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Ausstellung: Bilder im Kopf:Wahre Lügen

Willy Brandt kniet im ehemaliegen Warschauer Ghetto, Benno Ohnesorg wird erschossen, ein NVA-Soldat springt über die Mauer in den Westen: Eine Ausstellung in Berlin zeigt Bilder, die Geschichte machten.

Willi Winkler

7 Bilder

Als Abbild sogar auf der Schuhwichse: Reichspräsident Paul von Hindenburg (rechts), hier mit Adolf Hitler am 21. März 1933, dem "Tag von Potsdam".

Quelle: dpa

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Das obszönste Bild hängt gleich am Anfang, und obszön ist es, weil es ein Idyll zeigt: Vier Männer sind um eine Frau und ein Fahrrad gruppiert, die Sonne scheint, das Wasser in der Bildmitte glitzert wie sonst nur bei Ferien auf Saltkrokan, und die jungen Leute unterhalten sich mit äußerster Gelassenheit, während im Hintergrund eine riesenhafte Wolke über das südliche Manhattan treibt. Es ist der 11. September 2001 in New York, aber so schön, als wäre nicht eben eine Katastrophe passiert.

Der Fotograf Thomas Hoepker war dabei, aber er hielt dieses Bild fast fünf Jahre zurück, weil er glaubte, "es verzerrt die Realität". Die Realität: Das waren Menschen, die sich aus den Hochhäusern stürzten, Feuerwehrleute, die sich eine tödliche Rauchvergiftung holten, das war eine allgemeine Schocktrauer, die bald in patriotischen Trotz überging. Ein zufällig gefundenes Motiv mit Leuten, für die dieser brutale Anschlag längst kein Grund war, sich nicht zu einem Schwätzchen in der Sonne zusammenzuhocken, war nach dem 11. September verboten. Stattdessen gab es Bilder des Terrors zu sehen: Rauchwolken, schreiende Menschen und immer wieder die Explosion, mit der das zweite Flugzeug ins World Trade Center gerammt wurde.

Die Ausstellung "Bilder im Kopf" im Forum Willy Brandt in Berlin-Mitte zeigt einige der bekanntesten Bilder des 20. Jahrhunderts, und es zeigt sie als Inszenierung. Der "Tag von Potsdam" gehört dazu, als sich Hindenburg und Hitler im Sturz der Weimarer Demokratie verbrüderten, der Junge, der 1943 mit erhobenen Händen vor dem SS-Trupp im Warschauer Ghetto steht, der Händedruck von Grotewohl und Pieck, der 1946 die Zwangsvereinigung von SPD und KPD besiegelte. Es sind Bilder, die unbefragt in jedes Geschichtsbuch aufgenommen sind und das Wissen der Nachwelt prägen.

Benno Ohnesorg

Quelle: SZ

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In der Ausstellung wird das Bild als Inszenierung, als Propagandamittel, als Waffe gezeigt. Es geht um Kamerawinkel, Bildausschnitte, Perspektivenwechsel und natürlich immer um das Medium, das die Fotos verbreitet.

Ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, hat Jürgen Henschel am Abend des 2. Juni 1967 die ikonische Pietà nachgestellt, nur ist es nicht Maria, die ihren toten Sohn, sondern eine hilflose Studentin, die den sterbenden Benno Ohnesorg im Arm hält. Henschel hatte diesen klassischen Topos der Kunstgeschichte bereits im Kopf, ehe er ihn tatsächlich fotografiert. Auch wenn seit dem vergangenen Jahr bekannt ist, dass der Westberliner Polizist, der Ohnesorg umbrachte, auch noch als IM für die Ostberliner Staatssicherheit wirkte, bleibt das religiöse Andachtsbild der ermordeten Unschuld.

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Quelle: ap

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Ausstellung: Bilder im Kopf:30. April 1945

Bilder können auch lügen. Um elf Uhr abends am 30. April 1945, sieben Stunden nachdem sich Hitler im Bunker umgebracht hatte, stiegen sowjetische Soldaten auf den brennenden Reichstag und hissten die rote Fahne. So wichtig diese Aktion war, es konnte sie keiner sehen. Es war dunkel, und kein Fotograf hat die Soldaten begleitet. Stalin aber wünschte den Triumph im Bild. Deshalb stieg Jewgeni Chaldej zwei Tage später noch einmal auf den Reichstag und nahm das Bild auf, das die Soldaten der Roten Armee als Sieger der Geschichte zeigen sollte. Das ging nicht ohne Fälschung: Die Uhr, die ein Soldat im Siegesrausch geraubt hatte, musste wegretuschiert werden, und die Fahne war in der schwarz-weißen Aufnahme nicht farbig genug, sodass sie, um den Triumph vollkommen zu machen, nachkoloriert wurde.

