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Ausstellung:Botschaften aus der Dunkelheit

In Marktoberdorf sind unter dem Titel "Der düstere Tag" Arbeiten von Herbert Nauderer, Martin Paulus und Duncan Swann zu sehen

Von Sabine Reithmaier

Pieter Bruegel malte seinen "Düsteren Tag" im Jahr 1565 mitten in der sogenannten Kleinen Eiszeit. Europa litt, bedingt durch einen klimatischen Wandel, unter endlosen Wintern, kurzen Sommern, Missernten, Hungersnöten und Seuchen. Vermutlich war Martin Paulus das bewusst, als ihm ein altes DDR-Kunstbuch über Bruegel in die Finger geriet. Er nahm einen Pinsel und Holzbeize und schuf, direkt auf die Buchseiten zeichnend, einen Zyklus, den er in Anlehnung an Bruegel "Der düstere Tag" nannte und der der sehr sehenswerten Ausstellung im Künstlerhaus Marktoberdorf ihren Titel gibt.

Der Landsberger ist einer von drei an sich sehr unterschiedlichen Künstlern in dieser Schau. Gemeinsam ist Martin Paulus, Herbert Nauderer und Duncan Swann eigentlich nur, dass sie figurativ arbeiten, sich der Eindeutigkeit verweigern und sie in ihrer Kunst den Menschen, seine Identität und seine Rollen hinterfragen.

"Drei Tage lang durchblätterte ich den betagten Bruegel-Band, reagierte wie in einem Wechselbad von Furor und Trance auf dessen zahllose Antlitze, ... zeichnete direkt, Blatt für Blatt, auf die Seiten des Buches", schreibt Paulus in einem Text zu seinem 2016 entstandenen Zyklus, der insgesamt 70 Arbeiten umfasst. 29 davon sind in der Ausstellung vertreten. Doch es sind auch ältere Arbeiten zu sehen, etwa aus der großartigen Serie "Reisende der Zeit". Eine Frau am Rollfeld, die einem Flugzeug nachblickt, ein Dampfer, der über einen See schippert - Bilder, die von Aufbrüchen und Sehnsüchten erzählen.

Martin Paulus’ Übermalung von Pieter Bruegels „Der düstere Tag“ gab der Ausstellung den Namen.

(Foto: Martin Paulus)

Paulus' Ausgangsmaterial sind oft historische Fotos, meist anonyme Aufnahmen aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Mit den so gefundenen Motiven setzt er sich oft nahezu obsessiv auseinander, spürt den abgebildeten Menschen nach, erzählt ihre Geschichten neu. Und obwohl er immer gegenständlich bleibt, legt sich durch sanfte Pastellfarben und Übermalungen ein weicher Schleier, eine vage Verschwommenheit über die Bilder. Lustig die Wand, die er mit Masken, gebaut aus Alltagsgegenständen, gestaltet hat. Tortenplatten verwandeln sich in Gesichter, zwei Schuhspanner und eine Sauciere mutieren zu einem Fuchskopf.

Auch Herbert Nauderer, 1958 in Fürstenfeldbruck geboren, verwendet gern Fotos, vorwiegend aus alten Familienalben, wenn auch der Schwerpunkt seiner Arbeit auf der Zeichnung liegt. Im Untergeschoß des Künstlerhauses inszeniert er seine multimediale Installation "House of Invention", im Vorjahr bereits im Haus der Kunst zu sehen. Ein dämmergrauer Kosmos aus Stellwänden, Regalen, Monitoren, Requisiten, Fotos, Film-Stills und dem teils gezeichneten, teils geschriebenen Drehbuch zum 14-Minuten-Film "Parasite Island". Überall taucht der "Mausmann" auf, Nauderers berühmt gewordene Kunstfigur, ein Anti-Held mit großen schwarzen Ohren, einer Mausmaske und einem Menschenkörper. Für den Künstler ist er ein Sinnbild für das Verlorensein des Menschen und seine Ausweglosigkeit im ewigen Kreislauf, allerdings ohne große dramatische Attitüde, sondern eher mit einem kleinen Augenzwinkern. Schon seit 2011 geistert die skurrile Figur durch das Werk des in der Nähe von Münsing lebenden Künstlers, hat sogar den Weg auf die historischen Dias gefunden, die der unentwegt ratternde Projektor ausspuckt.

Mit dabei Herbert Nauderers Film "Parasite Island" mit Sibylle Canonica.

(Foto: Herbert Nauderer)

Im Film "Parasite Island" ist der Mausmann erst der Gefangene seiner Eltern, die am Esstisch, eine dunkle Suppe löffelnd, streiten, ohne dabei auch nur einen Konflikt zu lösen. Sepp Bierbichler ist der verbal gewalttätige Vater, der die unterschwellig sadistische Mutter Sibylle Canonica anbrüllt. Irgendwann explodiert der Beziehungshorror, der Mausmann, seiner Kindheit beraubt, schlägt brutal zurück.

Viel leiser und behutsamer agiert der Brite Duncan Swann, 1969 geboren in Sheffield. In seinen Gemälden verwandeln sich ganz normale Alltagsmenschen in nummerierte Schemen. Swann ordnet seine Figuren in den großformatigen Gemälden zwar präzise an, trotzdem schweben sie im Raum, wirken aufgrund von Übermalungen trotz aller individuellen Attribute maskenhaft. Manche Gesichter kreist er ein, andere anonymisiert er mit einem Farbstrich - die Kriterien für den Selektionsprozess bleiben unklar. Sicher ist nur: Der Mensch kontrolliert diesen Prozess nicht, die Welt ist für ihn nicht berechenbar.

Die Installation "Interior Spaces I" zeigt Swann als Bildhauer. Kleine Menschen, geformt aus Wachs, sitzen, liegen oder stehen vor Bildern oder Spiegeln. Alles ganz normal, wären da nicht die eigenartigen Gebilde, die auf ihren Köpfen lasten. Wolken, Wülste, Blasen, Kugeln - die Menschen tragen schwer an ihren Gedanken und Erinnerungen. Wegschieben lassen sie sich nicht. Spätestens jetzt denkt man an den Namensvetter Swann in Marcels Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", ein Roman, der ebenfalls um Erinnerungen kreist und um Menschen, die hinter Masken und Rollen fast verschwinden. In Swanns "Beautiful souls" (2020) bleiben nur mehr Augenpaare zurück, alles andere ist hinter zarten Farbschleiern verschwunden. Fragend mustern sie den Betrachter, gerade so, als würden sie über Martin Paulus' Schlusssatz zu seiner Bruegel-Arbeit sinnieren, der da lautet: "Zeichnet sich denn an unserem Horizont ein letzter düsterer Tag ab?"

Duncan Swanns Ölgemälde "Inner voices (ii)"

(Foto: Duncan Swann)

Der düstere Tag - Nauderer, Paulus, Swann, bis 17.5., Künstlerhaus Marktoberdorf

© SZ vom 15.02.2020

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