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Ausstellung:Das Weiße im Auge der Projektion

'Inszeninert! Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst'

Foto: Sven Hoppe/dpa

Die Ausstellung "Inszeniert! Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst" in der Münchner Kunsthalle zeigt, welche Metamorphose das Museum durchläuft.

Von Catrin Lorch

Der Kasten ist aus dem Holz geschreinert, aus dem man Modelle baut. Wer eintritt, wird von einem fugenlosen Dunkel umfangen, kann Klappsessel und Kopfhörer gerade so ertasten - doch wenn die Vorstellung beginnt, ist die Illusion perfekt. Man ist im Kino. Die provisorisch wirkende Box versetzt den Betrachter vor eine Leinwand, die von Logen gerahmt ist und einem roten Samtvorhang. Die Künstler Janet Cardiff und George Bures Miller haben für das "Paradise Institute" winzige Sitzreihen geschreinert und zentimeterkleine Brüstungen modelliert. Allerdings wirkt die Tonspur, die über den Kopfhörer zu hören ist, gerade nicht handgebastelt, sondern wie in High-End-Qualität abgemischt.

Diese effektvolle Ausstellung wird der Medienkunst sicher neue Besucher erschließen

Weil man nicht nur den Soundtrack des Schwarz-Weiß-Films hört, der über die kleine, voll funktionsfähige Leinwand flimmert, sondern auch - täuschend echt - nahe Geräusche. Rascheln, das Flüstern der Sitznachbarn, knarrendes Parkett. "Hast du daran gedacht, den Ofen auszustellen", wispert es. Kurz danach brennt - auf der Leinwand - das Haus.

Film, daran erinnert "Paradise Institute", ist mehr als eine Technik, ein Medium. Film ist auch eine Kultur, zu der ein Kinosaal gehört, Samt, die Dunkelheit, ein Rendezvous. Vielleicht auch das Abschweifen der Gedanken. Gefühle, die nur lose am Plot hängen - aber womöglich viel gewaltiger sind. Die Wundermaschine von Cardiff und Miller isoliert, was im Erlebnis eines Kinoabends fest verschmolzen zu sein scheint. All die Momente, die das Erlebnis prägen.

Die Ausstellung "Inszeniert! Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst" in der Kunsthalle in München hat mehr als 90 Werke der bildenden Kunst versammelt, die solche Phänomene thematisieren.

Im Katalogtext setzt der Kurator Karsten Löckemann bei Karl-Friedrich Schinkels Bühnenbildern, den Kostümen und Kulissen von Henri Matisse und Pablo Picasso ein und bei der Bauhausbühne. Doch eigentlich muss er gar nicht so weit ausholen - denn die Beschäftigung der bildenden Kunst mit den darstellenden Künsten, vor allem dem Film, setzt in den Neunzigerjahren neu an, als eine neue Generation den Film als Thema entdeckt, vor allem für die damals noch relativ jungen Gattungen Fotografie und Video.

Nan Goldin, Jimmy Paulette + Tabboo! im Badezimmer, NYC 1991, Cibachrome, 75 x 101,5 cm Courtesy Sammlung Goetz, München

Von Nan Goldin stammt die Fotografie "Jimmy Paulette and Tabboo! in the Bathroom" aus dem Jahr 1991.

(Foto: Courtesy Sammlung Goetz, München)

Eine Künstlergeneration, geschult an Konzeptkunst und Medientheorie, beginnt, vom Kino zu erzählen. Von der Faszination einer ästhetischen Weltmacht, die nun in ihre Bestandteile zerlegt wird. Douglas Gordon dehnt in der amerikanischen Wüste eine Filmvorführung auf die Länge eines Jahres, Isabell Heimerdinger lässt Kinokarten wie Konfetti im Museum verteilen. Und schon um die Jahrtausendwende konstatiert die Kunsthistorikerin Ursula Frohne: "Das Museum durchläuft eine Metamorphose zum Lichtspielhaus."

Die Ausstellung in München spiegelt noch einmal diesen Moment, der erzählerische Bogen reicht von den plattesten Motiven der Fankultur bis zu den abstraktesten Interpretationen der Lichtkunst: vom Vampirbild im Stil des B-Movie, das Mike Kelley als Vorlage für "Lonely Vampire" nimmt, eine Geisterbahn-Installation. Bis zu den in aller Perfektion ausgearbeiteten Fotografien von Hiroshi Sugimoto, der seine Kamera in historischen Kinopalästen aufbaute, um den Verschluss des Objektivs für die Dauer eines Spielfilms zu öffnen. Von den vielen dramatischen Momenten bleibt nur die gesammelte Helligkeit der Projektion, die Leinwand erstrahlt auf dem Schwarz-Weiß-Abzug gleißend hell.

