Ausstellung: Dennis Hopper:Der Rebell und der Glamour

Dennis Hopper war Zeit seines Lebens die Antipode zur bürgerlichen Scheinmoral. Die Ausstellung "Double Standard" zeigt Fotos, Malerei und Skulpturen des jüngst verstorbenen Schauspielers.

Jeanette Kohl

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Dennis Hopper

Quelle: APN

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Dennis Hopper war Zeit seines Lebens die Antipode zur bürgerlichen Scheinmoral. Die Ausstellung "Double Standard" zeigt Fotos, Malerei und Skulpturen des jüngst verstorbenen Schauspielers.

Zu den großen Fragen der Kunstgeschichte gehörten schon immer: Wer ist ein Künstler? Was macht ein gutes Kunstwerk aus? Erst in den letzten Jahrzehnten ist eine dazugekommen - welche Rolle spielen Starruhm und Marktstrategien bei der Bewertung von Kunst? Dass ausgerechnet Dennis Hopper nach seinem Tode all diese Kardinalfragen noch einmal aufwerfen würde, ist durchaus als Ironie des Schicksals zu bezeichnen. Aber das, so könnte man sagen, ist auch wieder typisch Hopper. Anlass ist die aktuelle Ausstellung, mit der uns das Museum of Contemporary Art, das MoCA in Los Angeles, den Bildenden Künstler und Fotografen Hopper nur wenige Monate nach seinem Tod nahebringen möchte: Double Standard, auf Deutsch "Doppelmoral", benannt nach einer von Hoppers bekanntesten Fotografien, geschossen 1961 durch die Frontscheibe seines Wagens mit Blick auf eine Standard-Tankstelle Ecke Doheny Drive und Melrose Avenue in Los Angeles. Auch dies eine Ironie. Denn Dennis Lee Hopper aus Dodge City, Kansas war Zeit seines Lebens die Antipode zur bürgerlichen Scheinmoral.

Künstler Dennis Hopper vor seinem Bild "Double Standard"

Text: SZ vom 4.8.2010/ Bildauswahl: sueddeutsche.de/feko

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Die Ausstellung nimmt in zweierlei Hinsicht einen besonderen Stellenwert in der Kulturszene der kalifornischen Metropole ein: Sie huldigt einem der ganz Großen der Filmgeschichte, einem vielseitig begabten Menschen, der wie kein Anderer in LA ein Scharnier zwischen Kunst und Kommerz, Avantgarde und Hollywood bildete. Und sie markiert zugleich das Debüt des neu berufenen Direktors des MoCA, Jeffrey Deitch. Nach einer beispiellosen Talfahrt der Institution, begleitet von heftigen Querelen zwischen dem ehemaligen Direktor Jeremy Strick und den Trustees, braucht das Haus nun dringend neue Impulse und eine Phase der Gesundung, kreativ wie finanziell. Der New Yorker Deitch, Galerist und gefeierter Ausstellungsmacher, ergriff die Gelegenheit beim Schopf und stellt sich dem Publikum in LA mit einer Hommage an das Leben und die Kunst eines seiner ungewöhnlichsten Stars vor - ein Auftakt, der ein Nachruf ist. Als Kurator der Ausstellung gewann Deitch außerdem einen anderen Star, den Maler, Fotografen und Filmregisseur Julian Schnabel.

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Double Standard ist die erste Ausstellung, die versucht, das künstlerische Gesamtwerk des vor allem als Schauspieler und Regisseur bekannten Hopper von den späten fünfziger Jahren bis zu seinem Tod zu dokumentieren. Dies ist ehrenwert, und es besteht kein Zweifel, dass Hopper die Aufmerksamkeit verdient. Allerdings scheint die enge Freundschaft des Kurators mit dem im Mai verstorbenen Künstler den Blick fürs Wesentliche getrübt zu haben. Symptomatisch erscheint dabei, dass Schnabel seine Eröffnungsrede am MoCA auf Knien hielt.

Im Bild: "La Salsa Man"

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Dennis Hopper startete Mitte der fünfziger Jahre nach eigenen Worten als "abstrakter Impressionist der dritten Generation". Da war er bei Warner Bros. unter Vertrag und drehte gerade Denn sie wissen nicht was sie tun (1955) und Giganten (1956) mit James Dean. Sein Freund Dean war es auch, der ihn in die noch junge Kunstszene von LA einführte. Hopper lernte Ed Ruscha, Ed Kienholz, Wallace Berman, Larry Bell und die anderen aufstrebenden Künstler der legendären Ferus Gallery kennen. Ihr Elan steckte ihn an.

