenkirche in Dresden stellen ließ, provozierte bereits die Eröffnung die Frage, ob politische Kunst heute noch zum Gespräch einladen kann oder nur polarisiert. Das "Monument", wie sein schlichter Titel hieß, teilte das Publikum scharf in die Unterstützer des Mahnmals gegen den syrischen Staatsterror, die hinter Halbouni mit Händen Herzchen in die Luft formten, und ein paar Dutzend sächsische Extremnationalisten, die Redebeiträge mit "Schande, Schande"-Chören überbrüllten.

Halbounis Rekonstruktion einer realen Schutzwand in Aleppo gegen Assads Scharfschützen, die er eine Woche vor dem Dresdner Gedenktag zur Zerstörung der Stadt 1945 präsentierte, zog eine klare Parallele zwischen der Vernichtung der syrischen und der deutschen Kulturmetropole - und thematisierte so die Tatsache, dass gewalttätige Regime immer das Leid von Flüchtlingen erzeugen. Das verstanden Pegida- und AfD-Demagogen als Attacke gegen ihre Hetze auf syrische Menschen, die vor dem Folter- und Möderregime Assads in Deutschland Asyl suchen. Und das führte eben zu Gebrüll statt Gespräch.

Die Reaktionen auf diese Reiz-Kunst belegen deren Notwendigkeit

Nun gibt es nicht überall im Land so viel geschichtsblinde Herzlosigkeit wie in Dresden. Aber der Auslöser dieser Beißreflexe, Manaf Halbouni, kalkuliert in seiner Reiz-Kunst genau mit diesen Reaktionen, um die Notwendigkeit seiner Arbeit zu beweisen. Seine erste große Einzelausstellung in der Kunsthalle St. Annen in Lübeck, "Ostwind", versammelt nun Anschauungen zu dieser Methode. Mit dem Umwerten von Symbolen stört er die deutsche Selbstsicherheit.

Im Zentrum steht dabei eine "Was-wäre-wenn"-Inszenierung, mit der Halbouni die Erfolgsgeschichte des Kolonialismus und der Globalisierung umkehrt. Beherrscht wird das heutige Europa in "What if" von muslimischen Imperien. Mit neuen Landkarten eines arabisch-osmanisch "befreiten" Okzidents und Fotografien, die große Moscheen in Dresdens neu gebauter Altstadt zeigen, wird die Angst vor einer Islamisierung stichelnd gereizt. Halbouni, der 1984 in Damaskus geboren wurde und dorthin nicht zurück kann, weil er den Militärdienst verweigert, verwandelt sich dazu in einen fiktiven General der islamischen Okkupationsarmee, die Europa beherrscht. In einer Adaption des Interviews, das Bashar al-Assad 2016 dem ARD-Korrespondenten Thomas Aders gab, verdreht dieser "Aufstandsbekämpfer" gegen sächsische Demokratiebestrebungen, General Yusuf Hadid, Motive so lange, bis Terror gegen die Bevölkerung als umsichtige Sorge eines humanen Landesvaters erscheint.

Das ist zwar nicht subtil, erfüllt aber seinen Zweck: den Betrachter von seinen Gewissheiten zu distanzieren. Und auch der Spott Halbounis verfehlt sein Ziel nicht, wenn er Gebrauchtwagen mit Dachgepäckträgern in den öffentlichen Raum stellt, auf denen die Habseligkeiten von "Sachsen auf der Flucht" festgeschnallt sind: Karl-May-Bände, Radeberger-Pils-Kästen, Ski, Klapprad und Benzinkanister. Viele dieser Interventionen sind Reaktionen auf den Ausländerhass, so auch die Skulptur einer versenkbaren Verkehrsblockade, wie sie vor Botschaften verwendet werden. Die Pfosten rufen "Wir sind das Volk" - beim Runterfahren O-Ton DDR-Proteste, beim Hochfahren aus Pegidakehlen.

Es ist eine Art volkstümliche Politkunst, die Halbouni produziert, leicht verständlich, treffsicher für Aufregung sorgend. Keine Diskurskunst für Biennalen, sondern Diskussionskunst für die Straße, unmittelbar menschlich gemeint, und deshalb Sympathie erzeugend überall dort, wo Empathie noch ein Wert zivilen Zusammenlebens darstellt. Polarisierend wirkt sie dagegen dann, wenn Mitgefühl durch heiße Wut ersetzt ist. Und deswegen ist in Zeiten, wo ein französischer Lehrer von einem Islamisten geköpft werden kann, nur weil dieser Meinungsfreiheit praktiziert, der Schutz unserer Gesellschaft gerade für solche politische Kunst gefragt, die uns in unseren Selbstbildern trifft. Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung gab es eine Bombendrohung gegen die St.-Annen-Kunsthalle. Laut Auskunft der Pressestelle stellten die Ermittlungen der Polizei bisher keinen direkten Zusammenhang zwischen diesem "blinden" Alarm und Halbounis Kunst her. Aber es ist ein Schreckmoment, der vorstellbar macht, was die Eskalation des Hasses bewirken mag, wenn man sie nicht mehr durch Gespräche gebändigt bekommt.

Manaf Halbouni. Ostwind . Kunsthalle St. Annen, Lübeck. Bis 8. November. Der Katalog kostet 24 Euro.

© SZ vom 21.10.2020
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