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Ausstellung:Der Dichter als Messie

Peter Rühmkorf

Peter Rühmkorf in seiner Hamburger Studentenbude um 1955.

(Foto: Dieter Heggemann/DLA Marbach)

Wer "dialektisch" auf "Ecktisch" reimt, kann kein schlechter Mensch sein: Das Altonaer Museum widmet Peter Rühmkorf eine Lese-Ausstellung.

Wo bald die Elbchaussee anhebt und die Autos ihre wilde Jagd zur nächsten Ampel beginnen, liegt hinter ein paar Bäumen vor der Christianskirche Hamburgs größter Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock begraben. Sein Erbe Peter Rühmkorf lebte nicht weit davon, ein paar hundert Meter hangabwärts in einem ehemaligen Kapitänshäuschen mit Blick auf die Frachtkähne und die freischwingenden Brüste gern jüngerer Elbanrainerinnen, zu deren kunstrichterlicher Begutachtung ein Feldstecher auf dem Schreibtisch allzeit bereitlag.

"Noch Seher oder schon Spanner, das ist die Frage", die er sich in seinem Langgedicht "Selbst III/88" deshalb gleich zu Anfang stellt. Noch nicht sechzig ist er da, berufsbedingter Alkoholiker, nicht ganz ohne Ruhm, aber doch nie genug gefeiert. "Ich will da ja gar kein Dings, kein Drama draus machen", gottfriedbennt er melancholisch vor sich hin. "Von meinem Augenhintergrund her steh ich/unseren Herrenmagazinen/eigentlich doch etwas näher/als den Zielen der Frauenbewegung". Wobei, wie jeder Hamburger Taxifahrer weiß, Rühmkorfs tolerante Frau, die "Genossin Eva-Marie Titze", die erste Gleichstellungsbeauftragte in Deutschland war. Aber andererseits hat Freund Klopstock gleich beide Ehefrauen mit in sein Grab genommen.

Das so wenig schmeichelhaft bilanzierende Selbstporträt, im Druck kaum mehr als sechs Seiten, bildet das Prunkstück der Ausstellung "Lass leuchten!", die im Altonaer Museum zum neunzigsten Geburtstag von Klopstocks Nachfolger stattfindet. Auf 685 Blättern wird der Entstehungsprozess wandhoch abgebildet, alle Einfälle, alle Entwürfe, alle Korrekturen und Ergänzungen, bis aus den hunderten und tausenden von Fitzelchen und jadochauch Herrenwitzeleien die Botschaft des "Doyens der deutschen Drogenszene" aufleuchtet: "Nebenbei: Wer sich nicht ruiniert/aus dem wird nichts -".

Keiner bietet der Nachwelt mehr Material als dieser Zettelweltmeister

Nicht dauernder als Erz wahrscheinlich, aber noch papierener und damit noch dichtertreuer als selbst die Hölderlin-Edition D. E. Sattlers im Verlag Stroemfeld/Roter Stern ist dieses Rühmkorfsche Schlüsselwerk. Es zeigt den Dichter als Messie, der aus dem Nichtwegschmeißenkönnen einen literarischen Triumph gemacht hat. Kein Autor hat sich gründlicher selber aufgehoben, kein Nachlass im Literaturarchiv in Marbach ist umfangreicher, keiner bietet der Nachwelt mehr Material als dieser Zettelweltmeister.

Die Arno-Schmidt-Stiftung hat die Ausstellung entworfen, kann aber auch nur einen Bruchteil zeigen: den weichen Dichterhut, die verschorfte Dichterschreibtischplatte zur Evozierung des besessen Lyriden und Quanten hortenden Sammlers, "Arbeitsgeist" auf eine Flasche gezogen, "Dichtungshanf" für alle Wechselfälle, dazu die mehr oder weniger vertrauten Bilder des Autors als junger und sehr junger Künstler, der dann ums Verrecken nicht altern mag, die vielen Preise, die den mehr als die Hälfte des Lebens bettelarmen Poeten schließlich erreichten.

