Ausstellung:Eine große neue Welt

Eine globale Betrachtung der Kunst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bietet das Haus der Kunst in München mit seiner neuen Schau unter dem Titel: "Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945 bis 1965".

Von Jürgen Moises

Das Ende des Zweiten Weltkrieges markierte den Anfang einer neuen Weltordnung mit Amerika als neuer Supermacht, die militärisch, politisch und zunehmend auch kulturell die Nachkriegszeit bestimmte. Das vom Krieg gezeichnete und mit dem Wiederaufbau beschäftige Westeuropa verlor seine frühere kulturelle Dominanz. Außerdem fand es sich schon bald im Klammergriff des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion wieder, der auch die Kunst nicht unberührt ließ.

Wie sich die Kunst nach 1945 entwickelt hat, zwischen Kommunismus und Kapitalismus, Sozialistischem Realismus und moderner Abstraktion, diese Geschichte wurde schon oft und auf verschiedene Weisen erzählt. Aber dies geschah fast immer aus einem westlich-europäischen Blickwinkel heraus. Die globalen kulturellen Konsequenzen des Zweiten Weltkriegs und der politischen Neuordnung danach waren dagegen nur selten Thema. Die Ausstellung "Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965" im Haus der Kunst will genau dies ändern, indem sie erstmals in der jüngeren Ausstellungsgeschichte die Kunst der Nachkriegszeit als ein globales Phänomen ins Bild rückt.

Arbeiten von Künstlern aus 65 Ländern der Erde wurden zusammengetragen

Arbeiten von insgesamt 218 Künstlerinnen und Künstlern aus 65 Ländern wurden dafür zusammengetragen. Um zu zeigen, "dass die Geschichte viel umfassender ist, als sie in den meisten Fällen dargestellt wird", wie es der Hauptkurator am Haus der Kunst Ulrich Wilmes formuliert. Er hat "Postwar" zusammen mit dem Direktor des Hauses, Okwui Enwezor, und der Kunsthistorikerin Katy Siegel kuratiert. Dass es aber auch nicht damit getan sein kann, "den kanonischen Listen lediglich ein paar Namen und Werke hinzuzufügen", darauf weist wiederum Katy Siegel im umfangreichen Ausstellungskatalog hin. Stattdessen sieht sie in einer globalen Blickweise die Chance, die "Kategorien der Kunst selbst zu überdenken" sowie die Kriterien für deren Verständnis und Bewertung.

Um dies zu ermöglichen, wurden die etwa 350 Werke nicht in geografische oder chronologische Raster gezwängt. Sondern in acht thematische Abteilungen gegliedert, die meist parallel ablaufende künstlerische und gesellschaftliche Entwicklungen nach 1945 beleuchten.

So finden sich etwa im großen Mittelsaal unter dem Diktum "Form ist bedeutsam" neben modernen Klassikern von Jackson Pollock, Barnett Newman oder Ernst Wilhelm Nay abstrakte Gemälde von Fahrelnissa Zeid, Kazuo Shiriga, Siah Armajani oder Ramsès Younane. Um durch den direkten Vergleich aufzuzeigen, dass es nicht nur eine westliche Moderne, sondern verschiedene "Modernen" gab, mit unterschiedlichen Varianten abstrakter Kunst.

Ausstellung: Farbenprächtiges Bild eines Schwans: Frank Bowlings "Swan II" aus dem Jahr 1964.

Farbenprächtiges Bild eines Schwans: Frank Bowlings "Swan II" aus dem Jahr 1964.

(Foto: Courtesy of the Artist and Hales Gallery/ VG Bild-Kunst, Bonn, 2016 )

Diese bezogen durchaus aus Amerika und Europa ihre Einflüsse, in vielen Fällen aber auch aus eigenen asiatischen, afrikanischen oder arabischen Traditionen. Ähnlich verhält es sich beim Sozialistischen Realismus, der keineswegs als Einheitskunst existierte. Stattdessen gab es auch hier verschiedene Varianten, wie man in einer anderen Abteilung sieht. Ein Beispiel ist das Gemälde "Marching Across the Snow-covered Mount Minshan" von Youfa Jia, in dessen Darstellung von Mao Elemente der traditionellen chinesischen Tuschemalerei einfließen. Genauso stellt der in der Tschechoslowakei geborene Willi Sitte mit seiner "Arbeitspause" zwar ein offizielles Thema dar, doch in recht eigenwilligen Stil.