Die Ausstellung versammelt prominente Werke. Im Nachbarraum hängen gleich fünf Monitore, die parallel alle der weltweit gefeierten Cremaster-Filme von Matthew Barney zeigen. Die Kuratoren konnten auf eine der bedeutendsten Kollektionen von Medienkunst zurückgreifen, die Sammlung von Ingvild Goetz. Die Münchnerin hat früh Medienkunst gekauft und gefördert. Als Ingvild Goetz im Jahr 2013 dem bayerischen Staat 500 Werke aus ihrer Sammlung schenkte und dazu noch große Teile als Dauerleihgaben überließ, war das eine Sensation, auch weil die Sammlerin so gut wie keine Bedingungen an die Schenkung knüpfte. Roger Diederen, Leiter der Kunsthalle, hat sich seit Jahren um eine Kooperation bemüht - jetzt bereitet die Ausstellung "Inszeniert!" einen großen Auftritt, gerade auch bei einem Publikum, das nicht unbedingt vertraut ist mit jüngeren Strömungen der Kunst. Die effektvolle Ausstellung wird der Medienkunst sicher neue Besucher erschließen, im Programm der Kunsthalle ist sie zwischen zwei Blockbustern zum spanischen Impressionismus und Velazquez positioniert. Und anders als im Luftschutzkeller unter dem Haus der Kunst - wo die Video-Arbeiten aus der Sammlung Goetz seit vielen Jahren gezeigt werden - ist die Schau in der Kunsthalle aufwendig eingerichtet und effektvoll choreografiert.

Janet Cardiff & George Bures Miller, Playhouse 1997, 1-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton) Courtesy Sammlung Goetz, München Foto: Wilfried Petzi, München

Die Arbeit "The Paradise Institute" von Janet Cardiff und George Bures Miller.

(Foto: Foto: Wilfried Petzi, München)

Doch wird in diesem Sommer erstmals auch spürbar, dass solche großzügigen Geschenke nicht unproblematisch sind. In München sind Werke aus der Sammlung Goetz derzeit an vier Orten gleichzeitig zu sehen: in der Kunsthalle, dem Luftschutzkeller unter dem Haus der Kunst, wo in den Obergeschossen Michael Buthe eine Retrospektive eingeräumt wird, die dann an eine Präsentation im Museum in Unterföhring anschließt. Eine Stadt, in der man Werke von Matthew Barney, Stan Douglas und Jeff Wall ausstellen kann, ohne dafür groß Leihverträge oder Transportversicherungen ausfüllen zu müssen, wird sich womöglich nicht groß um die Finanzierung sperriger, weniger prominenter - aber womöglich relevanter - Exponate bemühen.

Hier wird die ästhetische Übermacht der großzügigen Stifter zum Problem. Denn der individuelle Geschmack eines Sammlers wird immer anders entscheiden als ein Museum mit Sammlungsauftrag. Bedeutung entsteht dadurch, dass das Museum sich für ein Werk entscheidet. Private Sammlungen müssen sich profilieren, wollen sich Werke sichern, die aus sich heraus in der Kunstgeschichte unübersehbar sind.

Wenn dann Fotografien von Cindy Sherman oder Nan Goldin zur Abholung bereitstehen, fasst ein Kurator das ohnehin wenig präzise Thema Medienkunst gerne ein bisschen weiter. Deswegen werden die Besucher im ersten Raum von den Transvestiten und Drag-Queens begrüßt, die Nan Goldin in der Subkultur New Yorks fotografierte. Deswegen prangt ein paar Meter weiter Cindy Sherman auf der Wand. Und, ja, das frühe Breitwandfoto von Andreas Gursky "Union Rave" aus dem Jahr 1995 ist sicher eines seiner schönsten Motive - aber es zeigt schlicht Tanzende. Der Zusammenhang "Inszeniert!" wird hier nicht präzisiert, er wird nur etwas fetter aufgepolstert. Der Schau hätten aktuelle Arbeiten gutgetan - etwa die Animationen der virtuellen Bühnen von heute -, die ihre klugen Gedanken in die Jetztzeit verlängern.

"Inszeniert!" Kunsthalle München. Bis 6. November. Der Katalog kostet 19 Euro.

© SZ vom 19.08.2016
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