Im Bild: "Biker Couple", Öl auf Vinyl

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Anfang der sechziger Jahre begann Hopper mit Arbeiten im Stil der Pop Art, orientierte sich an Rauschenberg und Jasper Johns. Dann kam die Katastrophe: Beim verheerenden Bel-Air-Feuer von 1961, das innerhalb weniger Stunden weite Teile des Nobelviertels von Los Angeles vernichtete, fielen alle seine Gemälde den Flammen zum Opfer. Hopper gab das Malen auf, startete aber mit den Versicherungsgeldern seine umtriebige und erfolgreiche Tätigkeit als Sammler. Den Pinsel tauschte er gegen eine Nikon ein. Zwischen 1961 und 1967 entstanden Tausende von Fotografien, von Stars und Figuren in Hollywood und auf der Kunstszene. Er produzierte aber auch fotojournalistische Arbeiten, wie die eindrucksvolle Fotostrecke des historischen Friedensmarsches von Selma nach Montgomery mit Martin Luther King 1965, den er begleitete. Wer seine Karriere von Bel Air aus lanciert, der hat eigentlich nicht unbedingt einen Haufen Steine im Weg. Hoppers erste Frau Brooke war die Tochter von Hollywood-Produzent Leland Hayward und Filmdiva Margaret Sullavan. Sullavan wiederum war zuvor mit Henry Fonda verheiratet. So kam auch die Bekanntschaft zwischen Fondas Sohn Peter und beider Filmprojekt Easy Rider (1969) zustande. Brooke Hayward war es auch, die ihm 1961 seine erste Nikon schenkte. Hopper beschrieb später, wie ihn die Fotos von Henri Cartier-Bresson beeindruckten, insbesondere sein Konzept des "entscheidenden Moments".

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Hollywood hat den Schauspieler unterdessen nur ungern beschäftigt. Als zu schwierig und unlenkbar galt er unter Regisseuren. Das Fotografieren erscheint in dieser Perspektive als Umkehrung der Sichtweise vom Schauspieler zum Beobachter, aber auch als Vorbereitung des Regiedebüts mit Easy Rider. Und er nahm eine Rolle ein, die ihm bis zum Ende seines Lebens blieb - die eines Vermittlers. Auf einem wunderbaren Foto des Ausstellungskatalogs führt ein eleganter Blondschopf in schwarzem Anzug und Krawatte einen anderen jungen Kerl durch eine Kunstausstellung. Die Aufnahme entstand 1964 in der Primus-Stuart Gallery in LA. Der junge Mann im Anzug ist Dennis Hopper. Es ist seine erste Einzelausstellung, gezeigt werden Assemblagen. Der nette Junge im Wollpulli neben ihm ist Paul Newman. Newman lauscht den Erläuterungen seines Freundes staunend. Das Foto bringt wie kein anderes Hoppers Enthusiasmus, sein treffsicheres Stilgefühl und seinen Platz in der kalifornischen Avantgarde zum Ausdruck, vor allem aber seine Mittlerfunktion zwischen Hollywood und der Kunstszene, die damals noch zwei getrennte Welten waren.

Im Bild: "James Rosenquist (with Brunette Billboard)"

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Niemand wird Hoppers existentielle, lebenslange und vielgestaltige Beziehung zur Kunst in Frage stellen wollen. Als Sammler war er ein Trendsetter, als Regisseur ein Revolutionär, als Schauspieler ein bisweilen gemeingefährlicher Antiheld, als Fotograf ein instinktsicherer Chronist. Als bildender Künstler aber ein Chamäleon, zu wendig, unentschieden, um wirklich Profil zu entwickeln. Hoppers Malereien, Assemblagen und Mixed-Media-Bilder, egal aus welcher Schaffensphase, sind Arbeiten eines talentierten Dilettanten. Er mimt Duchamp und er macht in Warhol, er versucht sich an Oldenburg, spielt Rauschenberg. Rosenquist geht irgendwie daneben, und Baldessari oder Ruscha zum Beispiel kann er überhaupt nicht. Die in weiten Teilen misslungene Choreographie der Ausstellung selbst, die unglücklich dichte, streckenweise auch lustlose Hängung geht wiederum auf Schnabels Kappe. Hoppers Kunstproduktion zwischen Ready-made, Konzeptkunst, Pop Art und Appropriation lässt sicher viel Platz für weit gefasste Definitionen dessen, was Kunst ist und wer ein Künstler. Unangenehm berührt jedoch zum Beispiel der Umstand, dass die riesigen Billboard-Paintings, die Fotografien Hoppers reproduzieren und zu fotorealistischen Reklamewänden aufgeblasen sind, als eigenhändige Arbeiten ausgestellt werden. Angefertigt wurden sie aber von professionellen Reklamemalern, im Auftrag des Künstlers - eine Information, die sich weder im Katalog noch in der Ausstellung selbst findet. So verlassen die meisten Besucher die Show in der Überzeugung, dass dieser Dennis Hopper zu allem anderen auch noch ein unglaublich guter, fotorealistischer Maler war.

Im Bild: "Coca Cola Sign (found object)"

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Ein Bild befindet sich dagegen nicht in der Ausstellung, obwohl es dort seinen Platz hätte, und das ist Schnabels Porträt of Dennis Hopper von 1999. Das Brüchige, Verletzte und Verletzende, das dem Menschen Hopper eigen war, das zerbrochene Porzellan, das er hinterließ, mit fünf gescheiterten Ehen (die letzte Scheidungsschlacht auf dem Totenbett ausgefochten) und dem Dauerclinch mit Studios und Regisseuren, die langen Phasen der Selbstzerstörung, die Fragilität und zugleich der Furor seiner schauspielerischen Performance, die Risse unter der Oberfläche des Starruhms, überhaupt: Hoppers ungewöhnliche Odyssee durchs Leben - all das bringt Schnabels Scherbenbildnis auf den Punkt. Eine bessere Hommage als die MoCA-Ausstellung hätte Hopper allerdings verdient.

Dennis Hopper: Double Standard. The Geffen Contemporary at MoCA, 11. Juli bis 26. September 2010. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog.

Im Bild: "Bomb Drop", Installation aus Plexiglas und Stahl

© SZ vom 04.08.2010/feko
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