bedeckt München

Ausstellung in Hamburg:Walhalla des Tafelbilds

Ist unser Land immer noch ein Ölfarbenparadies? Oder geht es nur um Flachware für den Markt? Die Hamburger Deichtorhallen zeigen 53 Künstler in der Schau "Jetzt. Junge Malerei aus Deutschland".

Von Till Briegleb

Bonn, Wiesbaden und Chemnitz liegen längs des 50. Breitengrades und ihre Verbindungslinie bildet so etwas wie den Querschnitt durch Deutschland. Vergangenen Herbst nahmen sich die dortigen Kunstmuseen das Geographische zur kuratorischen Aufgabe und zeigten an den drei Häusern parallel einen Querschnitt durch die junge deutsche Malerei. "Jetzt!" hieß das Ergebnis eines Ausleseverfahrens, bei dem sieben Kuratorinnen und Kuratoren aus rund 200 Vorschlägen 53 Positionen der Achtziger-Jahrgänge auswählten, die beweisen sollten, dass Deutschland noch immer ein Ölfarbenparadies ist, das Walhalla des Tafelbilds, wo unter den Thronen von Gerhard Richter, Martin Kippenberger, Neo Rauch und anderen Göttern mit Terpentinaura der Nachwuchs prächtig gedeiht.

Ein Monat nach dem Ende dieser nationalen Leistungsschau, die dem periodisch totgesagten Medium seine Unsterblichkeit attestieren sollte, bilden die Deichtorhallen in Hamburg einen Gipfel auf die neue Basis, geografisch und kuratorisch. Von den bis zu zwanzig Bildern, die pro Künstlerin und Künstler in den drei Häusern des deutschen Mittelstrichs zu sehen waren, wurden oben im Norden nur drei als Spitze der Qualitätspyramide ausgewählt. Lauter Rechtecke von winzig bis riesig, denn es sollte bei diesem Salon der deutschen Malerjugend (die bis zum Alter von 45 Jahren reicht) nur um das klassische Format der alten Meister und nicht um irgendwelche konzeptuellen Erweiterungen des Gemäldebegriffs gehen.

Malerei ist heute nicht eben politisch

Die Gefahr dieser altakademischen Herangehensweise liegt auf der Hand. Der Ruf des Tafelbilds als bestverkäufliche Ware des Kunstmarktes, als braves Wandmöbel für Superreiche, wird mit einer solch wertkonservativen Imageshow sehr leicht bestätigt. Dagegen könnten die einzelnen Werke zwar ankämpfen, etwa indem sie sich herausfordernd mit existenziellen Konflikten oder den unbewussten Kräften der Gesellschaft beschäftigen. Tatsächlich tun das aber die wenigsten in dieser riesigen Bilderversammlung. Die Generation, die hier präsentiert wird, produziert in ihrer Mehrzahl vor allem recht schmerzlose Sammlerkunst, sehr gerne abstrakt.

Weil sich die meisten der 53 Malerinnen und Maler ausreichend weit von ihren Vorbildern emanzipiert haben, wirkt der Mangel an politischer oder gesellschaftlicher Relevanz dieser Malklasse wie eine Flucht ins Asyl des Schönen. Selbst wo sie wild und energisch auftritt wie bei Alicia Viebrock, Jana Schröder, Gregor Gleiwitz oder Ina Gerken ist die nichtfigürliche Malerei dieser Ausstellung vor allem lesbar als Reflexionen auf die Kunstgeschichte.

Da hat es die figürliche Abteilung natürlich leichter. Die im Stil von George Grosz und Oskar Schlemmer porträtierten Maschinenmenschen als Mitbürger der Zukunft von Sebastian Gögel, die Übertragung von Joseph Beuys' berühmter Koyotenperformance in einen psychotischen Weltuntergangsaltar durch Lydia Balke oder die farbfrohen Porträts einer latent gewalttätigen Gesellschaft, karikiert in einer Mischung aus Punk und Pop Art von David Lehmann, sind aggressive Einsprüche gegen zu viel affirmative Ästhetik in dieser Ausstellung. Und offensichtlich bedrückte die kunsthistorische Selbstbezüglichkeit der jungen Mehrheitsmalerei auch Deichtorhallen-Direktor Dirk Luckow etwas, denn er ergänzte die Fremdauswahl um eine Zusatzausstellung mit vier Malerinnen, die das Hässliche, Konfliktreiche und Zerreißende thematisieren.

Unter dem Titel "Quadro" dürfen Kerstin Brätsch, Kati Heck, Stefanie Heinze und Laura Link in einer eigenen Box Ängste und Albträume ausmalen, bei denen der Körper im Mittelpunkt steht: mal als zerbröckelnde und angespitzte Fuß- und Fingernägel oder großflächige Hautveränderungen bei Laura Link. Dann als riesiger Saurierfries mit plastischen Adaptionen von Kerstin Brätsch. Oder als neoflämische Malerei in den derben Porträts anti-hübscher Alltagsmenschen Kati Hecks, und schließlich in der Stilkreuzung aus Pieter Brueghel und Francis Bacon, mit der Stefanie Heinze eine sich auflösende Dingwelt malt. Hier endlich bricht sie konzentriert ein, die Auseinandersetzung mit der bedrohlichen Welt außerhalb des Ateliers und unabhängig von der Kunstmarkt-Nachfrage. Hier ist wirklich "Jetzt!"

Jetzt. Junge Malerei in Deutschland, Deichtorhallen, Hamburg, bis 17. Mai. Katalog: 45 Euro.

© SZ vom 04.03.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite