Ausstellung Geschichte des Kleiderbügels

Von Gerhard Matzig

Ein Paar im Treppenhaus. Es ist Nacht, die Bar geschlossen, aber hey, jetzt geht es doch erst los. In der Wohnung. Sie küsst ihn. Sie zieht ihm die Jacke und sich die Bluse aus. Dann entsteigt sie ihrem Röckchen wie die Botticelli-Venus ihrer Muschel. Herrlich. Achtlos sinkt das Textil zu Boden - und die Venus des Ikea-Spots drapiert sich in roter Lingerie auf dem Bett, während er . . . ja, was macht er da?

Er legt seine Jeans sorgfältig über den Bügel und hängt ihn in den Ikea-Schrank. Modell "Pax". Die Botschaft dieses Clips aus dem Jahr 2015 ist: Pax sells. Die Frau sieht, während ihr seltsamer Begleiter sich an der fabelhaften Ordnung im Schrank erfreut, ziemlich verwirrt aus, hm, der Wäsche.

Seither kann man sich die Frage stellen, wie realistisch es wohl ist, dass sich das Begehren eher auf einen halbvollen Schrank als auf eine halbnackte Frau richtet. Doch seit die bis zum 28. April zu sehende Ausstellung "Aufgehängt und abgehakt - Eine kleine Geschichte des Kleiderbügels" eröffnet wurde, gibt es eine neue These: Kann es sein, dass der junge Mann sich in den Kleiderbügel verliebt hat?

Wer im Nürnberger Museum für Industriekultur in das wundersame Sammlungsgebiet der Kleiderbügel eintaucht, wird dieser Annahme etwas abgewinnen können. Der faszinierend alltägliche und doch anregende Gegenstand, im Grunde eine Erfindung erst des frühen Militarismus, dann auch eine des viktorianischen Frauenbildes Mitte des 19. Jahrhunderts, ist durchaus in der Lage, die Blicke auf sich zu ziehen. Jedenfalls ist es unglaublich, was die Formfindung einer so konstruktiv simplen Struktur abgewinnen kann. Es gibt Bügel aller Machart. Entstanden ist die sehenswerte Schau mit Hilfe des Sammlers Matthias Dülp, der in rund 20 Jahren Tausende von Exemplaren verschiedener Epochen und Provenienzen zusammengetragen hat. Der Ikea-Auszieh-Hosen-Bügel ist übrigens nicht darunter. Aber das ist in Ordnung, denn den stereotypen, tendenziell sexistischen Geschlechterbildern des Spots (die Frau ist unordentlich, leidenschaftlich und will immer, der Mann ist häuslich, ängstlich und verklemmt), ist eh nichts hinzuzufügen.