Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Hamburg:Kein Schlüssel passt

Wie ambivalent war Max Beckmann in Bezug auf die Geschlechter? Die Hamburger Kunsthalle geht der Frage in einer umfangreichen Schau mit mehr als 140 Werken nach.

Von Till Briegleb

War Max Beckmann nicht der Maler, der sich in mehr als 100 Selbstbildnissen ziemlich konsequent als das energisch Männliche dargestellt hat - mit kantigem Schädel und vorgerecktem Kinn? Erinnern seine Selbstinszenierungen auf Leinwand und für Fotos nicht bis zu seinem Tod 1950 eher an den maskulinen Kult von echten Kerls wie Benito Mussolini oder Max Schmeling? Und sein offen voyeuristischer Blick auf die nackte Frau in Mythos, Bett und Bade, wäre der nicht eher Anlass für Zornes- statt Schamesröte in den Debatten zur Genderkorrektheit? Also: warum sollte man ausgerechnet dieses Werk in Bezug auf die Geschlechterdebatten in der Gegenwart befragen?

Alexander Klar, Direktor der Hamburger Kunsthalle, sieht aus heutiger Sicht, was diese Fragen betrifft, bei Beckmann tatsächlich "Ambivalenz, wo vorher vermeintliche Eindeutigkeit herrschte." Beckmanns Blick auf Mann und Frau könne zudem Perspektiven eröffnen "für den gegenwärtig stattfindenden Diskurs um Rollenbilder und die Selbstbestimmtheit der Geschlechter", heißt es im Katalog-Vorwort der Ausstellung "Max Beckmann, weiblich-männlich".

140 Kunstwerke zeigen vor allem brave Gattinen, verruchte Dirnen, Damen und nackte Nymphen

Tatsächlich waren Beckmanns Freunde, Bewunderer und Zeitgenossen in diesem Punkt gänzlich anderer Meinung, wie die Kuratorin der Ausstellung, Karin Schick, in ihrem Beitrag auch fairerweise zitiert. Für die war Beckmann "dieser harte, vielleicht männlichste aller Maler Deutschlands", dem nur die Melancholie und der Weltschmerz weiche Züge verleihen konnten. Und die Beweisführung für die These, dass in Beckmanns Kunst die normativen Kräfte männlicher Dominanz verwischt statt betont worden seien, gestaltet sich am Bildmaterial auch eher schwierig.

Denn in diesem Indizienprozess zu Beckmanns neuem Weichbild zeigen die rund 140 Beweisstücke (darunter einige Schlüsselwerke wie "Messingstadt", "Odysseus und Kalypso" oder Eheporträts mit Minna und Quappi) Frauen doch vor allem als brave Gattinen und verruchte "Dirnen", kühle Gesellschaftsdamen und nackte Nymphen, die Männer betören oder von Zeus geraubt werden. Erotisch rekeln sie sich ins Weiche, schmiegen sich an Helden und Beckmänner, falten brav die Hände im Schoß oder rollen lasziv die Strümpfe herunter. Als Evas liegen sie klein in den formenden Händen von Übermännern, aber in der Regel ist das Weib, das der Maler Max Beckmann an des Mannes Seite platziert, sündig, verlockend und verwundbar, er stark, schützend und aktiv.

Deutlicher kann man den Glauben an Dualität und gesellschaftlich zugewiesene Rollen eigentlich kaum illustrieren. Was ja auch biografisch belegt ist, schließlich gaben sowohl Minna Tube wie "Quappi" Kaulbach ihre eigenen Karrieren auf, um ganz der "Wucht" ihres Gatten zu dienen. Wenn sich in die verfestigte heterosexuelle Partnerschaftskonstellation in Beckmanns Kunst also "Ambivalenz" hineinlesen lässt, dann ist es dieselbe Ambivalenz, die man auch bei Rubens, Picasso oder Kippenberger findet. Jeder große Künstler (um mal bei dieser Seite der Gendergeschichte zu bleiben) ist von anhaltender Wirkung, wenn sein Werk den Geist der Zeit reflektiert, aber dabei rätselhaft und uneindeutig bleibt.

