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Ausstellung:In dreisten Zukunftsräumen

Engels

Das Paradox seines Lebens: Friedrich Engels profitierte vom Elend des Manchesterkapitalismus und bekämpfte es zugleich systematisch.

(Foto: Stadt Wuppertal)

Eine Wuppertaler Schau zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels.

Kennt man nur die blitzblank durchsanierten Innenstädte der ehemaligen Industriemetropolen Nordenglands, dann sind die unsäglichen Verhältnisse kaum noch vorstellbar, derer der Barmer Fabrikantensohn Friedrich Engels ansichtig wurde, als er 1843 nach Manchester reiste. Dort betrieb sein Vater eine Manufaktur. In den Arbeitersiedlungen am Fluss Irk, schrieb Engels in seinem Traktat "Die Lage der arbeitenden Klasse in England", gerate man "in einen Schmutz und eine ekelhafte Unsauberkeit, die ihres Gleichen nicht hat - namentlich in den Höfen die nach dem Irk hinführen, und die unbedingt die scheußlichsten Wohnungen enthalten, welche mir bis jetzt vorgekommen sind." Die unmenschlichen Lebensbedingungen der Arbeiter, die vornehmlich in den riesigen Baumwollspinnereien beschäftigt waren, resultierten aus Landflucht und Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das Wort "Manchesterkapitalismus" ist bis heute Inbegriff hemmungsloser Ausbeutung.

Dass Friedrich Engels von diesem Elend profitierte und es zugleich systemisch zu bekämpfen trachtete, stellt das faszinierende Paradox seiner gesamten Existenz dar. Auch nach seinem Austritt aus der Firma Ermen & Engels im Juli 1869 lebten er und die finanziell von ihm Abhängigen, einschließlich Karl Marx, vor allem von den Zinsen des Anteils am Familienunternehmen, den er sich hatte auszahlen lassen. Man kann ihn als Sozialrevolutionär betrachten, der den Kapitalismus gleichsam von innen heraus attackierte, mit der gleichen Berechtigung aber auch als Prototyp des Champagnersozialisten, der aus kompletter wirtschaftlicher Absicherung heraus agieren und agitieren konnte. Er ist das Paradebeispiel für eine historische Figur, die bis in die Gegenwart hochemotionale Reaktionen auslösen kann, und bei der die Einschätzung ihrer Bedeutung und Wirkung vor allem davon abhängt, wie man ideologisch vorgeprägt ist. Immer neue Revitalisierungsversuche lassen an Engels' Relevanz für die Gegenwart jedenfalls wenig Zweifel.

Neben Beethoven, Hölderlin und Hegel gehört auch Engels - Spross einer pietistischen Industriellendynastie, Journalist, Bohemien, Sozialrevolutionär, Co-Autor des "Kommunistischen Manifests" - zu jenen deutschen Jubilaren in diesem Jahr, deren Feier bisher großteils der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen ist. Sein Geburtstag jährt sich am 28. November zum 200. Mal. Dann soll auch das Engels-Haus in Wuppertal-Barmen, in dem Engels Kindheit und Jugend verbrachte, grundrenoviert als neu konzipiertes historisches Museum wieder seine Türen öffnen. Immerhin konnte jetzt schon mal die Ausstellung "Friedrich Engels - Ein Gespenst geht um in Europa" eröffnet werden; ursprünglich war das für Ende März geplant gewesen.

Die Ende des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild des Berliner Reichstags errichtete Barmer Ruhmeshalle zwischen Schwebebahn und Fußgängerzone ist eine steingewordene preußische Selbstfeier, und damit ein durchaus passender Ausstellungsort. Jülich-Kleve-Berg war, als Engels 1820 in der damals eigenständigen Gemeinde Barmen geboren wurde, rheinpreußische Provinz. Engels leistete 1841 seinen Militärdienst bei der preußischen Garde-Artillerie-Brigade in Berlin. Und es war die zunehmend repressive Politik des preußischen Staates, gegen die er vom darauffolgenden Jahr an in der Rheinischen Zeitung anschrieb. Diese Agitation kumulierte 1845 in den "Elberfelder Reden", in denen er eine allgemeine und progressive Kapital-steuer forderte, aber auch "Kolonien für sämtliche brotlosen Bürger", in denen sie "mit Agrikultur- und Industriearbeit beschäftigt und ihre Arbeit zum Nutzen der ganzen Kolonie organisiert würde".

Die Wuppertaler Ausstellung verfährt chronologisch: Sie beginnt bei Engels' Kindheit in Barmen, als neuntes Kind des Fabrikanten Friedrich Engels senior und seiner Frau Elisabeth. Vom Elberfelder Gymnasium, das er als herausragender, sprachbegabter Schüler besucht, geht er auf Wunsch des Vaters ein Jahr vor dem Abitur ab, um eine Kaufmannslehre zu machen. Es folgen eine Zeit im Kontor in Bremen, Militärdienst und Studium in Berlin, wo er mit Linkshegelianern in Kontakt kommt und, wie er selbst schreibt, in "Zukunftsträumen, freien, dreisten" lebt. Die erste Manchester-Reise radikalisiert ihn stärker und führt zu revolutionären Umtrieben und Barrikadenkämpfen in Köln, Elberfeld, Paris und Brüssel (1845 bis 1850).

