Ausstellung in Berlin Schmerz lass' nach!

Der Hamburger Bahnhof und das Medizingeschichtliche Museum der Charité zeigen, was nicht ertragen werden kann und doch ertragen werden muss: Sie zeigen - wissenschaftlich belegt -, was Menschen richtig weh tut.

Von Burkhard Müller

Von der Decke im Eingangsbereich hängt ein ungeheuer hoher schwarzer Baldachin herab, und darunter, auf rotem Grund: ein Beißstab. Er ist ungefähr neunzig Zentimeter lang, so dass man, während man zubeißt, ihn gleichzeitig mit beiden Händen packen kann. Aus Holz ist er, mit einem Knauf versehen und eng mit Leder umwickelt. Dieser Lederbezug trägt, konzentriert auf die Mitte, die Eindrücke der Zähne, eine Narbenlandschaft, aus vielen hundert Bissakten herrührend. Leicht widerlich ist die Vorstellung des von Mund zu Mund wandernden Stabes.

Kunstschmerz-Aktion von Rudolf Schwarzkogler aus dem Jahr 1965.

(Foto: )

Und doch darf man sicher sein, dass es im Augenblick der höchsten Not keine Rolle mehr spielte, vielmehr diese gebrechliche Hilfe mit dem wilden Eifer der Pein vom Gebiss ergriffen wurde, so fest es ging. Es war das Humanste, was sich tun ließ, in jener gar nicht so lang vergangenen Zeit, als man den Leib des Menschen öffnete oder ihm das Bein abschnitt, ohne ihm den Segen der Narkose zu gönnen. Schaudernd steht der Betrachter vor diesem Requisit und seinen Spuren, in denen sich die inständigsten Momente so vieler fremder Leben eingetragen haben. Man würde gern hinlangen, ehrfürchtig wie es sich für ein Heiligtum geziemt, um zu probieren, ob sich der unfasslich starke Strom, der hier hindurchgegangen ist, wenigstens als ein schwaches Summen fühlen lässt.

Fast auf den Tag parallel zur Ausstellung "Schlaf & Traum" im Dresdner Hygienemuseum öffnet in Berlin jetzt diese andere: "Schmerz". Das Problem, mit dem sie sich auseinanderzusetzen haben, ist in beiden Fällen dasselbe: Wie lässt sich ein für das Subjekt fragloser Zustand von zentraler Bedeutung, der aber das individuelle Erleben nicht zu überschreiten vermag, dennoch so vorweisen, dass alle etwas zu sehen bekommen? Und beide Ausstellungen gelangen dabei zu einer ähnlichen Lösung, einem Doppelansatz aus Wissenschaft und Kunst. Nur wer mit diesen zwei Augen auf einmal sieht, dem erschließt sich die Tiefendimension eines Innen, das sonst unzugänglich bleiben muss; so hofft man. In Berlin drückt sich diese Doppelung auch in den zwei Schauplätzen aus, die man gefunden und verbunden hat. Vom Hamburger Bahnhof führt ein Pfad (mit eigens aufgestellter Fußgängerampel) längs des alten Verlaufs der Mauer hinüber zum Medizingeschichtlichen Museum der Charité nur hundert Meter weiter.

Ein Stechen und Bohren

Schlaf und Schmerz haben gemeinsam, dass sie je nur dem einzelnen Bewusstsein widerfahren - und es zugleich übersteigen. Sie streifen das Metaphysische. Beim Schmerz, der den Menschen doch gerade auf seine Physis reduziert, lässt sich das nur als Paradox beschreiben. Es drängt sich zusammen in das Adjektiv "unerträglich", welches besagt, dass der Zustand zwar nicht ertragen werden kann, aber dennoch ertragen werden muss; dass ein Mögliches und ein Unmögliches auf das Furchtbarste zusammenfallen und wir es auszubaden haben. Was ein unerträglicher Schmerz ist, weiß jeder, der sich auch bloß einmal mit dem Hammer auf den Daumennagel gehauen hat. Aber das wird nur ein kleiner, zeitlich begrenzter Vorgeschmack gewesen sein, sollte er dereinst einen Knochenkrebs im Endstadium erleiden.