Es fing so gottserbärmlich an, nämlich dass die Mutter im März 1929 dem berühmten Theologen Karl Barth ihre Schwangerschaft entdeckte und ihn zum Paten für das Kind bat, das im Herbst pünktlich zum New Yorker Börsenkrach zur Welt kam. Damit rettete Barth der Superintendententochter die Religionslehrerinnenehre, sie konnte das eigene Kind adoptieren und selber wieder zur Schule. Rühmkorf war nicht gut in der Schule, wurde Pimpf und früh Hitlerfeind. Die Sammelwut begann bei den Aufklärungsblättern, die aus den Flugzeugen der Royal Air Force herabsegelten. Fotos, verblichene Dokumente als Daseinsberechtigung. Ein Zeugnis ist auch dabei und offenbart die ganze Grausamkeit des Vor- und Nachkriegsschulwesens, wenn der Lehrer die Versetzung gnadenhalber "nur mit Rücksicht auf die ach so armen Eltern" gewährt.

In den Vitrinen liegt alles ausgebreitet für den kommenden Biografen

Die frühvollendete Autobiografie "Die Jahre die ihr kennt" (1972) beginnt mit dem halblauten Hinweis auf den flüchtigen Erzeuger, den "reisenden Puppenspieler H. W. (Name ist dem Verf. bekannt)". Die Ausstellung verrät diesen Namen, zeigt den Ausweis des Verführers Hans Westhoff, dem Elisabeth Rühmkorf, wie der Sohn mit Brecht spottete, "bis in die letzten Jahre noch angehangen hatte wie die Hirschkuh dem Hirschen".

Aus dem anschließenden Raum dringt die Stimme des Dichters aus Jazz-und-Lyrik-Aufnahmen, und doch ist es überwiegend eine Leseausstellung. In den Vitrinen liegt alles ausgebreitet für den kommenden Biografen, der die jüdisch-kommunistische Emigrantengemeinde im Nachkriegshamburg wird schildern müssen, die Sperrholzkistenboheme, die heillosen Benn-Nächte und die unglücklichen Rotweinliebschaften, die schwierigen Anfänge. Das waren allerdings Jahre, die keiner mehr kennt, brotlose und kunstbesoffne Jahre, brutalrealistisches Antikriegskabarett, dem die gutbürgerliche Welt 1952, sieben Jahre nach dem Tod von Joseph Goebbels, eine Kurzkritik ganz wie in alten Zeiten widmete: "Kunstlos entartet".

Die Frauen, die Mädchen, ach, es gab sie zuhauf, sie folgten ihrem Hirschen, er liebte sie alle auf seine Art, doch dem Theater galt Rühmkorfs nie erfüllte Liebe. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang widmete er sich einer sozialrealistischen Dramaturgie, angestachelt seltsamerweise durch Ausgrabungen in Etrurien. Funde und vermutlich Raubgut findet sich reichlich in den Vitrinen zwischen Zeichnungen, Plakatentwürfen für die SPD und dem hinterlassenen Krokodil des Puppenspielervaters und dem Kontorbuch mit Einnahmen und Ausgaben. Ein unveröffentlichtes Manuskript der Mutter steckt dazwischen. Durch die in der Autobiografie vermeldeten Pubertätsschweinereien tief verletzt, begann auch sie ihr Leben aufzuschreiben: "Denn ich bin ein Christ, ich möchte es wenigstens sein...". Sie war überglücklich, als ihr Sohn tatsächlich kirchlich heiratete.

Der Rowohlt-Lektor Kurt Kusenberg wollte Rühmkorf nicht im Verlag haben, bezeichnete ihn in seinem Gutachten als "Halbdichter", immerhin "wie Celan". Sein vorläufig abschließendes Urteil ist so hart, wie es in jenen Jahren sonst nur der Rezensent Leslie Meier fällen konnte: "Und der Aufwand an Kot, Harn, Hoden, Samen, Urin, Eiter, After und Jauche macht den Kohl auch nicht fett." Leslie Meier führte damals alleinfertigmachend den "Lyrik-Schlachthof" und war eins der acht Pseudonyme, unter denen sich Rühmkorf im Studentenkurier und dann in der legendären Zeitschrift "konkret" umtat oder vielmehr um sich schlug. Es war die reine Not, was sonst.

