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Ausstellung in Düsseldorf:Kunst der Serie D

Deutsches Minimal: Eine Schau zeigt das früh vollendete Werk von Charlotte Posenenske. Enttäuscht vom Veränderungspotenzial der Kunst wurde sie Soziologin.

Von Alexander Menden

Im Februar 1968 beendete Charlotte Posenenske im Alter von 37 Jahren ihr künstlerisches Schaffen und wandte sich der Soziologie zu. Dabei blieb sie bis zu ihrem frühen Tod 1985; ihr besonderes Interesse galt der Arbeitswissenschaft. Die Konsequenz, mit der Posenenske damals handelte, macht sie zu einer Rarität, ja einem Solitär im Kunstbetrieb. Im Jahr zuvor hatte sie bereits im Magazin Art International bekannt, es falle ihr schwer, "mich damit abzufinden, dass Kunst nicht zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann". Kurz, Posenenske hatte nach eigener Ansicht die Grenzen dessen erreicht, was ihre Kunst zu bewirken vermochte. Als Beitrag zum gesellschaftlichen Engagement, so sehr Teil des Selbstverständnisses der späten Sechzigerjahre, war sie ausgereizt. Posenenskes Abkehr von der bisherigen Produktion erscheint in ihrer Radikalität gerade heute, da Kunst und Markt deckungsgleich geworden sind, bewundernswert und respektabel.

Dass diese Abkehr für die Konsumenten ihrer Kunst - diesen Begriff verwandte sie selbst immer - bedauerlich war und ist, erkennt man bereits an der ersten Arbeit, die das Düsseldorfer K20 in der Posenenske-Retrospektive "Work in Progress" zeigt. Man kann ein paarmal darunter her spazieren, ohne sie wahrzunehmen: Wie ein Teil der Architektur, eine Art anschlussloser Lüftungsschacht, hängt das Vierkantrohr aus Pappe unter der Decke der Eingangshalle. Es verschwindet im Ganzen und zeigt damit in Vollendung, was der Minimalismus dieser Künstlerin anstrebte, deren Hauptwerk in nur zwei Jahren von 1966 bis 1968 entstand: die Ästhetik industrieller Fertigungsmethoden, das schöpferlos Reproduzierbare einer Kunst, die vollständig aus der Welt stammt dort verbleibt, unabgehoben und kooperativ gedacht.

Die aktuelle Retrospektive im Düsseldorfer K20 ging von der New Yorker "Dia Art Foundation" aus.

(Foto: Achim Kukulies)

Die Biografie der 1930 als Charlotte Mayer geborenen Apothekerstochter ist unterteilt durch aufgezwungene wie selbstgewählte Zäsuren, wirkt aber vielleicht gerade deshalb in der Draufsicht zielstrebig und linear. Ihr jüdischer Vater nimmt sich 1940 das Leben, Charlottes Mutter versteckt sich bis zum Kriegsende mit der Tochter in deren Geburtsstadt Wiesbaden und entgeht so der Verfolgung durch die Nazis. Die 21jährige wird nach dem Schulabschluss Studentin von Willi Baumeister an der Stuttgarter Kunstakademie. Während der anschließenden Ausbildung zur Kostüm- und Bühnenbildnerin lernt sie, dreidimensional zu denken und zu formen. Als sie dann von 1956 an als freischaffende Künstlerin zu arbeiten beginnt, entwickeln sich aus Streifenbildern rasch Faltobjekte aus Papier oder Hartfaser, die in den Raum ragen. Die Plastischen Bilder von 1965 sind ein Zwischenschritt zum Hauptwerk, sie werden gemeinsam mit Notizen und zeitgenössischen Rezensionen präsentiert.

Den Saal selbst nehmen Arbeiten ein, die von 1966 bis 1968 entstanden. Zu behaupten, dass Charlotte Posenenske sie schuf, würde dem Prozess nicht wirklich gerecht: Die Skulpturenserien A bis E sind zunehmend komplexe, in der Anmutung und vor allem im Aufbau Gebilde, die von monochromatischen, gefalteten und gekanteten Metallobjekten bis hin zu den Quasi-Lüftungsrohren der Serie D und den Prismen der Serie E reichen. Alle bestehen aus industriellen Materialien, alle erlauben es dem "Konsumenten", sie, im Rahmen bestimmter Vorgaben, selbst zusammenzusetzen, zu hängen, aufzustellen, die Module immer neu zu arrangieren, gleichsam ein freies Ikea-Prinzip.