Aber einen Trost hat die Ausstellung doch zu bieten: Der Schmerz, der die Medizin immer so geärgert hat, weil er sich der objektiven wissenschaftlichen Darstellung so hartnäckig entzog und dafür von ihr gern beiseitegeschoben wurde, als käme es angesichts "echter" Krankheiten auf ihn gar nicht an, der Schmerz also hat heute die Dignität eines eigenen diagnostischen Befundes erlangt. Fotos zeigen eine "Schmerzkonferenz", wo bis zu ein Dutzend medizinischer Spezialisten sich um den Patienten versammeln und ihm zuhören: ob der Schmerz eher ein ziehender, ein stechender oder ein bohrender sei. Es scheint, dass das Fach endlich seinen Frieden damit gemacht hat, dass es vom Schmerz kaum mehr sagen kann als ein Weinkenner vom Wein.

Alle Repräsentationen des Schmerzes müssen im Symbolischen verharren; und angesichts des Ungeheuerlichen, das Schmerz bedeuten kann, hat jedes dieser Symbole einen frivolen Zug an sich, gleichgültig ob es sich um eine verkleinerte Version der Laokoon-Plastik handelt, ein Fläschlein mit dem ersten Aspirin oder ein Stück Konzeptkunst, wo der Künstler hinter jedes Stichwort eines Wörterbuchs "pain" geschrieben hat, stur Tausende von Malen. Auszunehmen vom Frivolitätsverdacht wären vielleicht einzig die Feuchtpräparate der medizingeschichtlichen Sammlung. Ein auseinandergebreiteter Magen mit einem Schleimhautgeschwür, das münzgroß in die Bauchhöhle durchgebrochen ist: Das ist ein sehr intimes Tat-twam-asi und erinnert uns in Abstoßung und Anziehung daran, wie wenig wir von unseren stumm dienenden inneren Organen wissen (die doch wir selbst sind), während vielleicht schon eins von ihnen, ein Maulwurf der Hölle, insgeheim unseren eigenen schrecklichen Untergang ergräbt.

Die Folter, ein schwarzes Loch

So viel also vermag die Wissenschaft. Die Kunst aber hat, in Europa wenigstens, ihren festen Bezugspunkt im Leiden Christi. Alle Rede und jedes Bild vom Schmerz kommt irgendwie immer auf diese eine Figur zurück: ein Balken längs, einer quer, darauf die Gestalt, die zuschanden wird. Gott ist Mensch geworden, behauptet das Christentum, und belegt es mit diesem Anblick, ohne den die Menschwerdung eine geschenkte Übung, ein Maskenball bleiben müsste. Etliche solcher Gemälde versammelt die Ausstellung, der Katalog noch mehr. Selbst ein Gegner des Christentums wird darin eine tiefe Aufrichtigkeit erkennen. Der Schmerz ist nicht nur der Gegenpol zu Glück und Lust, er ist mehr als sie. Ein bloß in der Lust glücklicher Mensch wird mit sich selbst gar nicht richtig bekannt, er weiß gewissermaßen nicht, dass er ein Wesen der drei Dimensionen ist und sein schmaler Körper Raum für Abgründe hat. Ein Eisberg ist er, der höchstens mit einem Siebtel seiner Substanz ins Licht des Glücks ragt, mit seiner ganzen restlichen Masse aber dem untergetauchten Reich des körperlichen Leidens angehört. Darum bietet der Gekreuzigte ein wahreres Bild vom Menschen als die schale Ikone des Buddhas.

Der umfangreiche Katalog präsentiert sich als eine kluge Enzyklopädie alles dessen, was sich über den Schmerz des Menschen heute sagen lässt. Vor einem aber hat er sich, wie die Ausstellung insgesamt, gedrückt (so weit er das Thema nicht mittels der Passion Christi und seiner Märtyrer sozusagen über die Bande spielt): vor dem Schmerz als etwas, das Menschen planvoll, mit dem Feingefühl böser Uhrmacher, einander antun. Tiere hassen und töten, aber sie foltern sich gegenseitig nicht. Die Folter ist als das intensivste nicht nur menschen- sondern kosmosmögliche Ereignis zu denken. Eine Supernova, ein Schwarzes Loch mögen gewaltiger sein; aber sie erleben sich nicht selbst. Soll man die Berliner Ausstellung für ihre Folterscheu loben oder tadeln? Der Zweifel, der bleibt, ehrt sie.

"Schmerz", Hamburger Bahnhof - Museum der Gegenwart, Berlin und Medizinhistorisches Museum der Charité, Berlin; bis 5. August; Info: Tel. 030 / 397834-11

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