In ihrer ideologisch und politisch motivierten Reinform wurden Abstraktion und (Sozialistischer) Realismus jedenfalls nur selten praktiziert. Zahlreiche Künstler lehnten diesen Gegensatz auch komplett ab und suchten stattdessen nach "Neuen Menschbildern", wie sie die gleichnamige Abteilung präsentiert. Oder nach einem neuen dritten Weg, nach einer "fehlenden Mitte", wie sie nicht nur die Theoretiker Theodor W. Adorno und Hans Sedlmayr in der Nachkriegszeit beklagten. Künstlerische Beispiele dafür sind die neokonkreten Arbeiten von Lygia Clarke und Hélio Oiticica aus Lateinamerika, die unter der Überschrift "Konkrete Visionen" zu sehen sind. Diese griffen die geometrische Abstraktion der Vorkriegszeit auf, vermischten diese aber mit vitalistischen Tendenzen, weil sie den Rationalismus und seine fehlende Körperlichkeit ablehnten.

In düsteren Bildserien verarbeiteten Japaner den Schock der Atombombe

Auch Künstler im Irak, in Kuba, China, Indien und Pakistan, Israel, Indonesien oder Thailand suchten nach neuen Ausdrucksformen, genauso wie in den damals neu geschaffenen afrikanischen Staaten wie Nigeria oder dem Senegal. Nach dem Ende der Kolonialzeit und im Zuge von Panafrikanismus und der sogenannten Blockfreienbewegung galt es hier, eine neue, kulturelle Identität zu konstruieren. Dass dabei oft nur die offizielle Wahl zwischen Tradition und Moderne blieb, wurde von Künstlern wie dem Senegalesen Iba N'Diaye durchaus als Druck empfunden. Ein Dilemma, das wiederum der Südafrikaner Ernest Mancoba ganz allgemein in der erzwungenen Trennung zwischen Abstraktion und Figuration begründet sah.

Mancoba, der lange Zeit in Europa lebte, wollte sich zwischen den beiden Welten nicht entscheiden und fand mit seinen teilweise an Paul Klee erinnernden Gemälden seinen eigenen, künstlerischen Weg. Ähnliches trifft zu auf Ibrahim El-Salahi aus dem Sudan. El-Salahi, von dem zwei Gemälde in der Ausstellung gezeigt werden, hat in den 1950-ern und 1960-ern ebenfalls zeitweise in Europa und den USA gelebt. Sein künstlerischer Mittelpunkt ist aber bis heute der Sudan geblieben, wo er sich auch immer wieder politisch engagiert hat. Mit seinem Werk, das islamische, afrikanische, arabische und westliche Traditionen verbindet, gilt der 86-Jährige auch im Westen als wichtiger Vertreter der afrikanischen und arabischen Moderne.

Ausstellung: Ein Blick auf Afrika: Charles Hossein Zenderoudi, "The Sun and the Lion", 1960.

Ein Blick auf Afrika: Charles Hossein Zenderoudi, "The Sun and the Lion", 1960.

(Foto: Grey Art Gallery.NY University Art Collection.Gift of Abby Weed Grey,1975/ VG Bild-Kunst,Bonn,2016)

Der Postkolonialismus, dem das Haus der Kunst genauso wie dem Postkommunismus noch eine eigene Ausstellung widmen wird, brachte aber nicht nur Zwang und neue Probleme. Im Gegenteil, der Panafrikanismus und die Bewegung der blockfreien Staaten waren auch von utopischen Potenzial beseelt. Ähnlich wie die Gründung der Vereinten Nationen oder anderer globaler Organisationen, die als westliche Reaktion auf die Kriegsgräuel entstanden.

Diese werden in der Ausstellung nicht ausgespart. Sie begegnen einem in Arbeiten von Francis Bacon, Andrzej Wróblewski, Gerhard Richter oder Joseph Beuys. Oder in den düsteren Bildserien der Japaner Iri & Toshi Maruki, die darin den Schock der Atombombe verarbeiteten.

Die ikonische Darstellung des Atompilzes auf Werken von Mieczyslaw Berman oder Roy Lichtenstein verweist auf die Funktion der Kernkraft im Gleichgewicht des Schreckens. Und als angeblich saubere, moderne Technik stellt sie zudem die Klammer zum letzten Kapitel "Netzwerke, Medien & Kommunikation" her. Dieses nimmt Techniken und Phänomene in den Blick, die bereits vor dem Internet eine Art globales Bewusstsein schufen. Ob dieser schon sehr frühe globale Künstlerblick nicht vielleicht auch neue Perspektiven auf unsere heutige globalisierte Welt liefert, lohnt sich auf jeden Fall zu prüfen.

"Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965", Haus der Kunst, München. Geöffnet von 14. Oktober 2016 bis 26. März 2017, täglich von 10 bis 20 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr. Weitere Infos unter www. hausderkunst.de

© SZ vom 12.10.2016
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