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Caspar David Friedrich in Düsseldorf:Majestätisch entrückt

Das kleine Format des Bildes verstärkt den Eindruck der Entrücktheit: Caspar David Friedrichs "Felsenriff am Meeresstrand", 1824.

(Foto: Gnamm/Artothek)

Wer herrscht über Land und Meer? Eine Ausstellung im Kunstpalast zeigt "Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker" - eine spannungsreiche Beziehung.

Von Alexander Menden

Andreas Achenbach war der Inbegriff des Malerfürsten. Wie sein Bruder Oswald ein führender Vertreter der Düsseldorfer Malerschule, begütert und bestens in ersten Kreisen vernetzt, trug er den inoffiziellen Ehrentitel "Herrscher über Land und Meer". Beim Besuch der durch den Lockdown unterbrochenen, nun wiedereröffneten und bis Ende Mai verlängerten Ausstellung "Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker" wird diese Adelung nachvollziehbar: Eines der größtformatigen Werke in der Schau des Düsseldorfer Kunstpalastes ist Achenbachs "Seesturm an der norwegischen Küste" von 1837. Die Leihgabe des Städel-Museums in Frankfurt ist eine Phantasmagorie aus Gischt, Felsen, Wolkenfetzen, in deren Zentrum ein sich vor den Klippen aufbäumendes Segelschiff im Kampf mit den Elementen zu unterliegen droht.

Zupackend und scharf wie eine Fotografie : Andreas Achenbachs "Seesturm an der norwegischen Küste" von 1837

(Foto: Städel Museum/ARTOTHEK)

Hier sind viele der Elemente versammelt, welche die Düsseldorfer Malerschule unter Zeitgenossen so ungeheuer populär machte: das vermeintlich Unmittelbare, die proto-fotografische Schärfe, die handfeste, nicht primär symbolische Darstellung von Naturphänomenen. Das Gegenstück also zur Kunst jenes eine Generation älteren Zeitgenossen, der gerade erst wiederentdeckt worden war, als Andreas Achenbach 1910 mit 94 Jahren starb. Dennoch steht der Name dieses Zeitgenossen, Caspar David Friedrich, zuerst im Titel der Düsseldorfer Schau. Die zu Lebzeiten weit erfolgreicheren rheinischen Kollegen wie Johann Wilhelm Schirmer, die Achenbachs, Hans Fredrik Gude und Eduard Stanislaus Graf von Kalckreuth, der spätere Begründer der Weimarer Landschaftsschule, sind eher als Gruppe denn als einzelne Künstler im Gedächtnis geblieben.

Im Kunstpalast sind 25 Gemälde und zahlreiche Zeichnungen von der Hand Friedrichs zu sehen. Dass trotz der Corona-Erschwernisse so viele zusammenkamen, ist beachtlich, zumal die Farbschichten extrem fragil sind. Diese Menge an zum Teil weniger bekannten, aber nicht weniger glänzenden Arbeiten lässt auch die Abwesenheit von Hauptwerken wie dem "Kreidefelsen auf Rügen" oder dem "Wanderer über dem Nebelmeer" verschmerzen. So hat das "Felsenriff am Meeresstrand" (1824) aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe viel von der majestätischen Zerrissenheit des "Polarmeeres", wirkt aber aufgrund seines kleineren Formates noch entrückter.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Geschmacksverschiebung, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Wahrnehmung romantischer Kunst vollzog. Die Dresdner Romantik, zu der auch Friedrichs Freund Carl Gustav Carus zählte, mit ihrer Betonung spiritueller Innerlichkeit und oft als schwermütig empfundener, individualisierter Naturbegegnung, wurde in der Publikumsgunst von der Düsseldorfer Schule überflügelt. Dieser Kontrast ging über die Ästhetik des malerischen Gestus hinaus. Waren bei den Düsseldorfern Geselligkeit und Kooperation Lebensprogramm, blieb Friedrich zeitlebens ein Solitär. Er war keineswegs menschenfeindlich, hielt aber unbeirrt an seinem ästhetischen Programm fest, auch, nachdem Johann Wolfgang Goethe ihm eine Negation aller positiven Elemente in der Kunst attestiert hatte - Wärme, Farbe, Leben.