Die fromme Mutter musste ihn wieder retten, sie schickte seine Gedichte an Alfred Döblin, der aus dem Exil zurückgekommen war und Deutschland bald wieder verlassen sollte. Weil er doch Arzt war von Beruf, kann er den ewig Maladen mit Briefen fernbehandeln. Vor allem druckte er seine ersten naturnotwendig schwerpathetischen Gedichte. Der Dichter ging in Stellung, wurde Lektor, fertigte jetzt selber Gutachten und schaute nebenbei dem Volksmund aufs Maul, trug zusammen, was dieser Fäkal- und Sexbesessenes und möglichst Reimbewehrtes von sich gab, trug es als wahres Volksvermögen zusammen.

Der Seherspanner hatte alles: die Dichter, die Reime und die Frauen

Die Anstaltsgermanistik hatte ihn verstoßen, da musste er es ihr zeigen, nahm sich Walter zum Vorbild, jenen von der Vogelweide, den Hamburger Pastor Brockes, Klopstock natürlich und Heine. "Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,/Mit entspanntem Munde gepriesen", parodierte der ehemalige stud. phil. seinen verehrten Klopstock, "schöner ein künstlich Gebiss,/das den großen Gedanken/einer Schöpfung noch einmal käut." Das ist wieder er, der in vielen Zungen kreuz- und querreimt und doch so ausdauernd Ich sagt. Jemand, der "siebentürig" mit "Lyrik" zusammenbrachte und "dialektisch" auf "Ecktisch" reimt, kann kein ganz schlechter Mensch sein und ist bereits in den siebten Himmel der Poesie aufgenommen ohne Erbsünde.

Ein kaum gehobener Schatz sind die Tagebücher, korrekt als "Tabu" abgekürzt, weil naturbelassen offenbar so interessant, dass sie auf Jahrzehnte hin gesperrt bleiben sollen. Veröffentlicht wurde nur, was der Dichter so lange umformuliert hatte, bis es ihm wohlgefiel. Wie ausgiebig Rühmkorf auch daran feilte, wird am Beispiel des 9. und 10. November 1989 im synoptischen Vergleich der verschiedenen Fassungen präsentiert. Noch in den Druckfahnen ändert der Autor seinen angeblich zeitzeugengenauen Bericht bis zur Verfälschung, also zur poetischen Wahrheit. Und als Wolf Biermann wieder in die sterbende DDR reisen darf, die ihn 1976 ausgestoßen hatte, befindet sein ehemaliger Freund Rühmkorf unübertroffen hämisch: "Hätte ihn nicht reingelassen, wenn ich selber einen Staat hätte."

Brauchte er nicht, der Seherspanner hatte doch alles: die Dichter, die Reime und die Frauen. Die ehelebenslang geliebte und weidlich betrogene Eva half dann mit ihrem Beamtengehalt, bis er sich tatsächlich aufs lyrische Hochseil schwingen konnte: "Ich schwebe graziös in Lebensgefahr/Grad zwischen Freund Hein und Heine". Gern wäre Rühmkorf, der im Juni 2008 starb, in der Nähe Klopstocks zur letzten oder doch vorläufigen Ruhe gekommen, zumal sich nicht weit davon auch das Grabmal befindet, das ein anderes seiner Idole, der große Hans Henny Jahnn, für seine Familie fertigen ließ. So liegt er weiter draußen, auf dem Altonaer Hauptfriedhof, aber zusammen mit seiner Eva.

"Lass leuchten! Peter Rühmkorf zum Neunzigsten". Bis 20. Juli 2020. Altonaer Museum. Infos unter www.shmh.de.