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Ausstellung "De l'Allemagne" in Paris:Die Kriegernation hat Kultur

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Kulturstaatsminister Bernd Neumann neben dem französischen Premierminister Jean-Marc Ayrault und die Philosophin Danièle Cohn bei der Eröffnung der Ausstellung "De l'Allemagne, 1800-1939 - Von Friedrich bis Beckmann".

(Foto: AFP)

Wenn Staatsminister Bernd Neumann extra nach Paris reist, um im Louvre eine Ausstellung zu eröffnen, dann muss diese außergewöhnlich sein. Tatsächlich ist die Schau zum 50. Jahrestag des Elysée-Vertrages mit 200 Exponaten deutscher Kunst die größte ihrer Art, die je in Frankreich gezeigt wurde. Und ihre reizvollen Kontraste wecken sogar Verwunderung und Interesse.

Von Joseph Haniman

Die schöne Zweideutigkeit von Madame de Staëls Buch "De l'Allemagne", dessen Titel diese Ausstellung übernimmt, ist nicht übersetzbar. Die Französin schrieb aus Deutschland, einem geografischen Kulturraum, und von Deutschland, einem nationalen Einheitstraum.

Die beiden Perspektiven reiben sich aneinander quer durch alle Säle der in Anwesenheit vom deutschen Kulturstaatsminister in Paris eröffneten Louvre-Ausstellung. Unter der monumentalen Goethe-Büste von Pierre-Jean David d'Angers aus dem Musée d'Orsay sind dort im Mittelsaal des Hall Napoléon Blätter von Goethes Farbenlehre, seine Herbarien und Steinsammlungen neben Philipp Otto Runges kosmische Schnörkelputten und Paul Klees Floralornamente gebreitet.

Es sind Zeugen einer Naturbetrachtung auf der Kippe zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und metaphysischer Kontemplation, wie sie das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris unter seinem Direktor Andreas Beyer seit Jahren in einer Ausstellung vorführen wollte.

In den beidseitigen Längsgalerien daneben wird mit Werken von Overbeck bis Beckmann die bewegte Geschichte der Kulturnation Deutschland zwischen 1800 und 1939 erzählt - ein Projekt, das dem scheidenden Louvre-Direktor Henri Loyrette schon lange vorschwebte und das nach dessen zwölfjähriger Amtszeit nun zu seiner Abschiedsveranstaltung wird.

Mögen die beiden in der Figur Goethes sich kreuzenden Ausstellungskonzepte auch nicht wirklich zur Deckung kommen, schaffen sie in der halb chronologisch, halb thematisch angelegten Abfolge der Werke doch reizvolle Kontraste und vermeiden die gröbsten Klischees.

Bildspuren eines dämmernden nationalen Selbstgefühls

Dem politisch bewegten Frankreich bei Delacroix in der "Freiheit auf den Barrikaden" werden manchmal Caspar David Friedrichs weltabgewandte Figuren in nebligen Landschaften als Allegorie eines romantisch verträumten Deutschland gegenübergestellt.

Die Louvre-Ausstellung vermeidet solche Verkürzungen und geht mit ihren zweihundert Exponaten etwas subtiler zu Werk. Gleich in den ersten Sälen werden Bildspuren eines vielfältig dämmernden nationalen Selbstgefühls im deutschsprachigen Kulturraum freigelegt zwischen Winckelmanns antiker Universalitätsvision und dem Schock, der nach Napoleons Feldzügen in Reaktionen wie Fichtes "Rede an die deutsche Nation" durchs Land ging.

In italienischen Landschaften drängen da zunächst über biblische Verkündigungs- und Christi Geburtsmotive bei den Nazarenern Johann Friedrich Overbeck, Schnorr von Carolsfeld, Franz Pforr Reminiszenzen aus Mittelalter und deutscher Renaissance ins Bild und lassen in Carolsfelds "Heiligem Rochus, Almosen verteilend" auch schon mal ein deutsches Kirchlein auf dem Hügel erscheinen.

Volkstümlichkeit in Moritz von Schwinds "Falkensteiner Ritt", Nachtlegenden und einsam erleuchtete Fenster bei Carl Philipp Fohr und Ernst Ferdinand Oehme, vergangenheitsselige Utopie in den gotischen Kirchenruinen von Klenze, Carl Blechen, Caspar David Friedrich sowie deren stolze Umsetzung in der Vollendung des Kölner Doms - all diese Regungen eines sich suchenden Nationalbewusstseins sind in Frankreich so noch nie gezeigt worden.

Goethe ist zugleich Kernzelle und Fremdkörper

Sie wecken Verwunderung und Interesse. Vergesst Winckelmann, knüpft an der Gotik an! - hatte Madame de Staël in ihrem Buch 1813 den Deutschen zugerufen. Die Louvre-Ausstellung führt vor, wie differenziert die Antworten ausfielen, wenn etwa in Gottlieb Schicks "Apoll unter den Hirten" der griechische Gott eine romantisch fromm zuhörende Schäfergemeinschaft um sich schart. Und wenn bei Hans von Marées, Arnold Böcklin, Anselm Feuerbach die Italien-Sehnsucht sich melancholisch einfärbt oder ins Groteske verzerrt, verglüht ein mythologietrunkenes Fin de Siècle über den Pickelhauben der Gründerzeit.

From Germany 1800-1939. From Friedrich to Beckmann Exhibition

Goethe-Büste in der Ausstellung "De l'Allemagne" in Paris.