Dabei hatte Goethe Friedrich zunächst geschätzt und 1805 dafür gesorgt, dass seine Sepiaarbeiten "Wallfahrt bei Sonnenaufgang" und "Fischer am See" bei einer Kunstausstellung in Weimar prämiert wurden. 1810 besuchte der Geheimrat den Maler in seinem Atelier. Doch Friedrichs Weigerung, die Wolkenkunde des Briten Luke Howard in seinen Wolkendarstellungen zu berücksichtigen, führte zu einer Entfremdung. Diese gipfelte in einer Reihe vernichtender Aufsätze, in denen Goethe sich von 1816 an extrem kritisch mit der Naturauffassung Friedrichs auseinandersetzte. Damit beendete er de facto die Karriere Friedrichs, der weiter seine einsame Furche zog, in der Hoffnung, später einmal verstanden zu werden.

In der rheinischen Schule fehlte die religiöse Aufladung, die bei Friedrich immer spürbar ist

Es gibt durchaus Ähnlichkeiten zwischen den Düsseldorfern und Friedrich. Die Naturauffassung ist in beiden Fällen hochemotionalisiert, sowohl die Dresdner als auch die Düsseldorfer waren von romantischen Dichtern wie Eichendorff, Autoren wie E.T.A Hoffmann und Walter Scott beeinflusst. Goethes Kritik richtete sich neben Friedrich im Besonderen auch auf den Düsseldorfer Carl Friedrich Lessing und seinen "Klosterhof im Schnee", in dem er Erstarrung und Leblosigkeit bemängelte.

Ernst Ferdinand Oehme: "Bergkapelle im Winter", 1842.

(Foto: Sasa Fuis/ VAN HAM Kunstauktionen GmbH&Co. KG)

In der rheinischen Schule fehlte allerdings die religiöse Aufladung, die bei Friedrich in jedem Bildelement spürbar ist. Die Düsseldorfer standen für ein Credo der l'art pour l'art. Dabei beschritten sie gekonnt den Grat zwischen der romantischen Stilisierung einer mit Burgen, Mühlen und Kapellen gespickten deutschen Landschaft und quasi-realistischer Kompositdarstellung, für die etwa Lessings "Harzlandschaft bei Regenstein" (1853) fraglos ein meisterhaftes Beispiel ist.

Bei der Betrachtung der Werke Friedrichs wird wieder einmal die intensive, immer auf Gott als höchste Instanz deutende, aber eben auch aus einem quasi-abstrakten Geist geborene Durchformung deutlich. Das "Kreuz im Gebirge" (1812) erhebt sich vor einem beiderseits einen Kirchturm flankierenden Nadelgehölz, das die Symmetrie eines Rohrschach-Tests aufweist, und das ebenso sehr auf die assoziative Mitarbeit des Betrachters setzt. Sein "Segelschiff" (1815) aus der Kunstsammlung Chemnitz segelt aus einem Dunst, der weit mehr mit dem englischen Altersgenossen William Turner gemein hat als mit dem schäumenden Opernfuror Andreas Achenbachs.

Das Zupackende des Düsseldorfer Stils gefiel dem bürgerlichen Publikum besser

Es ist interessant, im Laufe der Ausstellung nachzuvollziehen, wie die Zugänglichkeit und Umrissschärfe, das gleichsam Zupackende des Düsseldorfer Stils Friedrichs Sfumato, Innerlichkeit und Jenseitigkeit in der bürgerlichen Publikumsgunst überflügelte. Dabei war Friedrich natürlich ein überragender Zeichner. "Er fing das Bild nicht an, bis es lebendig vor seiner Seele stand", beschrieb Carl Gustav Carus, von dem ebenfalls einige Werke gezeigt werden, den Arbeitsprozess seines Freundes. "Dann zeichnete er erst flüchtig mit Kreide und Bleistift, dann sauber und vollständig mit der Rohrfeder und Tusche das Ganze auf und schritt hierauf zur Untermalung." Die ungeheuer exakten Skizzen von Bäumen und Felsen, die er zusammentrug, wurden dann zu Komponenten seiner fantastischen, im besten Sinne weihevollen Landschaften.

Der Zugriff auf die Natur als spektakuläre Staffage, für den viele Gemälde aus der Düsseldorfer Schule stehen, mag den Zeitgeschmack getroffen haben. Nach dem Besuch der Düsseldorfer Schau bleibt jedoch die geradezu undingliche Radikalität und Subjektivität Caspar David Friedrichs ungleich länger im Gedächtnis.

Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker im Kunstpalast Düsseldorf, bis 24.5., kunstpalast.de, Katalog 29,80 Euro.

© SZ/knb
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