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Ausstellung "David Bowie is" in London:"Ich will Musik dreidimensional"

Die Kleidung tut dem Körper durchaus etwas an: David Bowie, wie er sich einst präsentierte - und nun wieder im Victoria and Albert Museum zu sehen ist.

(Foto: AFP)

In einer Zeit, in der es Musikvideos noch nicht gab, wollte er mehr zeigen als eine Figur in Jeans und T-Shirt. Das Kunstwerk David Bowie stand nie allein für seine Songs, sondern auch für "Style". Die Londoner Ausstellung kann daher mehr vorzeigen als die Relikte einer erfolgreichen Musikerkarriere.

Ein Juli-Abend 1972, fünf Millionen Fernseher sind eingeschaltet, es läuft "Top of the Pops", die BBC-Musik-Show für die ganze Familie. An das was dann folgte, erinnern sich die Zuschauer noch Jahrzehnte später: Dass so etwas überhaupt möglich war, so fremd, so dekadent, so ausgelassen. Angekündigt ist David Bowie, es erscheint Ziggy Stardust, rothaarig, ein Körper wie aus Schlangenhaut, der Einbruch ultraschlanker Virilität ins Format der Massenunterhaltung. Alle anderen werden noch lange brauchen, um zu begreifen. Ein Coup.

Die Epoche des Glam, in der Schein triumphiert über Sein, sie beginnt in diesem Moment. Ziggy ist dafür ja der lebende Beweis: Die Kunstfigur des Alien-Messias muss David Bowie nicht lange spielen - die Ziggymania bricht aus und die Behauptung, dass Ziggy ein Superstar ist, erfüllt sich wie von selbst.

Die BBC kann Ende des Jahre nur konstatieren, dass dieser "bizarre, selbstentworfene Freak" als 26-Jähriger tatsächlich eine halbe Million Pfund im Jahr verdient und sich einen persönlichen Make-Up-Künstler leistet, der ihm die Fingernägel silbern lackiert.

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Als Bowie mit der Zunge zupfte

Denn anders als alle Musiker vor ihm ist David Bowie ein Rockstar, dessen Karriere aus viel mehr gewirkt ist als Songs und Texten. Eine Ausstellung im Londoner Victoria & Albert Museum, die am Samstag eröffnet wird, kann mehr zeigen als Bowies erstes Grafton-Saxofon, Gitarre, Plattenhüllen, Star-Fotos, Poster und ein paar zerschlissene T-Shirts.

Die Kuratoren des Museums für Angewandte Kunst durften sich in einem Archiv bedienen, in dem seit vierzig Jahren auch Kostüme aufbewahrt werden wie eben dieser Zweiteiler aus wattierter Baumwolle, dessen Paisley-Druck und leuchtfarbene Stromlinienmuster so wirkungsvoll kontrastierten.

Mehr verdichtet als ausgebreitet

Der Zeitpunkt kann nicht besser gewählt sein: Gerade hat David Bowie seit Jahren wieder ein neues Album veröffentlicht, während ein Spielfilm über seinen vierzehnmonatigen Aufenthalt mit Iggy Pop im West-Berlin Ende der Siebzigerjahre gecastet wird.

Die Ausstellung selbst kämpft, das vorweg, nicht mit den üblichen Problemen ihres Genres. Sie hat alle Ansprüche auf kulturhistorische Erhellung von vorneherein über Bord geworfen, hat das Licht auf die Lux-Zahl bunter Disco-Spots gedimmt, reichlich Video-Footage, Monitore, Spiegelwände, sogar etwas Kunst mehr verdichtet als ausgebreitet und eine Woche vor der Eröffnung 50.000 Eintrittskarten verkauft.

Die Fans müssen sich nicht vor abgelegten Kostümen langweilen, sie behalten die Kopfhörer auf, aus denen alle Versionen von "Heroes" hallen, während sie vor Vitrinen stehen, deren Abmessungen exakt den doppelstöckigen Schaufensterfassaden der Luxusboutiquen im nahen Mayfair entsprechen. Hier hält nichts inne, hier wird das Abgelegte und Unbelebte am Laufen gehalten, es ist wie in der Geisterbahn: Kurz bevor die Illusion zerfällt, ist man schon eine Ecke weiter.

Dabei wäre das hier ausnahmsweise gar nicht nötig gewesen: Denn es sind vor allem die Kostüme, über die man dem Phänomen David Bowie näher kommt, der 1969 zwar noch als Mod auftritt, sich ein Jahr später für sein drittes Album "The Man Who Sold The World" aber schon auf einer Chaiselongue so ausstreckt, dass die kniehohen Boots ebenso gut zu sehen sind wie die schulterlangen Locken.