(Foto: dpa)

Wohl hätte man an dieser Stelle auch andere Künstler wie Max Klinger erwartet, doch sind die gezeigten Werke fast durchgängig von hoher Qualität.

Besonders spürbar wird die Doppellogik der Ausstellung dann aber dort, wo der Goethe der Farbenlehre und der Naturphilosophie in den großen Bogen der nationalen Schicksalsgeschichte eingespannt werden soll. Goethe ist zugleich Kernzelle - das berühmte Tischbein-Porträt hängt im Eingangssaal - und Fremdkörper der Schau.

Dieses Paradox hängt nicht nur mit der erstaunlichen Abwesenheit des hier wichtigen Karl Friedrich Schinkel zusammen. Seine Werke waren offenbar schon alle für die gegenwärtig in München laufende Ausstellung reserviert. Das zugleich enzyklopädische und kontemplative Deutschland der Weimarer Blüte wird in drei magistral gehängten Sälen mit Gebirgslandschaften von Carl Gustav Carus, Friedrich, Ludwig Richter und Joseph Anton Koch überhöht.

Die mineralische, organische und symbolische Realität verschmilzt dort in einer erhabenen Innenschau der Natur, als hätte der Bergingenieur Novalis dafür schon alle Stollen getrieben. Doch unterschlägt die Ausstellung die Gegenwahrheit dazu: die Orientierung auf die Innenseite des menschlichen Subjekts im häuslichen Biedermeier oder in der harten Arbeitswelt der aufkommenden Industrialisierung.

Keine direkten Linien von der Romantik zum Nationalsozialismus

Statt in diese Hintergründe zu schauen, eilt die Pariser Schau unter dem Titel "Ecce Homo" im letzten Teil, ausgehend von Adolph Menzels "Eisenwalzenwerk", lieber voraus geradewegs in die Menschenvernichtungshölle des Ersten Weltkriegs.

Drucke und Zeichnungsserien von Max Beckmann, Otto Dix, Käthe Kollwitz zum Thema Zerstörung, Tod, trauernde Mütter bestimmen nun den Ton. Hinter Karl Hofers "Der Rufer", Jakob Steinhardts "Der Prophet" aus der Stiftung Neue Synagoge Berlin oder Lovis Corinths "Ecce Homo" dämmert die Katastrophe, die das mehr als ein Jahrhundert zuvor erwachte Nationalempfinden in den Abgrund reißen sollte.

Pathos und Entspanntheit

From Germany 1800-1939. From Friedrich to Beckmann Exhibition

Ein Besucher der Ausstellung "De l'Allemagne" fotografiert in dem Raum, in dem das Gemälde "Der Watzmann" von Caspar David Friedrich ausgestellt ist.

(Foto: dpa)

Es ist der Pariser Schau hoch anzurechnen, dass sie keine direkten Linien von der Romantik zum Nationalsozialismus zieht und überhaupt auf die schematischen Einteilungen von Klassizismus, Romantik, Realismus, Expressionismus verzichtet. Unter dem aufgespannten Zeitbogen kommt aber jene Alltagskontinuität zu kurz, die von Spitzweg bis zu Max Liebermann auch zu Deutschland gehört und im Schlusssaal der Ausstellung mit einigen Fotoporträts von August Sander nicht ausreichend vertreten ist.

Was mit zwei Filmauszügen in diesem letzten Saal vorzüglich gelingt, indem das Pathos von Leni Riefenstahls "Olympia" (1936) mit der Entspanntheit der Badegäste am Wannsee in Robert Siodmaks und Edgar G. Ulmers Film "Menschen am Sonntag" (1930) aufgewogen wird, gerät durch die Bilderauswahl am Ende der Ausstellung in Schieflage.

Dazu tragen nicht zuletzt auch die zehn großformatigen Holzschnitte auf Leinwand "De l'Allemagne" von Anselm Kiefer bei, die, speziell zu diesem Anlass entstanden, mit Inschriften wie Heine, Marx, Stefan George, Flosshilde, Wellgunde, Woglinde, Heidegger, Melancolia, der Rhein, Atlantikwall, Maginot in der Eingangsrotunde des Hall Napoléon massive Assoziationspflöcke in den Erwartungshorizont der Besucher schlagen, als bestünde dieser aus mythologischem Sand.

Dass am selben Tag, ebenfalls in Anwesenheit von Staatsminister Neumann, im Musée de l'Armée am Invalidendom eine abgeänderte Fassung der Napoleon-Ausstellung "Traum und Trauma" aus der Bundeskunsthalle in Bonn von vor zwei Jahren eröffnet wurde, setzt einen interessanten Gegenakzent zum Louvre-Programm.

Zum ersten Mal sei er zusammen mit einem Verteidigungsminister zu einem solchen Festakt angetreten, bemerkte Neumann belustigt. Der Weg von der Kultur- zur Kriegsführernation ist dem französischen Kollektivgedächtnis über Jahrzehnte hin schon auf der Schulbank eingetrimmt worden.

Der Rückweg ist etwas schwerer zu finden. Die Louvre-Ausstellung hilft dabei vor allem in ihrem ersten Teil. Die Qualität der Exponate und die Vielfalt der Einzelaspekte wirkt überzeugender als der etwas vordergründige Thesenstrang vom dionysischen Freudenfest der Spätromantik zur politischen Leidensgeschichte der Zwischenkriegszeit.

De l'Allemagne, 1800-1939. Von Friedrich bis Beckmann. Musée du Louvre, Paris. Bis 24. Juni. Katalog (Verlag Hazan): 45 Euro.

© SZ vom 28.03.2013/pak

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