Ausstellung Gehen in Reinform

Sich einfach durch die Stadt treiben lassen, das ist ein Phänomen der Moderne. Maler und Fotografen versuchen seit Ende des 19. Jahrhunderts, diese ganz spezielle Form des Alleinseins zu erfassen.

Von Alexander Menden

Der Schatten des Spaziergängers: Lee Friedländers Fotografie "New York City" aus dem Jahr 1966 wirkt keineswegs nur friedlich.

(Foto: Lee Friedlander/courtesy Galerie Thomas Zander, Köln, Fraenkel Gallery, San Francisco)

Ist es möglich, sich in einer Großstadt gemächlich fortzubewegen? Franz Hessel hatte da seine Zweifel: "Ich bekomme immer misstrauische Blicke, wenn ich versuche, zwischen den Geschäften zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb."

Das schrieb der Autor von "Spazieren in Berlin", ein Archetyp des urbanen Straßenschlenderers, bereits vor 89 Jahren. Der (vermeintlich) stets zielgerichtete, gehetzte Stadtverkehr bildete schon damals einen Kontrast zum gelassenen Müßiggang, den der Flaneur als Selbstzweck begreift. Aber es war und ist ein unverzichtbarer Kontrast. Die Welt des Flaneurs bildet eine urbane Realität, die sich im Kopf des Schweifenden, Beobachtenden selbst erzählt. Daher hielt das Misstrauen der Mitmenschen Franz Hessel auch nicht vom Flanieren ab, das für ihn "eine Art Lektüre der Straße" war. "Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume" würden dabei zu "gleichberechtigten Buchstaben, die zusammen Worte, Sätze, Seiten eines immer neuen Buches ergeben".

Der Schaufensterbummel ist immer noch Bestandteil der urbanen Erfahrung

Wie breit man das Vokabular dieses Buches fassen kann, zeigt derzeit die Ausstellung "Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart" im Kunstmuseum Bonn. Die Schau wartet mit wenigen spektakulären Leihgaben auf, macht das aber konzeptionell durch eine erhellende und nicht selten überraschende Ergebnisse zeitigende Untersuchung des Flaneur-Phänomens wett.

Da ist zum Beispiel der Schaufensterbummel, der auch heute, in Zeiten des Internetshoppings, noch immer fester Bestandteil der spezifisch urbanen Erfahrung ist. In August Mackes Gemälde "Modes - Frau mit Sonnenschirm vor Hutladen" (1914) ist das Verhältnis der Kundin zu den Hüten in der Auslage noch geradezu kontemplativ. Dass hier eine Dame pars pro toto für den Flaneur steht - eine Flaneuse, sozusagen -, ist übrigens eine der erfreulichen Blickwinkelerweiterungen der Bonner Schau.

In seiner frühesten Inkarnation als Dandy, als wirtschaftlich sorgenfrei lebender Upper-Class-Gentleman des 19. Jahrhunderts, konnte der Flaneur noch mit interesselosem Wohlgefallen die Luxusgüter der Metropole (vor allem Paris) als selbstverständlichen Teil seiner Existenz betrachten. Später, der Flaneur ist mittlerweile als Künstler oder Essayist auf regelmäßige, selbst verdiente Einkünfte angewiesen, wird er zu einem "Preisgegebenen der Menge" und erlebt dadurch in den Worten Walter Benjamins den Rausch "der vom Strom der Kunden umbrausten Ware". Entsprechend sind auf Friedrich Seidenstückers Foto "Schaufensterdekoration mit Gamasche" - 16 Jahre nach Mackes Bild entstanden - in der Auslage nur noch Beine übrig, auf denen der Hut sitzt. Konzentration auf das Nötigste sozusagen - und zugleich eine Reduktion auf das, was man verkaufen will.

Die Bonner Schau argumentiert, der Flaneur sei heute wahlweise Anachronismus oder Sehnsuchtsgestalt - anachronistisch, weil man ihn mit den Boulevards eines Proust oder Baudelaire verbindet, Sehnsuchtsgestalt, weil er ein Gegenentwurf zu "einer immer mehr von Geschwindigkeit, Simultaneität und Überforderung gekennzeichneten heutigen städtischen Lebenswirklichkeit" sei. Folgt man aber Hessel, dann existierten die Voraussetzungen fürs Flanieren eigentlich schon in den Zwanzigerjahren nicht mehr. Tatsächlich, und das lässt sich auch anhand der künstlerischen Verarbeitung des Phänomens belegen, musste der Flaneur sich stets mit der Eile der Stadt arrangieren, die zugleich das einzige Umfeld ist, in dem er existieren kann - verlässt er sie, wird er zum Spaziergänger oder zum Wanderer.

Max Ernst zeichnet 1912 eine nächtliche Straßenansicht von Paris, in der umherhuschende Gestalten im gleißenden Licht der Straßenlaternen nur angedeutete Schemen bleiben, so rasch hasten sie weiter. Der Blickpunkt des Betrachters ist der des ruhenden Pols im Gehetze der Nacht - der distanzierte, aber nie verächtliche Blick des Flaneurs. In Richard Estes' New Yorker Momentaufnahme "Downtown" von 1978 erstarrt hingegen die Straße selbst, die Trottoirs sind wie ausgestorben - hier kommt die potenzielle Bewegung vom Betrachter, der nach dem Betätigen des Auslösers jederzeit weiterschlendern kann.

