Ausstellung "Heimat?" in Regensburg:Wo Löffel blau schimmern

Ob es das alte Besteck aus der Kindheit ist oder fremde Landstriche, die einem plötzlich vertraut vorkommen: Zuhause kann viel mehr sein als bloß ein Ort. Das Kunstforum Regensburg ergründet den vielschichtigen Begriff "Heimat" in Bildern aus Osteuropa.

Von Paul Katzenberger

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(Foto: Joachim Hildebrand, Neue Heimat (1723), 2011, Kat. 36)

Wer für Wärme und Behaglichkeit offen ist, findet diese sogar an eigentlich unwirtlich erscheinenden Orten - etwa in einem der uniformen Sechzigerjahre-Wohnblocks in Frankfurt am Main. Dort, in der Bankenmetropole, wuchs der Fotograf Joachim Hildebrand auf. Ausgerechnet mit der monotonen Wohnsiedlung, die auf seinem Schulweg lag, assoziiert er jenen Ort tiefen Vertrauens, der gemeinhin als "Heimat" beschrieben wird. Für die Ausstellung "Heimat? Osteuropa in der zeitgenössischen Fotografie" im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, an der sich 13 Künstler beteiligen, hat Hildebrand eine Serie von Aufnahmen dieser Kolonie beigesteuert. Statt Trostlosigkeit sollen sie ihre Schönheit zeigen.

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(Foto: Joachim Hildebrand, Neue Heimat (1658), 2011, Kat. 34)

Die Heimeligkeit, die seine sonnendurchfluteten Bilder ausstrahlen, ordnet der Fotograf den Bewohnern der Siedlung zu, die bei deren Bau vor 60 Jahren oft Flüchtlinge aus den kriegsverheerten Gebieten Osteuropas waren. Nun - drei Generationen später - leben dort wieder viele Entwurzelte. Ihre Vergangenheit, Erinnerungen und Träume verbänden sich für ihn mit den Schatten der Bäume, die bei Sonnenschein auf die Gebäude fallen, so der Fotograf. Sie würden zu einer Metapher "für die Verschmelzung von Bewohnern und ihren Lebenslinien mit dem, was ihnen eine neue Heimat sein soll". An Hildebrands sehr spezieller Interpretation des Begriffs "Heimat" lässt sich bereits begreifen, wie assoziationsreich und unscharf dieser Terminus ist. Heimat meine "mehr" als es Synonyme wie "Geburtsort", "Zuhause" oder "Vaterland" ausdrücken könnten, sagte ...

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(Foto: AP)

... bereits Ernst Bloch, der als Philosoph den über sich hinausdenkenden Menschen propagierte. Dessen Bewusstsein werde nicht allein durch das Sein bestimmt, sondern weise einen "Überschuss" auf. Dieser drücke sich in sozialen, ökonomischen und religiösen Utopien aus - oder in der bildenden Kunst, der Musik oder schlicht in der menschlichen Phantasie. Ernst Bloch 1967 bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in Frankfurt.

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(Foto: Andrej Krementschouk, Verkäuferin von Trauerkränzen, Woskrenskoje, 2006, Kat. 70)

Bloch wollte damit sagen, dass die Gedanken- und Gefühlswelt des Menschen weit über seine physische Existenz hinausgeht und sehr vielschichtig sein kann. Was das von ihm postulierte "mehr" des Heimatbegriffes ist, lässt sich folglich kaum präzisieren. Als Heimat definieren die meisten Menschen intuitiv den Ort ihrer Kindheit, aber genauso kann der frei gewählte Lebensmittelpunkt zur Heimat werden. Der russische Fotograf Andrej Krementschouk zeigt in Regensburg seine Serie "No Direction Home". Sie ist eine Reflexion über die eigene Herkunft, für die er zwischen 2002 und 2007 in seiner Geburtsstadt Nischni Nowgorod und in den Dörfern um Wladimir fotografierte, aus denen seine Mutter und sein Großvater stammen.

Heimat könne sogar jenseits eines geografischen Raumes durch Dinge, Situationen, Personen, durch eine Gemeinschaft, einen Kulturkreis, eine Religion oder eine Sprache beschrieben werden, sagt Agnes Matthias, die Kuratorin der Regensburger "Heimat?"-Ausstellung. Heimat könne zudem mehrere zeitliche Dimensionen haben, sich auf die Vergangenheit oder auf die Zukunft beziehen oder laut Bloch ein utopisches Moment beinhalten. Die Berliner Fotografin Jessica Backhaus zeigt in Regensburg ihre Serie "Jesus and the Cherries", die zwischen 2001 und 2004 im ländlichen Polen entstanden ist. Sie dokumentiert eine Welt im Umbruch, in denen gerade von den Gegenständen, die aus der alten sozialistischen Zeit zurückgeblieben sind, so etwas wie Geborgenheit und das Gefühl des Zuhauseseins ausgeht.