Und für diese Verlockung ist Max Beckmann ein Meister der tausend Schlüssel. Keiner passt wirklich, wenn man seine Motive "aufschließen" möchte. Sie bleiben störrisch interessant, weil extrem vieldeutig. Deswegen ist ein Bild mit dem mysteriösen Titel "Messingstadt", das ein nacktes Paar hinter spitzen Waffen und vor einer Turmansammlung mit diversen Religionssymbolen zeigt, gemalt 1944 im Amsterdamer Exil während der Naziherrschaft, ganz sicherlich kein klarer Beleg für "Beckmanns Auffassung, dauerhafte Verbindung der Geschlechter sei aussichtslos," wie im Begleittext der Hamburger Kunsthalle behauptet wird. Ihm, der von sich selbst sagte, "Mitte ist mir unerträglich", nun etwas bemüht das "Androgyne" und "Widersprüchliche" in seiner Kunst unterzuschieben, das geht zwar irgendwie. Aber überzeugender ist es doch, dieses fantastische Werk der Bildsymbolik und der enigmatischen Erzählungen, der unausdeutbaren Inhalte und prallen Energie nicht durch den Schlitz kurzfristiger Identitätsdiskurse zu pressen. Zumal bei einem Maler, der den theosophischen Unsinn der Esoterikbetrügerin Madam Blavatsky ebenso begeistert aufsog, wie Schopenhauers frauenfeindlichen Pessimismus oder die misogynen Theorien des Antisemiten Otto Weininger, der in abendländischen Mythen ebenso versank wie im Bordell. Der also ein wunderbares Kaleidoskop seiner eigenen wirren Zeit war, und von dieser unerschöpflich erzählt.

Der Besucher kann diese inhaltliche Bündelung schnell aufschnüren

Wer also die aufdringlichen Interpretationsangebote dieser Thesenschau höflich zur Seite schieben kann, mag hier selbst auf Odyssee gehen zu den Unglücksstellen politischer Korrektheit. Dafür bietet die umfangreiche Ausstellung, die ein ganzes Geschoss der Kunsthalle einnimmt, besonderes Material: Statt Beckmanns großtheatralen Szenen in Öl versammelt man hier nicht die Werke, denen man in allen Museen der Welt begegnet, sondern viel weniger Prominentes. Etwa surrealen Visionen des Universums als Sphärenmodell, Albträume vom Gefressenwerden wie in "Die Hunde werden größer", oder merkwürdige Planetenoberflächen aus Masken, Fischen, Eiern und Körperteilen. Erotische Kaltnadelradierungen von Frauen mit dicken Fischen zwischen den Beinen ("Walpurgisnacht") oder Gucklochperspektiven auf Vampire beim Geschlechtsakt zeugen von Beckmanns Hingabe ans Sexuelle, während süßliche, fast kitschige Porträts von einigen seiner Gönnerinnen beweisen, dass Beckmann auch dankbar malen konnte. Und neben den klassisch beckmannschen Handlungsbildern in farbstarken, groben und figurenreichen Bühnenposen, etwa einem Prometheus, der über einem Bordellgelage leidet, zeigt die Ausstellung auch aufwühlende Szenen aus Beckmanns Kriegserinnerungen oder von der "Kreuzigung" Rosa Luxemburgs.

Anders als bei der letzten großen Themenschau zu Beckmann in der Hamburger Kunsthalle 2014, die sich erschöpfend mit seinen Stillleben beschäftigte, kann der Besucher sich diese inhaltliche Bündelung also schnell selbst wieder aufschnüren. Und dann zeigt dieses verstreute Motiv- und Themenmikado, was wirklich Beckmanns "Ambivalenz" ist. Nämlich die grundsätzlich vielfältige Betrachtung und Vermischung von Welt von einem festen männlichen Standpunkt aus. Über moderne Rollen- und Geschlechterbilder informiert man sich besser woanders.

Max Beckmann, weiblich - männlich. Kunsthalle Hamburg. Bis 24. Januar. Katalog: 45 Euro.

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Quelle:
SZ vom 07.10.2020
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