Ausstellung:Charakter liegt im Auge des Betrachters

Ein Bild für Alle

Aus der Serie "Ein Bild für Alle", München 2018.

(Foto: Donaubauer / Frömel)

Im Münchner Stadtmuseum zeigen Videoporträts und Fotografien "Gesichter der Stadt". Wer auch sein eigenes für die Aktion festhalten lassen möchte, geht in diesen Tagen ins Museum

Von Evelyn Vogel

Bis man zum Nukleus der Ausstellung vorstößt, den Videoporträts von Kurt Benning und Hermann Kleinknecht, hat man schon eine ganze Reihe anderer Projekte in der Schau entdeckt. Arbeiten von Barbara Donaubauer und Ulrike Frömel, Kerstin Schuhbaum, Jadranka Kosorcic und Gabriele Drexler, die unter dem Titel "Bilder für alle" im Münchner Stadtmuseum zusammengefasst sind und Menschen zeigen wie du und ich - gemalt, gezeichnet, fotografiert. Oft spontan und ungeplant. Sogar jeder einzelne Besucher findet sich in einer Arbeit. Darin lässt der Tübinger Musiker und Medienkünstler Timo Dufner ein Programm, das mit künstlicher Intelligenz arbeitet, entpersonalisierte Bildschnipsel der Ausstellungsbesucher, die zuvor beiläufig von einer Kamera aufgezeichnet wurden, zu einem Porträt zusammensetzen. Es ist der radikal künstlerische Gegenentwurf zu der Benning-Kleinknecht-Arbeit.

Deren Videoporträts "Gesichter der Stadt" sind vor bald einem Vierteljahrhundert entstanden. Heute wirken sie wie aus der Zeit gefallen. Die beiden Künstler, die mit den verschiedensten Medien arbeiteten, ließen 1996 Menschen vor der Kamera von ihrer Arbeit und ganz generell aus ihrem Leben erzählen. Jeder so, wie er oder sie wollte. Bald eine Stunde lang. Die Kamera auf sie gerichtet, kaum Unterbrechungen, keine Schnitte, Rückfragen nur, wenn der "Interviewte" zu lange ins Stocken geriet. Ein radikales Konzept, das existenzialistische Züge trägt und das das Menschsein an sich in den Mittelpunkt stellt. Auch deshalb scheint es so meilenweit von der Selfiesucht unseres Jahrtausends entfernt.

Während anfangs nur Leute zu Wort kamen, die irgendetwas mit der Münchner Künstlerszene zu tun hatten (der Galerist Heinz Herzer, der Dramatiker Martin Sperr, um nur zwei zu nennen) brachen Benning und Kleinknecht das Korsett irgendwann auf. Am Schluss kamen auch Menschen von der Straße wie ein Taxifahrer oder ein Rentner in den Videoporträts zu Wort. Wer sich all die Selbstgespräche ansehen will, muss viel Zeit mitbringen. Einige Porträts sind langatmig, andere kurzweilig und witzig. Am interessantesten ist es zu beobachten, wie sich die unterschiedlichen Charaktere vor der Filmkamera entwickeln. Einige agieren von Anfang an in selbstdarstellerischer Manier, andere verlieren erst im Laufe der Zeit die Scheu vor ihr und erzählen immer freier und immer konzentrierter.

Anfang des Jahrtausends war das Projekt im Kunstbunker Tumulka in München zu sehen. Doch erst vor einiger Zeit entdeckte es der Kurator des Stadtmuseums Rudolf Scheutle und war sofort fasziniert von der Arbeit von Benning und Kleinknecht, diesen Sammlern von Geschichten und Geschichte.

Während die Videoporträts wegen ihres radikalen Konzepts, ihrer Länge und technischen Qualität eine Herausforderung für die Besucher darstellen, hat Scheutle unter dem ergänzenden Titel "Bilder für alle" die Ausstellung um etwas leichter zugängliche Projekte erweitert. Da gibt es Schülerarbeiten aus Röthenbach an der Pegnitz und eine Selfie-Kabine aus der Whitebox im Münchner Werksviertel in Form einer alten Telefonzelle. Menschen, die zufällig zum Objekt der Darstellung wurden, sind in der Zeichenserie von Jadranka Kosorcic zu sehen. Sie hat bei einer "Blind Date"-Aktion ihr unbekannte Menschen gezeichnet, die sie zuvor nur per Mail kontaktiert hatten. Gabriele Drexler zeigt zudem einige ihrer "Stundenporträts": Ölgemälde, die sie im Stundentakt bei einem Zwischennutzungsprojekt im Kunsthaus Raab von Besuchern anfertigte.

Eine Spontanaktion mit Hilfe eines improvisierten Fotostudios vor einem Leintuch war auch die Serie von Hundebesitzern mit ihren Vierbeinern, die Kerstin Schuhbaum 1989 bei einer Ausstellung über Hundefotografie im Stadtmuseum machte, die heute aber wie eine strenge Konzeptarbeit anmutet. Auch die Fotos von Barbara Donaubauer und Ulrike Frömel, die die beiden beim 25. Jubiläum der Münchner Obdachlosenzeitschrift Biss 2018 in einem mobilen Porträtstudio auf dem Wittelsbacherplatz aufgenommen haben, sind konzeptuell, muten aber weniger streng an. Hier eint keine Thematik oder gleichartiges Interesse die abgebildeten Personen. Vom durchgestylten Punkmädchen über die lässige Kleinfamilie bis hin zur selig lächelnden sehbehinderten Frau reicht das Gesellschaftspanorama, das die beiden Fotografinnen damals festhielten. Die Aktion setzen die beiden Fotografinnen nun in der Ausstellung fort: Unter dem Motto "Ein Bild für alle" bauen sie an diesem Samstag sowie im Februar ihr mobiles Porträtstudio erneut auf.

Gesichter der Stadt. Videoporträts von Kurt Benning und Hermann Kleinknecht - Bilder für alle, Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, bis 23. Februar, Di.-So. 10-18 Uhr; Samstag, 28. Dez., 15-17 Uhr und Mittwoch, 12. Feb., 18-20 Uhr: Porträt-Aktion "Ein Bild für Alle" von Barbara Donaubauer und Ulrike Frömel

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