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Ausstellung:Gast ist König

Im Schloss Schönhausen ist zu sehen, wie in Ost- und Westdeutschland Staatschefs empfangen wurden.

Wenn Konrad Adenauer von den "Herren in Pankoff" sprach und den SED-Oberen damit ihre Legitimität bestritt, dann war dabei an das "Regierungsstädtchen" im Nordosten Berlins gedacht, jene Siedlung am und um den Majakowskiring. Dort wohnten Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Otto Grotewohl und andere Funktionäre, in unmittelbarer Nachbarschaft lag Schloss Schönhausen. Berühmt war es als Sommersitz von Königin Elisabeth Christine, Gemahlin des großen Friedrich, aber es schien historisch nicht kontaminiert. Es reichte, das Monogramm der Königin und die goldene Krone vom Dachgiebel zu entfernen, das Areal mit einer hohen Mauer zu schützen, Nebengebäude zu errichten, das Innere repräsentativ zu gestalten, den Namen in "Schloss Niederschönhausen" zu ändern - und schon hatte der erste Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, seinen Amtssitz.

Erich Honecker ließ sich mit seinen Besuchern auf einem grünen Sofa fotografieren

Als er 1960 starb, war die Waldsiedlung in Wandlitz fertiggestellt, die leichter zu sichern war. Das Amt des Präsidenten wurde abgeschafft zugunsten eines kollektiven Staatsoberhauptes, des Staatsrates, der einige Jahre noch im Schloss tagte, bis das Staatsratsgebäude in der Mitte vollendet war. Was tun mit dem Schloss? Es wurde zum Gästehaus der Regierung, beherbergte von János Kádár über Fidel Castro bis hin zu Michail Gorbatschow die Chefs befreundeter Staaten, aber auch Indira Gandhi und Richard von Weizsäcker, damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin, wurden begrüßt. Man sah Schloss und Park häufig im Fernsehen der DDR, aber hinein kam man nicht. Seit die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Schloss und Park restauriert hat, kann man hier das Nebeneinander verschiedener Zeiten erleben: Rokokofestlichkeit im Gartensaal Elisabeth Christines, Solidität und Ernst im Arbeitszimmer Wilhelm Piecks, sozialistisches Repräsentationsdesign in den Gästeappartements.

Schlösser bieten den nötigen Platz für Repräsentation - und Glanz fürs Protokoll. Noch 1989 war das Schloss Brühl nobel herausgeputzt.

(Foto: Ansgar M. van Treeck)

Wie die DDR und wie die Bundesrepublik Staatsgäste empfingen, zeigt nun eine zeitgeschichtliche Ausstellung. Im Zentrum stehen Schloss Schönhausen und Schloss Augustusburg, wo die Bundespräsidenten von 1949 bis 1996 Empfänge für Staatsgäste gaben. Warum nutzen sowohl die "Diktatur des Proletariats" als auch die Demokratie so gern Schlösser zur Repräsentation? Zunächst wohl aus praktischen Gründen, man braucht schließlich einigen Platz. Außerdem konnte man vom Glanz profitieren und im internationalen Vergleich bestehen. Und schließlich hat das diplomatische Protokoll einiges mit dem Hofzeremoniell gemein. Es kann die Urszene der modernen Diplomatie, den Wiener Kongress, nicht ganz verleugnen.

Vor allem Fotos und Filmaufnahmen - Jubel an der Protokollstrecke, das Ausrollen des roten Teppichs, peinigende Lockerungsübungen im Gespräch mit dem "Volk" - erinnern an berühmte Besucher: Königin Elisabeth II., die zum ersten Mal im Mai 1965 in Brühl war, Josip Broz Tito, Leonid Breschnew. Das sehr grüne neobarocke Sofa ist zu sehen, auf dem Erich Honecker sich mit Gästen fotografieren ließ, auch eine fürs Galadiner gedeckte Tafel. In einem Raum sind die Geschenke aufgebaut: Manche Gäste übergaben gerahmte Porträtfotos, andere Schmuck oder Kunsthandwerkliches, Indira Gandhi hat beiden deutschen Saaten eine Miniatur des Taj Mahal zukommen lassen.