Diese erste umfassende Retrospektive startete in der New Yorker "Dia Art Foundation"

Dass sie 1967 in Frankfurt eine Gruppenausstellung mit anderen unter dem Begriff "minimalistisch" gefassten Künstlern hatte, war einerseits stimmig, denn die Reduktion in Mitteln, die Entpersonalisierung des Objekts und die serielle Fertigung verband sie durchaus mit Figuren wie Sol LeWitt und Carl Andre. Der entscheidende Unterschied bestand darin, dass Posenenske vor allem daran gelegen war, ihre Kunst in einen gesellschaftlichen Kontext einzufügen, unter bewusster Vermeidung muskulöser Gesten, die einige ihrer amerikanischen Zeitgenossen pflegten. Großen Einfluss auf das Serielle dieser Kunst zum Herstellungspreis hatte Umberto Eco mit der Theorie des "Offenen Kunstwerks", das, ausgehend von der seriellen Musik, das offene Ende eines Werkes betonte. In Posenenskes Werk mündet die Idee in der multiplen Rekombinierbarkeit einzelner Module - konvex oder zu Dreiecken gebogenen Metallplatten, Rohrteilen und so weiter - in massenproduzierbarer Qualität.

Die Studentin von Willi Baumeister entwickelte in den Fünfzigerjahren aus ihren Streifenbildern dann Faltobjekte, die in den Raum ragen.

(Foto: Achim Kukulies)

Die Düsseldorfer Schau, die in der New Yorker "Dia Art Foundation" ihren Ausgang nahm, ist höchst verdienstvoll, denn es ist die erste umfassende Retrospektive dieser Art, seit Charlotte Posenenske 2007 bei der Documenta 12 wiederentdeckt wurde. Die beeindruckende Vollständigkeit der hier zusammengetragenen Stücke bringt allerdings in der Präsentation Probleme mit sich. Das Gesamtwerk in einen Raum zu bringen - sei er auch noch so riesig - erweist sich bei dieser Art von Kunst als eher kontraproduktiv, weil die Wirkung die einer vollgestellten Werkhalle ist. Einzelne Serien entfalten aber desto mehr Wirkung, je mehr Raum sie umgibt (nicht zufällig sah Posenenske selbst ihre Kunst am ehesten im öffentlichen Raum). Das sieht man nicht nur bei dem Einzelstück aus Serie D im Foyer, sondern auch im ersten Stock, wo eine kleinere Auswahl direkt neben der Dauerausstellung zeitweise einen eigenen Raum bekommen hat - und dabei nebenbei suggeriert, dass sie eine durchaus passende Ergänzung der Kunstsammlung NRW darstellen würde.

Die für viele Künstler so unüberwindliche Hürde der Marktgesetze nahm Charlotte Posenenske nonchalant: Finanziell unabhängig, konnte sie es sich leisten, konsequent weder die Auflagen ihrer Serien zu limitieren, noch sie zu signieren. Daher sind die Arbeiten, deren Fertigung heute ihr Ehemann Burkhard Brunn besorgt, ebenso "Originale" wie die Prototypen, die noch zu Posenenskes Lebzeiten entstanden. Doch auch diese Werke waren letztlich nur ein Schritt in eine andere Art der Auseinandersetzung mit Fragen von Demokratisierung und Reproduzierbarkeit. Während die Künstlerin diese als Soziologin verfolgte, entwickelte ihr Werk gleichsam als Abzweigung ihres Lebens eine Eigendynamik. Es bleibt, im Wortsinne, ein "Work in Progress".

Charlotte Posenenske - Work in Progress. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20, Düsseldorf. Bis 2. August. Der Katalog kostet 45 Euro.

© SZ vom 03.07.2020

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