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Ausstellung:Geheim war gestern

Stadtmuseum, Eres Stiftung und Filmmuseum widmen sich mit "No secrets!" der Überwachungswut

Was haben wir uns aufgeregt! Damals, Mitte der Achtzigerjahre. Bei der Volkszählung sollten wir in etwa so viele Daten verraten, wie wir heute schon von uns preisgeben, wenn wir uns für einen Newsletter anmelden. Die armen, als "Staatsschnüffler" denunzierten Datensammler, die an den Türen klingelten, erschienen uns wie fleischgewordene Widergänger von Georg Orwells' "Big Brother". Doch allen Protesten zum Trotz, wurden die statistischen Daten erhoben. Und siehe da: Gläsern waren wir danach noch lange nicht. Im Gegensatz zu heute, wo wir via Smartphone, Google und GPS, Twitter, Facebook und Instagram, Fitness-Trackern, Apps und Sensoren selbst dafür sorgen, dass unsere Daten an Sicherheitsbehörden, Versicherungs- und IT-Konzerne, Handels- und Pharmaunternehmen gehen, wo sie munter ausgewertet und gewinnbringend ausgeschlachtet werden. Geheim war gestern.

An den Widerwillen und den Widerstand gegen das staatliche Sammelvorhaben, das man damals tatsächlich als "Sammelwut" empfand, erinnert man sich heute fast schon nostalgisch. Aber auch Relikte wie ein Anti-Volkszählungs-Plakat hat der Kurator des Fotomuseums im Stadtmuseum, Rudolf Scheutle, anlässlich der Ausstellung "No Secrets! - Bilder der Überwachung" in der hauseigenen Sammlung entdeckt. "Ich will deine Daten", droht da die Staatsmacht unter einem Augenpaar, das uns mit einem Röntgenblick zu durchleuchten scheint.

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Der Fuchs-Avatar des Künstlers Ed Fornieles. In der Videoinstallation "Der Geist: Flesh Feast" lässt er ihn einen Selbstoptimierungswahn durchleiden.

(Foto: Courtesy by the artist, Arratia Beer, Berlin)

Für das Gemeinschaftsprojekt "No Secrets! - Keine Geheimnisse" haben das Fotomuseum im Stadtmuseum und die Eres Stiftung erstmals kooperiert und zudem das Filmmuseum mit einer umfänglichen Reihe ins Boot geholt. Während die Stiftung mit Hilfe internationaler Künstler eine aktuelle Bestandsaufnahme zum Thema "Reiz und Gefahr digitaler Selbstüberwachung" wagt, wirft das Stadtmuseum an Hand von eigenen Sammlungsstücken einen Blick zurück und hat zudem lokale und regionale Künstler eingeladen, um zum Thema "Digitale Überwachung" elegant einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen.

Aber bleiben wir zunächst in der Vergangenheit und bei den Anfängen der Überwachung, die hier sehr viel früher beginnt, als man annehmen würde. Scheutle hat an den Anfang ein paar kleinformatige Gemälde gesetzt, die "Licht ins Dunkel" bringen, als Nachtwächter und Straßenbeleuchtung dafür sorgten, dass es sich im Dunkeln eben nicht mehr gut munkeln ließ. Ein großes Kapitel widmet sich mit dokumentarischem und künstlerischem Material der "Entdeckung des Kriminellen" und überrascht damit, wie wenig sich die Prinzipien der Gesichtsvermessung und Fingerabdruckerkennung von ihren Anfängen bis in unsere biometrischen Zeiten im Grunde verändert haben.

10 Millionen Dollar

hat Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, für sein Grundstück in Palo Alto bezahlt, auf dem das "Zuckerberg-House" steht. Für mehr als 40 Millionen Dollar kaufte er die umliegenden vier Grundstücke, verlangte vor der Renovierung Verschwiegenheitserklärungen von Bauarbeitern und Innenarchitekten. Das alles, um seine Privatsphäre zu schützen. Dabei hatte Zuckerberg zuvor, im Jahr 2010, das Zeitalter der Privatsphäre für beendet erklärt.

Gezeigt werden auch ein paar herrlich skurrile Spionageobjekte, die Q aus der fiktiven Forschungs- und Entwicklungsabteilung des britischen Geheimdienstes MI6 in der 007-Serie nicht besser hätte erfinden können. Eine Vielzahl ausgestellter Arbeiten widmet sich "Inszenierter Überwachung" (beispielsweise das Residenztheaterheft im Stil von verpixelten Überwachungskamerabildern) und "Orten der Überwachung", für die etliche Künstler echte Sperrzonen künstlerisch interpretierten.