Mit der Fototechnik hält nebenbei eine Momenthaftigkeit Einzug in die Kunst, die dem Flaneur weitaus mehr entspricht als der Prozess der Malerei. So entstehen die Beobachtungen der wegweisenden Fotografen André Kertesz und Robert Doisneau aus dem Paris der Zwanziger- und Vierzigerjahre, ein schäkerndes Pärchen, Menschen im Café, scheinbar im Vorübergehen, auf Augenhöhe.

Das Smartphone verändert die Gewohnheiten des Gehen

Wo aber hat der Flaneur heute seinen Ort? Wo eröffnet sich ihm die Möglichkeit zu jenem "angenehmen Farniente", jenem "belehrenden Suchen eines Peripatetikers", das Ernst Dronke, Schriftsteller und Weggefährte von Karl Marx, den Berliner Dandys schon Mitte des 19. Jahrhunderts zuschrieb? Natürlich muss die Antwort lauten: Noch immer in der Stadt. Die Frage ist, ob man tatsächlich flaniert, wenn man dabei Whatsapps checkt oder Google Maps konsultiert. Natürlich kann man versuchen, sich diese mechanischen Verlängerungen des kognitiven Apparats künstlerisch dienstbar zu machen. Das neueste Kunstwerk im Kunstmuseum Bonn, Johanna Steindorfs "A Walk down Memory Lane" etwa baut mittels Google Maps fiktive Hybrid-Städte aus Orten zusammen, die sie tatsächlich oder virtuell besucht hat.

Das Ziellose des Flanierens scheint aber letztlich inkompatibel mit einer Menschheit zu sein, die sich selbst im öffentlichen Raum lieber im Virtuellen als im Realen bewegt. Die Selbstreflexivität des Flaneurs ist ja nicht visuell, er ist kein Selfie-Knipser. Er begegnet sich allenfalls im flüchtig erhaschten Blick auf den eigenen Schatten, wie beim Belgier Koen van den Broek, der sich in seinem Gemälde "Shoulder" (2016) als schwarze Aussparung auf der Straße wahrnimmt, als Negativ seiner selbst, während die lichtdurchflutete Straße in Gelb und Rosa aufleuchtet. Vor zwei Jahren versuchten die Autoren Annika Kohles und Hannes Becker, in einem interessanten literarischen Experiment das Handy als Flanier-Accessoire zu nutzen: Sie teilten einander live per Whatsapp ihre Eindrücke und Erlebnisse mit. Dabei kamen Mitteilungen wie diese heraus: "Ich laufe bei dem Smoothie-Laden da vorne los. Und wenn alles gut geht, kaufe ich mir da auch einen. Ich stelle mir halt schon vor, dass der Smoothie so ein Erlebnis wird, von dem ich schon schreiben muss."

Solche an den Rand des Solipsistischen geratende Ödnis ist natürlich durchaus ein Teil der Stadterfahrung. Der Unterschied zum wahren Flanieren besteht darin, dass sie sich hier nicht als Teil des Stream of Consciousness allein im Geist des Flaneurs abspielt, der sie mit eigenen, vielschichtigen Assoziationen anreichert, sondern eins zu eins mitgeteilt und damit in ihrer offenkundigen Banalität hoffnungslos überfrachtet wird.

Trotz Smoothie - von einer Existenz als "Feinschmecker des Auges", von der Honoré de Balzac einst sprach, bleibt da nicht viel übrig. Jenes Gourmeterlebnis ist unabdingbar verknüpft mit dem Unvermittelten und Ungesagten, mit der symbolischen, transformativen Wahrnehmung des Ästheten. Der Flaneur kann, obwohl nur in der Masse existenzfähig, nie Teil der Masse sein. Er muss Gegenentwurf bleiben, mit ausgeschaltetem Smartphone und eingeschaltetem Geist. Flanieren, das ist heute wie im Paris des 19. Jahrhunderts, das nicht dokumentierte, private, sich selbst genügende Erlebnis des Gehens und Sehens in Reinform.

Schauen, schauen

Mit dem Phänomen des Großstadtspaziergängers befasst sich die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Bonn unter dem Titel "Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart". Die Schau, die bis 13. Januar zu sehen ist, umfasst einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren und dementsprechend vielfältig sind die gezeigten Medien: von Malerei bis hin zu Performance und Audiowalk. Werke von Vincent van Gogh und August Macke sind dabei wie auch von Thomas Struth. Leihgaben kommen aus Häusern wie dem Musée d'Orsay in Paris oder dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid. Begleitend zur Schau findet am Sonntag, 25. November, um 11 Uhr eine Intendantenführung mit Professor Stephan Berg statt. Am Mittwoch, 5. Dezember, um 18 Uhr steht ein Art Abend auf dem Programm. Der Eintritt kostet sieben Euro. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr. Am 24., 25. und 31. Dezember ist geschlossen. Weitere Infos unter www.kunstmuseum-bonn.de.