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Ausstellung in Braunschweig:Anton Wilhelm Amo

Kunstverein Braunschweig
(Foto: Adjani Okpu Egbe, Sulger Buel Gallery London; Stefan Stark)

Diese Geschichte klingt wie eine spekulative Romanidee. Ein Kind von der afrikanischen "Goldküste", das 1704 als Sklave verschleppt und dem Fürsten von Braunschweig-Wolfenbüttel "geschenkt" wird, entwickelt sich zu einem geschätzten Philosophen in Halle und Wittenberg. Aber diesen schwarzen Intellektuellen in der Zeit der Voraufklärung hat es tatsächlich gegeben: Anton Wilhelm Amo, der seinen deutschen Taufnahmen "Afer", der Afrikaner, hinzufügte, beschäftigte sich mit dem europäischen "Mohren-Recht", dem Leib-Seele-Problem und der Tatsache, dass es viele Theologien in der Welt gibt. Als Strafe für diese Renitenz im Denken, die sich mit den Dogmen des Pietismus anlegte, wurde Amo bald gründlich vergessen.

Im Kunstverein Braunschweig, in der Stadt seiner "Besitzer" und Förderer, setzt eine Ausstellung Amo nun ein temporäres Denkmal. Kuratiert von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Jule Hillgärtner und Nele Kaczmarek waren 16 internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich mit Leben und Werk Amos zu beschäftigen. Auf einem Parcours durch die Prachträume des klassizistischen Villenbaus, den der Künstler Konrad Wolf als seinen Beitrag in "Anton Wilhelm Amo Center" umbenannt hat, wird konsequent eine Linie zwischen historischen und heutigen Ausgrenzungen gezogen, aber auch Amos Ausnahmetalent und Durchsetzungkraft in der oft feindlichen Umgebung weißer Arroganz gewürdigt.

Altäre und Gemälde von Adjani Okpu-Egbe (im Bild unten) suchen symbolische Antworten auf die Frage nach der Unterrepäsentanz schwarzer Menschen in der Geschichte, Patricia Kaersenhout nimmt einen grauenhaften Text zur Sklavenerziehung von Willy Lynch (dem Erfinder des Lynchens) von 1712 als Grundlage für ein komplexes Bildprojekt zur weißen Unmenschlichkeit, und Theo Eshetu beschäftigt sich mit dem multilingualen Talent Amos, der sieben Sprachen beherrschte und in Latein schrieb. Schließlich verbindet Claudia Martinez Garay am Ende der inspirierenden Kunststrecke Amos Grenzleben mit dem Inka-König Tupac Amaru und dessen Erfahrungen mit christlicher Gewalt. Diese Vielfalt erinnert mit Leib und Seele an die Multiperspektive Amos, der durch das Projekt vielleicht endlich verdiente Anerkennung erfährt.

© SZ vom 23.05.2020

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