Neben einer mäßig erhellenden Fotoserie über die Überwachungspraktiken der Stasi in den Räumen des Fotomuseums, überzeugt die kleine Kabinettschau in der Forum-Reihe deutlich mehr. 2016 hat die Münchner SZ-Fotografin Alessandra Schellnegger "Hinter den Mauern des BND in Pullach" fotografiert. Und neben abgeschrammelten Baracken und verblasstem Glanz früherer Repräsentationsbauten auch ein paar reizende Details in den Kellern des Pullacher Domizils fotografiert, die zeigen, dass die Spitzenspione des BND ungefähr so aufregende James-Bond-Kopien sind, wie die Schützenkönige in deutschen Provinzen.

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Widerstand aus der Mottenkiste: ein Plakat aus den Achtzigerjahren gegen die Volkszählung.

Dass wir selbst unser größter Überwacher sind, macht die Eres Stiftung in ihrer Ausstellung deutlich. Die englische Künstlerin Susan Morris setzt sich ironisch mit unserer persönlichen Sammelwut in Zusammenhang mit dem grassierenden Selbstoptimierungswahn auseinander. Mehr als zwei Jahre trug sie eine "Actiwatch" und übersetzte die gesammelten Daten in abstrakte Codes auf Tapisserien und Zeichnungen. Der in Montreal lebende, mexikanische Medienkünstler Rafael Lozano-Hemmer und der niederländische Künstler und Programmierer Matthias Oostrik begeben sich auf die digitalen Spuren von Betrachtern. Beide animieren die zunächst passiven Passanten zum aktiven Handeln. Aus den entstehenden digitalen Selfies der Freiwilligen schaffen sie neue Kunstwerke mit (bei Oostrik) auch interaktivem Charakter.

Aus dem Reigen der spannenden Arbeiten in der Eres Stiftung, in der das Kollektiv TTC sich auch wissenschaftlich mit der Macht von Google beschäftigt, sticht auch die Installation "Autoscatto" von Hasan Elahi hervor. Der in Bangladesh geborene, in New York aufgewachsene Künstler reiste 2002 in die Niederlande und wurde bei seiner Rückkehr in die USA vom FBI festgehalten, weil sein Name nach 9/11 auf die Liste der Terrorverdächtigen geraten war. Monatelang wurde er vom FBI befragt und musste detailliert Rechenschaft ablegen über sein Leben und seine Aktivitäten. Um "vorzusorgen" zeichnete Elahi fortan minutiös alle seine Aktivitäten auf und überschwemmt seither das FBI sowie mit Hilfe von Twitter und Instagram auch die Öffentlichkeit mit Daten, Fakten und Bildern. Die Selbstüberwachung als subversive Strategie, um sich der Fremdkontrolle zu entziehen. Ob das funktioniert, weiß auch der Künstler nicht. Aber CIA, NSA und das Weiße Haus greifen regelmäßig auf seine Website zu.

Einen weiteren Versuch eines Künstlers, sich der Überwachung und Fremdkontrolle zu entziehen und sich in der digitalen Welt frei zu bewegen, stellt auch die Arbeit von Ed Fornieles dar. Der 1983 geborene Brite ist ein Vertreter der Post-Internet-Generation. Statt eines Selfies benutzt Fornieles in den sozialen Netzwerken einen Fuchs-Avatar. Sein digitales Alter Ego setzt massenhaft Posts ab und twittert, was das Zeug hält. Es ist aber auch Hauptdarsteller in seinen Arbeiten. So lässt er das Füchslein in der Video- und Wand-Installation "Der Geist: Flesh Feast" einen vom Selbstoptimierungswahn bestimmten Alltag erleben, schickt ihn bis zur völligen Erschöpfung ins Fitnessstudio, verordnet ihm bis an die Grenze gesundheitlicher Risiken Diätkuren oder lässt ihn über gesunde Ernährung philosophieren. Als Betrachter dieser Tour de Force des Schönheits-, Gesundheits- und Schlankheitswahns hat man es da sehr viel besser: Man kann in der Ausstellung bequem von Liegestühlen aus zusehen. So machen Sport und Diäten Spaß. Aber psst, das bleibt geheim!

No Secrets! Reiz und Gefahr digitaler Selbstüberwachung, Eres Stiftung, Römerstr. 15, bis 16. Juli, Di/Mi/Sa 11-17 Uhr; No Secrets! Bilder der Überwachung und Alessandra Schellnegger: Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach, Stadtmuseum München, St.-Jakobs-Platz 1, bis 16. Juli, Di-So 10-18 Uhr; Filmreihe im Filmmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Fr., 24. März bis 12. April

© SZ vom 25.03.2017
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