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Ausstellung:"Aaaugh" klingt doch viel subtiler als "Pow"

Snoopy und Charlie Brown sind Kreaturen einer Neurose: Das Londoner Somerset House beleuchtet ihren Schöpfer Charles M. Schulz.

Wenn man kein Freund des Konzeptes säkularer Reliquien ist, dürfte man diesem alten, zerknautschen Baseballhandschuh da in der Vitrine allenfalls mit mildem Interesse begegnen, auch wenn man weiß, dass er früher Charles M. Schulz gehörte. Und doch ist es faszinierend zu wissen, dass die Hand, die darin steckte, alle 17 897 "Peanuts"-Strips zeichnete, welche im Laufe eines knappen halben Jahrhunderts in mehr als 2500 Zeitungen und 75 Ländern publiziert wurden. Der überdimensionierte Lederhandschuh ist im ersten Raum der großen Ausstellung "Good Grief, Charlie Brown" des Londoner Somerset House zu sehen. Was oberflächlich betrachtet wie ein publikumsfreundlicher Winter-Blockbuster für die ganze Familie daherkommt, erweist sich, keineswegs zum Nachteil der Schau, als etwas komplexer. Die Besucher erwartet vielmehr ein ehrgeiziger, umfassender Mix aus der Betrachtung von Schulz' eigenem Leben und der Würdigung der ungeheuren kulturellen und sozialen Wirkung, die die "Peanuts" hatten und bis heute haben.

In den Sechzigerjahren wurde Peppermint Patty zu einem feministischen Emblem

Charles M. Schulz war ein komplizierter Mann. Geboren 1922 in Minneapolis als Sohn eines Deutschen und einer Norwegerin, zu der er ein schwieriges Verhältnis hatte, betrachtete er sich zeitlebens trotz aller Erfolge als ungeliebt und zurückgewiesen. Die Mutter, die er als überbehütend und distanziert zugleich empfand, starb 1943 an Gebärmutterkrebs, kurz bevor er zum Kriegsdienst eingezogen wurde - ein traumatisches Ereignis, das, wie viele weitere, weit weniger bedeutende Verluste und vermeintliche Niederlagen, unterschwellig in seine Arbeit einfloss. Schon in den Dreißigerjahren hatte er, der obsessiv Comicstrips wie George Herrimans "Krazy Kat" las, erste Versuche gemacht, eigene Cartoons zu publizieren.

Nach dem Krieg nahm Schulz an Zeichen-Fernkursen teil und hatte 1950 seinen ersten Erfolg mit "Li'l Folk", einem "Peanuts"-Vorläufer, der über die Firma United Feature Syndicate (UFS) an diverse Zeitungen in den ganzen USA verkauft wurde.

Der spätere Titel "Peanuts", den er wegen seiner scheinbaren Inhaltsleere anfangs nicht mochte, wurde ihm von UFS eher aufgezwungen. Ihren zeitlosen Charme entwickelten die Figuren erst im Lauf der Fünfzigerjahre, in denen Schulz auch lautmalende Wörter wie "Sigh" und "Aaaugh" und eben Ausrufe wie "Good Grief" entwickelte, die subtiler waren als das "Blam" der Superhelden-Comics.

In Snoopy, Woodstock, Charlie Brown und den anderen Helden nahmen die Sehnsüchte des Künstlers Gestalt an. Abbildungen: Peanuts

In London sind kleine Clips aus TV-Interviews und -Porträts zu sehen, in denen Schulz über seine Arbeitsroutinen Auskunft gibt, und sein Handwerkszeug: dreilagiges Strathmore-Papier und Esterbrook-Radio-914-Federn. Vor allem aber sind dankenswerterweise unzählige Originale der "Peanuts"-Strips selbst ausgestellt. Zeitlos und weitgehend kulturübergreifend macht sie vor allem das Angebot, das sie uns selbst machen: uns mit mindestens einem von ihnen zu identifizieren. Etwa mit der autoritären Lucy, dem philosophischen Linus, dem Beethoven-Fan Schroeder, mit Tomboy Peppermint Patty und Snoopy oder Woodstock (der beim Publikum zunächst nicht gut ankam). Und, natürlich, mit dem trotz aller kosmischen Ungerechtigkeit stets hoffnungsvollen Charlie Brown. Das ist der "anständige, an andere denkende kleine Junge", wie Schulz ihn selbst charakterisierte. Immer wieder treten sie alle in vertrauten Situationen auf und mit Pointen, die man oft schon lange kennt - und doch amüsieren und berühren sie stets aufs Neue.

