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Ausstellung:Geschändet und geraubt

Auf der Suche nach erhaltenen Kunstschätzen: GIs bei der Tresoröffnung 1945 im zerstörten Fränkischen Luitpold-Museum in Würzburg.

(Foto: Museum für Franken in Würzburg)

"Sieben Kisten mit jüdischem Material" in München

Es gibt auch Geschichten, die einen schmunzeln lassen in dieser Schau, die eigentlich den materiellen Resten von Zerstörung und Ausrottung gewidmet ist. ",Sieben Kisten mit jüdischem Material' Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute" heißt die umfangreiche Ausstellung vermeintlich unwiederbringlicher Objekte im Jüdischen Museum München, die sich einem Zufallsfund des Jahres 2016 verdankt. Anlass ist der 80. Jahrestag des Pogroms am 9. November, bei dem die meisten dieser Objekte von einem aufgehetzten Mob mutwillig kaputt geschlagen wurden.

Hinauf die Treppe in den ersten Stock, vorbei an einem herzzerreißenden Endlosgedicht des in Franken geborenen israelischen Dichters Jehuda Amichai, bleibt der Blick also hängen an verbeulten Bechern oder angeschmolzenen Metallteilen, deren ursprüngliche Form man sich nur mehr anhand des silberglänzenden, intakten Pendants daneben vorstellen kann. Aber da baumelt eben auch dieser reizende silberne Jupiter in einer der sieben raumhohen Glasvitrinen, die der Wiener Architekt Martin Kohlbauer bauen ließ für die jüdischen Kultgegenstände, die sieben jüdischen Gemeinden in Mainfranken zugeordnet werden konnten. Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums und zusammen mit Kerstin Dembsky Kurator dieser auch historisch erhellenden Ausstellung, ist ein exzellenter Kunsthistoriker mit nimmermüdem Forschungseifer, was die Entstehung und Herkunft auch schwer beschädigter und geraubter jüdischer Kultgegenstände speziell in Franken anlangt.

Purin erzählt die Geschichte dieses überraschenden Objekts: Der mit menschlichen Zügen ausgestattete Jupiter zierte einst einen Kronleuchter der Synagoge in Heidingsfeld. Um dem Bilderverbot genüge zu tun, verbarg man damals sein Gesicht hinter einem Wollpompon. Doch solch eine Geschichte ist nur Randnotiz dieser Ausstellung, die eine Idee vom einstigen Schatz der jüdischen Gemeinden in Unterfranken gibt. All die Exponate in den Vitrinen und einem Depotregal, das den Besucher eingangs bewusst irritierend die Sicht verstellt, fanden sich verstreut im Depot des Museums für Franken, verstaut in hölzernen Munitionskisten neben anderen Kunstrelikten, die nach der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 dort eingelagert worden und dem gestrengen Auge der amerikanischen Besatzer entgangen waren. Jüdische Kultgegenstände landeten nach der Schoah, nach der aus amerikanischer Sicht kein jüdisches Leben in Deutschland mehr denkbar war, in amerikanischen und israelischen Museen.

Auf Betreiben von Astrid Pellengahr, als Leiterin des Landesstelle nichtstaatlicher Museen zuständig für Provenienzforschung, wurden die Kisten vor zwei Jahren geöffnet. Da war Bernhard Purin zur Stelle. Er hatte sich für die Identifizierung und Entschlüsselung der Inschriften der 150 Objekte, deren repräsentativer Teil sich restauriert, aber nicht aufgehübscht in der Ausstellung wiederfindet, auf eine unbezahlbare Quelle gestützt - auf die vor 20 Jahren als Buch erschienene Dokumentation des Kunsthistorikers Theodor Harburger. Der hatte in den 1920er Jahren, beauftragt vom Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, fränkische Synagogeninventare in 800 Fotografien und detaillierten Beschreibungen erfasst. Die Kultgegenstände stammten zum Großteil aus reich bestückten Synagogenbauten, die von jüdischen Emigranten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück gelassen worden waren, museale Preziosen, die dann in der Pogromnacht geschändet wurden, während sich Hitlers Mordkommandos den ein oder anderen Kultgegenstand aus geplünderten Privathaushalten als Souvenir mit nach Hause nahmen.

Als Ausstellungsbesucher kann man in Gestalt des gewichtigen Katalogs (320 S., 29,80 Euro) das Gesehene abrufen. Was aber passiert mit den Exponaten nach der Ausstellung? Der Würzburger Stadtrat hat beschlossen, die Kultgegenstände an die rechtmäßigen Erben beziehungsweise an die jeweiligen Gemeinden, so sie noch existieren, oder an treuhänderische Verwalter in deren Sinne zu restituieren. Was zwischen 1941 und 1944 mit den 2068 unterfränkischen Jüdinnen und Juden geschah, davon zeugt die vier mal drei Meter große Reproduktion eines Fotos des von Koffern gesäumten Würzburger Bahnhofs. 62 haben überlebt.

Sieben Kisten mit jüdischem Material - Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute; Jüdisches Museum, St. Jakobsplatz 16, bis 1. Mai 2019, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr