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Ausstellung:Hinter Türen blicken

Rana El Nemr, Akademie der Schönen Künste

"10th birthday - quadrantids - machholz": Der von Michael Endes Vater Edgar bemalte Schrank hat es Rana El Nemr angetan.

(Foto: Rana El Nemr)

Medienkünstlerin Rana El Nemr erkundet in ihrer Ausstellung in der Akademie der Schönen Künste fiktive und reale Orte

Ihr Blick ist der von außen. Doch urbane Räume zu erkunden, gehört für Rana El Nemr zur künstlerischen Praxis. Die Medienkünstlerin, geboren 1974 in Hannover, lebt in Kairo und ist in der Kunstszene der ägyptischen Hauptstadt und deren urbanem Umfeld zu Hause. Sie durchstreift den disparaten Großraum der Millionenstadt am Nil, ihre visuellen Erlebnisse verarbeitet sie fotografisch, filmisch und literarisch. Deshalb war es auch folgerichtig, dass sie sich auf den Weg machte, den ihr unbekannten Münchner Stadtraum zu erkunden, als sie im November vergangenen Jahres als neue Residentin im Programm "Kunst-Konzept-Vermittlung" in die Landeshauptstadt kam.

Dabei stieß sie auch auf das Michael-Ende-Museum der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg, in dem seit 1998 Teile des Nachlasses des Kinderbuchautors zu sehen sind. Unter anderem stand Rana El Nemr dort mit einem Mal vor einem Schrank, den Michael Endes Vater, der Maler Edgar Ende, einst für seinen damals kleinen Sohn bemalt hat. Ein Schrank mit vier Tafelfeldern, auf denen ein Adliger von Naturgewalten und einem Bauern mit Dreschflegel bestraft wird. Armer Michael, armes Kind: Mit einer solchen Bildergeschichte Nacht für Nacht zu Bett gehen zu müssen, evoziert wohl eher Alpträume denn süße Träumen.

Doch El Nemr ließ sich von den Biografien des surreastischen Malers Edgar Ende und des phantastischen Märchenerzählers Michael Ende sowie dessen "Unendlicher Geschichte", die sich für sie in dem Schrank visuell vereinigten, zu weiteren fiktiven Welten führen. Das berühmte "Dictionary of Imaginary Places" wurde zum Ausgangspunkt ihres Ausstellungskonzepts. Darin setzt sie ihre vielfältige Medienarbeit zum Teil poetisch, zum Teil auch streng dokumentarisch mit Bezügen zu Kairo wie zu verschiedenen Orten in Deutschland um. Zum Abschluss ihrer Residency in München ist diese Ausstellung derzeit noch in der Akademie der Schönen Künste zu sehen.

Nun versucht die andere Akademie, die der Bildenden Künste, schon seit längerem, ihre Studierenden bereits während der Zeit an der Hochschule aus dem geschützten akademischen Raum herauszuholen und sie auf vielfältige Weise mit Mechanismen des Marktes vertraut zu machen. Dazu kommt, dass Selbstvermarktung und Marktvernetzung längst nicht mehr verpönt sind, wie das in Folge des Künstlerbildes von einst der Fall war. Heute gehört es für angehende Künstler längst zur gängigen Strategie, um sich auf die Zeit nach dem Studium vorzubereiten.

Auch das Institut für Kunstpädagogik der LMU München unternimmt Versuche, seine Absolventen auf verschiedenen Wegen auf "das wahre Leben" vorzubereiten. Dazu hat es unter anderem in Kooperation mit dem Kulturreferat und dem Ebenböckhaus sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste das Programm "Artist in Residence. Kunst-Konzept-Vermittlung" ins Leben gerufen. Neben der Lehre am Institut für Kunstpädagogik der LMU sollen die Studierenden auch den künstlerischen Austausch mit Akteurinnen und Akteuren der lokalen und internationalen Kunst- und Vermittlungsszene suchen. Dadurch erhofft man sich eine bessere Vernetzung von Wissenschaft, Kunst und Kultur, eine Förderung der Kunstvermittlung an der Universität und eine Stärkung der Münchner Kunst- und Kulturlandschaft.

Die eingeladenen Künstler können vier Monate lang im Ebenböckhaus leben und arbeiten. Während der Zeit erforschen sie ihre neues Umfeld und erarbeiten eine Ausstellung, die sie zum Abschluss in der Akademie der Schönen Künste präsentieren. Die Studierenden der Kunstpädagogik entwickeln dazu ein kunstvermittelndes Begleitprogramm. Außerdem gestalten sie einen Katalog zur Ausstellung und bereiten sich so auf ein mögliches Berufsfeld vor.

Die ästethische Umsetzung der Raumerkundungen der aktuellen Residentin des Programms, Rana El Nemr, sind also in der Ausstellung in der Akademie der Schönen Künste in der Residenz zu erleben. Die Ergebnisse der Auseinandersetzung der angehenden Kunstvermittler werden an diesem Wochenende im Ebenböckhaus präsentiert.

Rana El Nemr: Fine Structure Constant, Bayerische Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Platz 3, bis 14. Feb., Mo.-Fr., 11-16 Uhr, Do., 13. Feb., 16 Uhr: Andreas Kühne im Gespräch mit Rana El Nemr in der Akademie; Präsentation "Exploring the realms of personal associations with language", Sa., 8. Feb., 20 Uhr und So., 9. Feb., 14-18 Uhr, Ebenböck-Haus, Ebenböckstr. 11; Fructa Talk mit Rana El Nemr bei Radio 80 000: Mo., 10. Feb., 18 Uhr, zu hören übers Internet

© SZ vom 07.02.2020
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