Ausstellung Deutschland aufmöbeln

Zwei Stühle, Kommode, Nähtisch und Buffet: Das handgefertigte "Nürnberger Zimmer" von 1900 wurde von Richard Riemerschmid für einen Wettbewerb entworfen.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Eine Schau zum 150. Geburtstag des Designers und Architekten Richard Riemerschmid im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg

Von Florian Welle

Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl? Keinesfalls. Möbel erzählen nicht nur eine Geschichte, sondern viele Geschichten. Von ihrer Herstellung, ihrem Design, ihren Besitzern. Einer, der die deutsche Wohnkultur maßgeblich geprägt hat, war der gebürtige Münchner Richard Riemerschmid. "Möbelgeschichten" heißt die Ausstellung, die anlässlich des 150. Geburtstages des Designers und Architekten derzeit im Germanischen Nationalmuseum zu sehen ist und den Besucher ein ums andere Mal zu verblüffen weiß. Denn Hand aufs Herz: Wer, bitteschön, denkt bei der automatisierten Produktion von Möbelserien als erstes an Riemerschmid und nicht an den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad? Erst recht nicht, wenn man diese über einen Katalog bestellen kann, ehe sie dann frei Haus geliefert werden, wo man etwa den Esstisch oder den Wäscheschrank mit etwas Geschick selbst zusammenbaut.

Kamprad wurde 1926 geboren. Da konnte man Möbelstücke aus dem maßgeblich von Riemerschmid initiierten "Maschinenmöbel"-Programm schon seit zwanzig Jahren über Karl Schmidts "Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst" (seit 1907 "Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst") erwerben. Und zwar je nach Budget in drei Preiskategorien, die sich nur im Material, aber nicht im schlichten Aussehen unterschieden. Am günstigsten war die Variante aus farbig lackiertem Fichtenholz, gefolgt von Eiche massiv und schließlich Mahagoni. Ein weiterer Pluspunkt: Musste man sich bis dahin eine Zimmereinrichtung gleich als Ensemble anschaffen, konnte man nun die Stücke auch nach und nach einzeln kaufen.

Im Zentrum der von Petra Krutisch, der Sammlungsleiterin Möbel, umsichtig kuratierten, nicht mit Textflächen und Exponaten überladenen Schau, steht exemplarisch das sogenannte Junggesellenzimmer. Dieses wurde erstmals auf der Stuttgarter Studenten-Kunstausstellung 1908 genau als solches beworben. Ist also mit Bett, Schrank und Bücherregal auf die Bedürfnisse seiner Zielgruppe zugeschnitten. Die Möbel wurden dem Museum vor drei Jahren von jemandem geschenkt, der darin selbst seine Jugend verbracht hatte. Er bekam es von seinem Onkel, der es 1910 als unverheirateter Arzt ursprünglich für sich selbst angeschafft hatte. Auch dies eine der vielen beredten Möbelgeschichten, denen man hier begegnet.

Riemerschmid ist 1868 in München geboren und dort 1957 im Alter von 88 Jahren gestorben. In der Stadt trifft man häufig die Schöpfungen des Autodidakten: so in Obermenzing die Riemerschmid-Villa, in Feldafing die Villa Carl oder die Oselschule in Pasing. Nicht zu vergessen die Inneneinrichtung der Kammerspiele aus dem Jahr 1901. Daher verwundert es auf den ersten Blick, dass die einzige Ausstellung zum Jubiläum in Nürnberg stattfindet. Auf den zweiten zeigen sich indes die vielen Spuren, die Riemerschmid in der mittelfränkischen Stadt hinterließ, auch wenn er hier nie gelebt hat. Gleich die erste erzählt wieder eine Geschichte, diesmal über die Moral jener Zeit. So gestaltete Riemerschmid das Plakat zur Bayerischen Landes-Ausstellung, die 1896 in Nürnberg stattfand. Darauf zu sehen sind zwölf Putten, mal mit Hammer, mal mit Zirkel. Doch oh Schreck, zunächst waren alle nackt. Man schritt ein; Riemerschmid musste ihnen einen Lendenschurz verpassen. Sodann designte er zur Jahrhundertwende für das Gewerbemuseum im Rahmen der "König Ludwig's Preisstiftung" Möbel für ein 16 qm großes Zimmer unter der Vorgabe, es dürfe nicht mehr als 350 Mark kosten.

Riemerschmids Entwurf gewann den ersten Platz. Doch die formschönen Möbel von schlichter Eleganz - Grundelement des Tischs, der Stühle, des Büffets sowie der Kommode ist der abgeflachte Bogen - überzeugten nur die Jury. Was auf uns heute ungemein fortschrittlich wirkt, stieß die einfachen Leute damals vor den Kopf. Sie eiferten dem Großbürgertum und dessen historistisch überfrachteten Einrichtungen nach und hielten Riemerschmids "Nürnberger Zimmer" für viel zu ärmlich. Durchbruch und Erfolg kamen erst mit den "Maschinen-Möbeln" ein paar Jahre später.

Zuletzt wird Riemerschmid als herausragender Protagonist der Gartenstadt-Bewegung vorgestellt. Anhand von Entwürfen, Studien, Bebauungsplänen für die genossenschaftlich organisierten Gartenstädte Dresden-Hellerau und ab 1908 Nürnberg zeigt sich wieder sein Talent, Architektur und Inneneinrichtung unter Berücksichtigung der wahren Bedürfnisse der Bewohner zusammenzudenken. So wurde in Dresden vor Baubeginn jedem Arbeiter ein Fragebogen ausgehändigt, in dem er Angaben zu seiner alten Wohnung wie zu Wünschen in Bezug auf eine neue machen sollte. Ein Verfahren, das zeigt, wie modern und sozial Riemerschmid dachte, und das man sich auch heute angesichts mancher Neubauten wieder wünschen würde.

Richard Riemerschmid. Möbelgeschichten, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Kartäusergasse 1, Di., Do.-So. 10-18 Uhr, Mi., 10-21 Uhr, Mo. geschl., verlängert bis 20. Jan.