Nach England emigriert, flieht er zurück in die Sicherheit des Familienbetriebs, und vertritt bis 1869 seinen Vater in der Nähgarnfabrik in Manchester. Der letzte Raum ist dem Lebensabend in London gewidmet, wo er bis zu seinem Tod 1895 lebte und unter anderem den Nachlass von Karl Marx herausgab. Hier wird besonders klar, was für ein Doppelleben zwischen Kommerz und Revolution Engels führte. Besonders schillernd ist sein Privatleben, das er mit der Baumwollspinnerin Mary Burns, nach deren Tod 1863 dann mit ihrer Schwester Lizzy verbringt. (Karl Marx' empathielose Reaktion auf die Nachricht, dass Mary gestorben war, belastete das Verhältnis zu Engels zeitweise stark.) Engels' großbürgerliche Herkunft bricht immer wieder durch, etwa, wenn er auf die Frage, was seine Vorstellung von Glück sei, antwortet: "Château Margaux 1848".

Engels' politischer Philosophie und besonders seinen Vormärz-Aktivitäten in der rheinischen Heimat ist viel Raum gewidmet. Doch die Hauptintention der Schau ist offenkundig, seinen persönlichen Werdegang nachzuvollziehen, und ihre große Stärke ist dabei ihre Materialfülle. Rund 300 Exponate wurden zusammengetragen, viele davon von Manuskript- und Korrespondenzfaksimiles. Die besonders seltenen Stücke, die einen unmittelbaren Bezug zu Engels' Biografie haben, sind echte Highlights: Vom weißen Kleidchen aus dem Jahr 1820, in dem er getauft wurde, bis zu einem gravierten Taschenmesser, das Solinger Arbeiter dem "edlen Vorkämpfer für das Proletariat" zum 70. Geburtstag nach London schickten. Auch Seiten aus dem vom 20-jährigen Engels wohl als Opernlibretto gedachten Dramentext "Cola di Rienzi" sind zu sehen. Ausführlichere Informationen zu diesem kuriosen, erst 1974 entdeckten Exponat sucht man jedoch vergeblich.

Ähnlich verhält es sich mit vielen Stücken, bei denen schon ein paar zusätzliche Zeilen der Einordnung das Verständnis sehr fördern würden. Dass etwa der Säbel und die Schlittschuhe, die im zweiten Raum zu sehen sind, nur Beispiele für Utensilien sind, wie Engels sie besessen und verwendet haben mag, muss man sich aus dem Kontext zusammenreimen. Was es mit Adam Smiths im zweiten Raum ausliegender ökonomischer Grundlagenschrift "The Wealth of Nations" auf sich hat, wird erst im dritten Raum ein wenig erklärt. Regelmäßig muss man zwischen einzelnen Stücken und größeren, zusammenfassenden Erklärungstexten an der Wand hin- und herwandern, bis ihre eigentliche Bedeutung im Gesamtzusammenhang einigermaßen geklärt ist.

Möglicherweise wären manche der Informationen, die fehlen, in jenen Exponaten zu finden gewesen, die aufgrund der geltenden Hygienebestimmungen entfernt werden mussten. Einige Kladden, die unter normalen Umständen zum Durchblättern eingeladen hätten, wurden geleert, ein interaktiver Bildschirm deaktiviert. Es wäre hilfreich, würden die Ausstellungsmacher diesen Verlust an Erläuterungen auffangen.

Die Gewichtung des Verhältnisses zu Marx, den er erstmals 1842 in Köln traf, ist ebenfalls eher enttäuschend. Bedenkt man den gewaltigen Einfluss, den Marx und Engels erst in der Zusammenarbeit entfalteten, ist es schon eine eigenartige kuratorische Entscheidung, Engels' folgenreichen Besuch in Paris im Jahr 1844 mit dem lapidaren Sätzchen abzuhandeln, nach dem zehn Tage währenden Treffen habe sich "eine lebenslange Freundschaft" entwickelt. Faksimiles der Korrespondenz zwischen Marx und Engels sind hinter einer Wand auf Papptäfelchen aufgebracht, die man aus unerfindlichen Gründen nur durch einen auf circa 120 Zentimeter Höhe angebrachten Guckschlitz betrachten kann.

Für Engels-Experten ist diese Ausstellung aufgrund ihrer Reichhaltigkeit sicherlich ein Fest. Für jene, die weniger Vorkenntnisse mitbringen, wird sie über weite Strecken ein frustrierendes Erlebnis bleiben, denn das so reichhaltige Material wird dem Durchschnittsbesucher einfach zu selten optimal erschlossen.

Friedrich Engels - Ein Gespenst geht um in Europa. Kunsthalle Barmen, bis 20.9. Info: engels2020.de. Katalog 24 Euro.

© SZ vom 16.06.2020

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