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Ausstellung "1968" in Wolfsburg:Schwarz gekleidete Engel mit Hermès-Uhren

Auch als "embedded journalist" bei der ersten Reise eines Papstes nach Südamerika fängt Lebeck die Hoffnung ein, die der symbolische Besuch von Paul VI. für die Kolumbianer bedeutete. In dem Jahr, als sich die Kirche den Nöten der Armen zuwandte und die Konferenz von Medellin der lateinamerikanischen Befreiungstheologie die entscheidenden Impulse gab, ist die Sehnsucht nach Zuwendung und Gerechtigkeit höchst lebendig. Lebeck findet sie vor allem in den Szenen des Massengottesdienstes, den Papst Paul in Bogota zelebrierte - wobei die aussagestärksten Bilder nicht den Weg in den Stern fanden, so wie die meisten der hier gezeigten Motive.

Tatsächlich wurden 91 der in Wolfsburg ausgestellten 110 Fotografien nie gedruckt, entweder weil die Fotoredaktion des Stern andere visuelle Schwerpunkte setzte oder weil die Geschichten überhaupt nicht erschienen.

Die beeindruckenden Farbporträts von Katholiken und Protestanten in Belfast, die Ende 1968 trotz Stacheldrahts und Militärpräsenz einen erstaunlich gelassenen und lebensfrohen Eindruck vermitteln, wurden erst 1969 unter eine Reportage gemischt, als die interkonfessionelle Gewalt in Nordirland wirklich ausbrach. Oder Lebecks Künstlerporträts - unter anderem von Joseph Beuys und seiner Familie -, die er zur Eröffnung der 4. Documenta schoss, kehrten ungesehen zurück ins Archiv, weil dieses Ereignis dem Stern 1968 keinen Artikel wert war.

Seine weltberühmten Motive aus diesem Jahr gelten dann aber doch einem historischen Mord. Auf der Trauerfeier und beim Begräbnis von Robert Kennedy fotografiert Lebeck ein Land in Verzweiflung. Zentral für diese Erschütterung steht das Bild von Jackie Kennedy und ihrer Schwester Lee Radziwill als schwarz gekleidete Engel mit Hermès-Uhren, wie sie in der St. Patrick Cathedral in New York zum Sarg blicken.

Dieses Foto (das der Stern aus Layout-Gründen seitenverkehrt druckte), wurde bald ikonisch. Denn das Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy, der den Vietnamkrieg beenden wollte, verdunkelte die freiheitliche Option der USA schlagartig und leitete die Nixon-Ära ein. Lebecks Doppelporträt erfasst die angstvolle Enttäuschung mit einer bildlichen Kraft, vergleichbar Paul Klees "Angelus Novus", den Walter Benjamin einst als "Engel der Geschichte" bezeichnete, den ein fürchterlicher Sturm in die Zukunft bläst.

Damals ging es um Weltentwürfe und Weichenstellungen und die Gewalt des Schlussstrichs

Die von Ralf Beil und Alexander Kraus aus dem Robert-Lebeck-Archiv zusammengestellte und ausführlich historisch eingeordnete Schau in Wolfsburg erzählt sehr detailliert und vielstimmig von einer Zeit vor 50 Jahren, als es um Weltentwürfe und historische Weichenstellungen ging, um drängende Hoffnungen und die Gewalt des Schlussstrichs. Doch gerade weil die meisten dieser Bilder die Sensationskontrolle der Stern-Redaktion nicht passierten, liefern sie in der historischen Distanz ein subtiles, genaues und sehr persönliches Bild dieses vermeintlichen Schicksalsjahres.

Und der Protest, den Robert Lebeck so hämisch schmähte, er findet sich in diesen Reportagebildern beharrlich ein in all seiner Lebendigkeit und Trauer. Lebecks freche Behauptung "Das Jahr der Studentenproteste fand ohne mich statt" wird durch seine eigenen Bilder widerlegt. Dies wiederum ist nichts, wogegen man protestieren müsste.

Robert Lebeck. 1968. Kunstmuseum Wolfsburg, bis 22. Juli. Katalog (Steidl Verlag) 38 Euro.

© SZ vom 03.04.2018/cag
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