Während die Schau das psychologische Hinterland ihres Schöpfers nie so tief auslotet, dass der Besucher wirklich erfassen könnte, was für ein verschlossener, trotz seines riesigen Erfolgs seltsam gekränkter Mensch Charles Schulz (auch als Ehemann und Familienvater) war, wird das existenzialistische Element seiner Arbeit eingehend gewürdigt. Die Neurosen und Sehnsüchte des Schöpfers nehmen in den Peanuts Gestalt an. So träumte Schulz davon, ein großer Sportstar zu werden - Charlie Browns permanentes Versagen als Schlagmann beim Baseball, seine Frustration, wenn Lucy zum tausendsten Mal den Football wegzieht, bevor er ihn treten kann, darf durchaus als Verarbeitung dieses nie erfüllten Wunsches gelten. Aber auch tiefer sitzende Ängste wurden zu permanenten Themen. Zum Beispiel Linus' Furcht, seine Eltern könnten mit unbekanntem Ziel umziehen, während er im Ferienlager ist, oder sein ewiges Warten auf den "Großen Kürbis" vor Halloween, der niemals auftaucht - wie Becketts Godot.

Charlie Brown ist ein anständiger Junge. Und seine Pointen berühren aufs Neue.

(Foto: Peanuts)

"Good Grief, Charlie Brown" betrachtet eingehend Schulz' Einfluss auf die Gegenkultur der Sechzigerjahre - es gab eine satirische "Snoopy for President"-Kampagne, Peppermint Patty wurde zu einem feministischen Emblem und einer Ikone der lesbischen Gay-Rights-Bewegung. Auch das untrügliche Gespür des Zeichners für die grenzenlose Vermarktbarkeit seiner Schöpfungen wird deutlich. Spielzeuge, Kleidung und Geschirr waren nur der Anfang eines gigantischen Merchandise-Imperiums. Schulz, aus der unteren Mittelschicht stammend, nahm alles mit, kämpfte aber zugleich mit den ethischen Implikationen von Ford-Autowerbung mit Peanuts-Thema.

Schultz fühlte sich als Künstler nie anerkannt

Ein weiterer Bereich ist Arbeiten zeitgenössischer, meist britischer Künstler gewidmet, die von den Peanuts inspiriert wurden, darunter eine riesige gelbe Strickdecke mit dem Zickzackmuster von Charlie Browns Hemd und ein anatomischer Querschnitt durch einen Snoopy aus Kunstharz. Man kann nur darüber spekulieren, was Charles M. Schulz von den einzelnen Werken gehalten hätte. Sein Einfluss war jedenfalls sicher nicht geringer als der Andy Warhols; Figuren wie Keith Haring wären ohne die "Peanuts" nicht denkbar gewesen.

Dabei war eine der zahlreichen Kränkungen in Charles M. Schulz' Leben, dass er sich nie als wirklicher Künstler anerkannt fühlte. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2000 sagte er, er wäre gern als der realistische Maler Andrew Wyeth zur Welt gekommen statt als "Zeichnungszeichner". Doch man muss nur die Art betrachten, wie seine Gestalten die Ellbogen heben, wie Snoopy beim Schlittschuhlaufen die Augenbraue lupft, oder den Effet, mit dem Charlie Brown am von Lucy entzogenen Football vorbei und in die Luft rauscht, um zu wissen: Schulz' reduzierter Bildsprache, der trügerischen Einfachheit und Wiedererkennbarkeit seines Personalstils, vor allem aber der tiefen Menschlichkeit seiner kindlichen Geschöpfe gebührt ein Ehrenplatz in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Good Grief, Charlie Brown! Somerset House, London. Bis 3. März. Somersethouse.org.uk, Katalog 20 Pfund.