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Quelle: ag.ap

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Ausstellung: Bilder im Kopf:Iwo Jima

Auch das fast mythische Bild, auf dem sechs amerikanische Soldaten bei der Rückeroberung des Pazifiks in Iwo Jima ihre Fahne aufrichten, ist für die ehrfürchtige Nachwelt gestellt und wurde ein weiteres Mal nachgestellt, als der Fotograf die Feuerwehrleute am Ground Zero zu einer ähnlich heroischen Geste zusammenführte.

Mauersprung

Quelle: online.sdekultur

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Ausstellung: Bilder im Kopf:Conrad Schumann

Alle Bilder lügen, aber manche können doch die Wahrheit zeigen. Selbst die realistischste Reportage bedarf der Inszenierung. Zwei Tage nach der Abriegelung Westberlins durch das, was die DDR dann den "Antifaschistischen Schutzwall" nannte, floh am 15. August 1961 der NVA-Soldat Conrad Schumann mit einem Satz über den schon ausgerollten Stacheldraht in den Westen. So eindrucksvoll dieser Sprung in die Freiheit war, es war auch ein Sprung für die wartenden Kameras. Schumann hatte den Bildreportern vorher klar zu erkennen gegeben, dass er ihnen gleich Material für historische Aufnahmen lief

Kniefall Willy Brandts in Warschau, 1970

Quelle: AP

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Ausstellung: Bilder im Kopf:Willy Brandt

Kein Bild kann die Wahrheit sagen, allenfalls einen Ausschnitt von dem zeigen, was mehr oder weniger zufällig geschieht. Bis heute streiten sich die Deuter darum, ob Willy Brandt den Kniefall geplant hatte, den er 1970 im ehemaligen Warschauer Ghetto vollführte. In seinen Erinnerungen besteht Brandt darauf, dass es spontan geschehen sei: "Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt."

Das Bild jedenfalls kam dem Verstummen zu Hilfe. Der kniende Brandt ging um die Welt. Die Ausstellungsmacher in Berlin halten die Geste für eine Inszenierung, und sie ist es nicht zuletzt durch unterschiedliche Kamera-Augen geworden. Die bekannteste Aufnahme stammt von Axel Springer, dem Verleger-Sohn, der sich als Fotograf Sven Simon nannte. Niemand bekämpfte Brandts Ostpolitik, das Bemühen, sich 25 Jahre nach dem Ende des Kriegs mit Polen und der Sowjetunion auszusöhnen, mit mehr Wut als die Zeitungen des Springer-Verlags. Brandt und die Seinen waren für die Autoren von Bild und Welt "Verzichtspolitiker", "Verräter", und sie betrieben den "Ausverkauf" Deutschlands. Die demütige Geste Brandts konnte Axel Springer senior immerhin anerkennen, ansonsten ließ er den Kampf gegen Brandt und die Ostverträge munter fortsetzen. Als hätte es diese Auseinandersetzungen nie gegeben, warb Bild 2007 in einer Eigen-Kampagne mit Brandts Kniefall und zeigte, dass ihr keine Scham die Sprache verschlagen könnte: "Die Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht."

Hanns-Martin Schleyer

Quelle: ag.ap

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Ausstellung: Bilder im Kopf:Hanns Martin Schleyer

1977 entführten Terroristen, die sich als Angehörige der Roten Armee bezeichneten, den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Es begann ein Kampf um die Bilderhoheit. Die Regierung erwirkte eine Nachrichtensperre, doch dann gelangte das Foto, das Schleyer als "Gefangenen der RAF" auswies, über französische Agenturen in die Tagesschau. Die RAF hatte der Bundesrepublik den Krieg erklärt, und das Foto war der triumphale Beweis ihrer Macht. Für den Schriftsteller Friedrich Christian Delius war das "Skandalon" ein anderes: "Nie zuvor hatte man in Deutschland einen SS-Mann leiden sehen." Und doch nahm das Bild des gedemütigten Gefangenen die Bevölkerung für den bis dahin wenig geliebten Schleyer ein. Die RAF verlor ihren Kampf um das wahre Bild und am Ende den Kampf mit dem Staat.

Das wahre Bild gibt es nicht. Was aber zeigt Thomas Hoepkers Bild des 11. September? Die Wahrheit, und nichts als die bittere Wahrheit: Das Leben geht weiter, aber nur für die Lebenden.

Die Ausstellung "Bilder im Kopf" ist bis 12. September im Forum Willy Brandt in Berlin-Mitte zu sehen und geht dann auf Wanderschaft. Der Katalog ist bei DuMont erschienen und kostet 19,95 Euro

© sueddeutsche.de/nvm/kar
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