Schah von Persien in Deutschland

Bundespräsident Lübke im Mai 1967 mit dem persischen Kaiserpaar im Schloß Brühl bei Bonn.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Viele kuriose Geschichten werden berichtet. Für Fidel Castro hat man eigens Fitnessgeräte organisiert; die Kosmetik-Produkte von Nivea sollen Mitarbeiter der Staatssicherheit in den Bädern der Gästeappartements verteilt und danach auch wieder eingesammelt haben. Erst Ende der Achtziger war die DDR selbstbewusst genug, eigene Produkte zum Waschen und Cremen - Koivo - auszulegen. Die Ausstellung verführt den Besucher, große Ereignisse aus der Kammerdiener- oder besser: aus der Kellnerperspektive zu betrachten. Aber es gibt keinen Grund, diese gering zu schätzen, solange dabei nicht vergessen wird, dass noch die Auswahl des Porzellans oder eben der Creme Teil jenes erbitterten Kampfes um Anerkennung war, den beide deutsche Staaten führten.

Laut Hallstein-Doktrin galt die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR als "unfreundlicher Akt" gegenüber der Bundesrepublik. Auch deswegen kamen in den ersten zwanzig Jahren nur wenige nach Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR. Erst mit der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt änderte sich das, in den Achtzigern wurden auch innerdeutsche Besuche sehr häufig, eine kaum geglaubte Normalität. Im Rückblick gilt die Regel: Je mehr Anerkennung die DDR fand, je mehr Besucher kamen, je häufiger ihre Oberen in anderen Hauptstädten empfangen wurden, desto näher rückte ihr Ende.

Berlin, Schloss Schönhausen, Bad, R.:24, mit Blick ins Damenschlafzimmer, R.:25.

Berlin, Schloss Schönhausen, Gästequartier, Blick vom Bad in das Weiße Schlafzimmer.

(Foto: Hans Bach)

Vergoldete Möbel, farbige Kacheln - und erschlagende Langeweile

In der Inneneinrichtung repräsentativer Räume scheinen sich, das legt die Ausstellung nahe, beide Staaten sehr ähnlich gewesen zu sein. Die Einrichtung der Arbeitszimmer von Adenauer und Pieck etwa spricht dafür, dass sich beide - der christdemokratische Jurist und der kommunistische Tischler - wenigstens über die Vorliebe für handwerklich Gediegenes und die guten Traditionen der deutschen Kultur hätten verständigen können. Eine zeitgemäße Formensprache erproben dann der Kanzlerbungalow von Sep Ruf und das Staatsratsgebäude, das ein Portal des gesprengten Hohenzollernschlosses integrierte. Daneben wurde immer wieder gern zu neobarocken Stühlen und Tischen gegriffen. Im Kanzlerbungalow ließ Helmut Kohl nach 1982 Möbel aufstellen, die weder klare moderne Linie noch historisierendes Bemühen zeigen: etwa ein braunes Sofa, eine Polsterlandschaft, die überraschenderweise den Sitzmöbeln ähnelt, die auf einem Entwurf für das zweite Obergeschoss des Schlosses Schönhausen zu sehen sind. Der Fund belegt, dass - Kalter Krieg hin, Unvereinbarkeit der Systeme her - beide gleichermaßen Zeitströmungen, Moden und Zwängen unterlagen. Im Katalog wird eigens hervorgehoben, wie ähnlich die gestalterischen Lösungen, wie ähnlich der "Staatsstil" einander waren. Doch sollte man hier vorsichtig sein, die Unterschiede nicht übersehen. In Bonn gab es keinen Bruderkuss und in Ost-Berlin keine legalen Demonstrationen gegen Besucher. Man hatte sich in Schönhausen 1978 schon auf den Empfang von Schah Reza Pahlevi vorbereitet. Szenen wie 1967 in West-Berlin hätte es da gewiss nicht gegeben. Allerdings sprechen die Gästeappartements in Schönhausen dann doch für die These von der wenigstens teilweisen stilistischen Konvergenz beider Systeme: Sie gleichen Schlosshotelzimmern, strahlen trotz Gold an den Möbeln und farbigen Kacheln erschlagende Langeweile aus.

Schönhausen, der bedeutende, reizvolle Nebenschauplatz deutscher Geschichte, wurde in den letzten Monaten der DDR wieder wichtig: In den Nebengebäuden, die einst für Wilhelm Pieck errichtet worden waren, tagte der "Runde Tisch", fanden Gespräche zu den "Zwei-Plus-Vier-Gesprächen" statt. 1991 brachte die neue Bundesrepublik im Schloss noch einmal einen Staatsgast unter, Königin Beatrix.

Schlösser für den Staatsgast . Schönhausen und Augustusburg. Staatsbesuche im geteilten Deutschland. Bis 3. Juli im Schloss Schönhausen, Berlin; vom 30. Juli bis 1. November im Schloss Augustusburg, Brühl, zu sehen sein. Der Katalog, erschienen im Sandstein Verlag, kostet in der Ausstellung 19 und im Buchhandel 34 Euro.