Gerade als Vision entfaltet der Begriff "Heimat" oft seine stärkste Kraft, was jeder sofort ermessen kann, der einmal auf dem Jahrestreffen eines Vertriebenenverbandes war. Es scheint so, als ob durch den Verlust der ursprünglichen Heimat ebendiese eine größere Bedeutung gewonnen hat. Frank Mädler zeigt in Regensburg seine Serie "Wiesen" mit Aufnahmen aus einem kleinen Ort in Nordböhmen. Dort erinnerte sich der Leipziger Künstler bei einem zufälligen Urlaubsaufenthalt an die Erzählungen seines Vaters, der aus einem anderen Ort des Sudetenlandes stammt. Die bewusste Unschärfe der Aufnahmen Mädlers bringen eine Distanz zum eigentlich Vertrauten zum Ausdruck. Die Vertreibung der väterlichen Familie nach 1945 schwingt so implizit in den Bildern mit.

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(Foto: Anastasia Khoroshilova, Baltiysk #15, Kat. 32)

Osteuropäische Fotografen müssten besonders sensibel dafür sein, den vielfältigen Heimatbegriff zu interpretieren, hat der Zweite Weltkrieg doch besonders viele Grenzverschiebungen in Osteuropa bewirkt - mit der Folge, dass dort Millionen von Menschen ihre Heimat verloren. Die Ahnung von vergangener und gegenwärtiger Heimat überlagert sich beispielsweise in der Serie "Baltiysk", Anastasia Khoroshilovas Beitrag zur "Heimat?"-Ausstellung. Baltijsk, das frühere Pillau und Vorhafenstadt Königsbergs, war nach der Vertreibung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg nahezu unbewohnt, und wurde schließlich von der Roten Armee in Beschlag genommen, die ihre Soldaten in der Stadt einquartierte. Die Matrosen fanden hier aber nur vorübergehend ein Zuhause - rasch wurden sie durch Nachrücker ersetzt. Menschen, die keine Soldaten oder deren Angehörige sind, leben hier noch heute kaum. Denn bislang war der Zivilbevölkerung der Zugang zur Stadt nicht uneingeschränkt möglich. Diese unnatürliche Situation beschreibt die russische Fotografin in Bildern, die einerseits den Charakter der Durchgangsstation Baltijsk zeigen, indem sie etwa junge Matrosen proträtiert, die schon bald wieder fort sind. Daneben ...

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(Foto: Anastasia Khoroshilova, Baltiysk # 1, Kat. 22)

... setzt Khoroshilova allerdings Kennzeichen des Ewigwährenden - die alten ostpreußischen Häuser, die neben den Plattenbauten für die Neuankömmlinge immer noch auf ihre früheren Bewohner verweisen oder Denkmäler, die die russische Geschichte heroisieren. In diesen Bildern ist Baltijsk, das 600 Kilometer von der nächsten russischen Grenze entfernt liegt, ein Zwischenraum: eine Heimat, die niemandem mehr langfristig gehört.

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(Foto: Tomáš Pospěch, "Země Česká domov můj", Nr. 2, 2010, Kat. 8)

Doch auch für Menschen, die sich ihrer Heimat viel sicherer sind als die Bewohner von Baltijsk, kann die geglaubte Verwurzelung mit einem Landstrich oberflächlicher sein, als sie es sich selbst eingestehen. Auf diese Widersprüchlichkeit weist der Tscheche Tomáš Pospěch in der Ostdeutschen Galerie mit seiner Serie "Böhmen ist mein Heimatland" ("Země Česká domov můj") hin. Der Fotograf reagiert mit der Auswahl von Bildern, die er seit 2001 aufgenommen hat, auf die Präsidentschaftswahl 2013 in seinem Land, die der frühere Ministerpräsident Miloš Zeman nach allgemeiner Wahrnehmung auch wegen seiner nationalistischen Tendenzen gewonnen hatte. Pospěch fragt in seinen Bildern, was landläufig unter dem beschworenen "Tschechentum" verstanden werden könnte und kommt einem Lebensgefühl auf die Spur, das immer noch von den Brüchen der Vergangenheit bestimmt wird: Die traditionelle böhmische Liwanze zeigt er, wie sie als liebloses Kantinengebäck serviert wird, und auf dem letzten Bild seiner Serie ...

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(Foto: Tomáš Pospěch, "Země Česká domov můj", Nr. 5, 2009, Kat. 20)

... verstellt der dichte Nebel über einem frisch gepflügten Acker den Blick in die Ferne, die hier wohl für die Zukunft der Nation steht. Stellt man Pospěchs Bilder nebeneinander, so stellt sich sein Heimatland als fragiles Gebilde dar, das seine Vergangenheit erst noch annehmen muss. "Heimat? Osteuropa in der zeitgenössischen Fotografie, 6. Juni bis 7. September 2014, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Dr.-Johann-Maier-Straße 5, 93049 Regensburg.

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