Ausstellung: Bilder im Kopf – Willy Brandt

Kein Bild kann die Wahrheit sagen, allenfalls einen Ausschnitt von dem zeigen, was mehr oder weniger zufällig geschieht. Bis heute streiten sich die Deuter darum, ob Willy Brandt den Kniefall geplant hatte, den er 1970 im ehemaligen Warschauer Ghetto vollführte. In seinen Erinnerungen besteht Brandt darauf, dass es spontan geschehen sei: "Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt."

Das Bild jedenfalls kam dem Verstummen zu Hilfe. Der kniende Brandt ging um die Welt. Die Ausstellungsmacher in Berlin halten die Geste für eine Inszenierung, und sie ist es nicht zuletzt durch unterschiedliche Kamera-Augen geworden. Die bekannteste Aufnahme stammt von Axel Springer, dem Verleger-Sohn, der sich als Fotograf Sven Simon nannte. Niemand bekämpfte Brandts Ostpolitik, das Bemühen, sich 25 Jahre nach dem Ende des Kriegs mit Polen und der Sowjetunion auszusöhnen, mit mehr Wut als die Zeitungen des Springer-Verlags. Brandt und die Seinen waren für die Autoren von Bild und Welt "Verzichtspolitiker", "Verräter", und sie betrieben den "Ausverkauf" Deutschlands. Die demütige Geste Brandts konnte Axel Springer senior immerhin anerkennen, ansonsten ließ er den Kampf gegen Brandt und die Ostverträge munter fortsetzen. Als hätte es diese Auseinandersetzungen nie gegeben, warb Bild 2007 in einer Eigen-Kampagne mit Brandts Kniefall und zeigte, dass ihr keine Scham die Sprache verschlagen könnte: "Die Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht."

Bild: AP 25. Mai 2010, 14:192010-05-25 14:19:27 © sueddeutsche.de/nvm/kar