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Ausstellung:Die Vermessung der Welt

Je nach Blickwinkel wirken die Drahtskulpturen von Constantin Luser im BNKR wie ein abstraktes Gespinst oder ein Gesicht oder eine Landschaft.

(Foto: Dominik Gigler)

Als dritte Kunstaktion im BNKR, dem ehemaligen Hochbunker in Nord-Schwabing, trägt der österreichische Künstler Constantin Luser seine Zeichnungen in den Raum hinein - und schafft filigrane, surreale Landschaften

Was für ein Gegensatz zu den vorherigen Interventionen im Kunstbunker an der Ungererstraße. Sehr filigran und verspielt wirkt das, was Constantin Luser derzeit und parallel zu den bisherigen Interventionen im BNKR veranstaltet. Mit seinen zarten Gespinsten setzt er einen aufreizenden Gegenakzent zum Vorangegangenen. Wobei dieses Vorangegangene ebenfalls spannend war. Nur eben: Fast brachial im Vergleich hierzu.

Denn da hatte das Wiener Planungs- und Produktionsbüro Fattinger Orso auf Einladung der Kuratoren von Section.a vorbereitend für die ganze Reihe und zugleich als erste Intervention den Boden des Kunstbunkers mit dicken Holzbohlen ausgelegt, welche die Besucher eigenhändig herausnehmen und in wilden Raumkonzepten neu arrangieren konnten - und weiterhin können.

Den zweiten Eingriff nahm die in Amsterdam lebende Multi-Media-Künstlerin Julia Willms vor. Mit ihrer im Loop laufenden Videoinstallation "Passageway" öffnet sie optisch die Wand einer der an der ursprünglichen Raumhöhe orientierten kleinen Kammer und führt den Betrachter über Bilder von Treppen und Röhren, Fenstern und Türen vom Innen- in den Außenraum und wieder zurück. Es ist die Arbeit, die bislang am intensivsten mit den ursprünglichen Raummaßen und -gefügen arbeitet und dabei in ihrer Bildsprache das Abgrenzende des Bunkers zwischen drinnen und draußen interpretiert.

Nun also stehen die "Raumzeichnungen" des österreichischen Künstlers Constantin Luser im Mittelpunkt und bespielen zwei über zwei Etagen geöffnete große Räume. Lichtdurchflutete Raumbereiche, deren Bunkerherkunft man nur an Hand der Wandstärke erkennen kann. Damit wird der Blick des Betrachters vom Boden über eine spezielle Kammer und dann über die Wände nach oben an die Decke gelenkt. Denn Lusers Arbeit im BNKR besteht nicht nur aus Zeichnungen an den gewaltigen Wänden, sondern auch aus Drahtobjekten, die schwebend im Raum hängen, sich drehen, von allen Seiten erfasst werden können. Beides zusammen ergibt - je nach Blickwinkel - ein zweidimensionales Tableau oder ein dreidimensionales Raumgefüge, in dem sich Landschaften, Menschen und skurrile Szenarien vervielfachen.

Ein intensives Vexierspiel treibt der Künstler mit seinen Objekten, mit denen er die Zeichnung in den Raum hineinträgt. Die filigranen Drahtinstallationen wirken je nach Blickwinkel wie abstrakte Gespinste oder wie Gesichter oder wie Landschaften mit Seen, Hügeln, Häusern. Da sie federleicht sind, drehen sie sich mit dem Luftstrom, den die Besucher beim Herumgehen erzeugen.

Die feinen Wandzeichnungen sind wahre Panoptiken und speisen sich aus den Aufzeichnungen des aus Graz stammenden Künstlers, der seit Jahren Gesehenes, Gehörtes, Gefühltes, Erdachtes und Erlebtes in Tagebüchern festhält. Mit feinen Kugelschreiberminen zeichnet Luser einzelne Objekte, mithilfe parallel geführter Minen gestaltet er Bereiche, die sich mitunter wie Höhenlinien auf Karten ausnehmen und in all ihrer Tableauhaftigkeit eine Dreidimensionalität andeuten. Das wirkt wie die kunstvolle Vermessung einer surrealen Welt.

Die Vermessung des Raumes im BNKR geht weiter: am 9. Juni mit einem Talk mit Peter Kogler und am 14. Juli mit einer weiteren Intervention von Christian Falsnaes.

Constantin Luser: Raumzeichnungen. Im Raum mit: Fattinger Orso, Julia Willms und Constantin Luser, BNKR, Ungererstraße 158, bis 28. Juli, Sa/So 14-18 Uhr, Führungen (Di/Do) nach Vereinbarung: 689 06 06 20 oder info@bnkr.space

© SZ vom 11.05.2016
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