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Ausstellung "1968" in Wolfsburg:Bilder voll trauriger Bitterkeit

PRESSEBILDER - 
ROBERT LEBECK. 1968

Heitere Aufnahme mit bitterem Beigeschmack - Robert Lebecks Motiv eines Fotomodells

(Foto: Archiv Robert Lebeck)

Der Fotograf Robert Lebeck behauptete, das Protestjahr 1968 habe ohne ihn stattgefunden. Eine Ausstellung in Wolfsburg zeigt, dass das zum Glück nicht stimmt.

Von Till Briegleb

Robert Lebeck hatte keine Zeit für Protest, nicht mal im Jahr 1968. Der Fotoreporter des Stern war einfach zu beschäftigt. Er produzierte 24 Reportagen in Kolumbien und New York, in Belfast und auf der Kasseler Documenta. Er drückte 8900-mal auf den Auslöser seiner Kameras, zumindest für die Bilder, die er dann auf Kontaktbögen archivierte. Und er hatte auch nicht so wahnsinnig viel Respekt vor den Studenten auf den Straßen und den Parolen, die sie skandierten. Sie erinnerten den damals fast Vierzigjährigen in ihrer "Hilflosigkeit an ein Rudel verlorener Wölfe, das den Mond anheult".

Robert Lebeck mangelte es weder an Geld noch an Aufträgen und Anerkennung, außerdem war er Beobachter, Chronist, Bildvagabund, und nicht selbst Akteur. Warum also "Dubček, Svoboda" brüllen, oder "Enteignet Springer!", wo er doch selbst für Axel Springers Magazin Kristall gearbeitet hatte?

Und doch: Deutschlands vielleicht berühmtester Reportagefotograf fing instinktsicher die Stimmung jenes schicksalhaften Moments ein, als die Nachkriegsepoche nach einigen euphorischen Monaten der großen Hoffnung umschlug in die bleierne Zeit stagnierender Systeme. Und erstaunlicherweise befand sich der globale Hotelbewohner häufig an wichtigen Orten, als noch die frühlingshafte Leichtigkeit großer Möglichkeiten in der Luft lag und noch keine Schüsse gellten, um die Unterdrückung wieder in Kraft zu setzen.

Er zeigte strahlende Gesichter, friedvolle Selbstermächtigung. Die Panzer kamen erst danach

Man könnte natürlich sagen, Lebeck hat die eigentlichen historischen Ereignisse des Jahres verpasst, jene Augenblicke, als Steine flogen, Panzer rollten und die Gewalt eskalierte. Aber seine Bilder aus dem Jahr 1968, denen derzeit eine große Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg gewidmet ist, bewahren die Träume, die den weltweiten Ruck überhaupt ausgelöst haben. Zum Beispiel in Prag, wo Robert Lebeck im April des Schicksaljahres ein paar Tage fotografierte, bevor der Warschauer Pakt mit einer halben Million Soldaten dort einmarschierte. Seine Fotos zeigen die glücklichen, entspannten Gesichter einer Bevölkerung, die sich endlich frei versammeln konnte, unzensierte Zeitungen las und vor Freude strahlte über ihre verständnisvollen Führer.

Durch das Wissen, was danach kam, verwandelt sich Lebecks beschwingtes Porträt des Prager Frühlings natürlich auch in ein bitter-trauriges Dokument enttäuschter Hoffnungen. Ebenso wie seine Schnappschüsse von Rudi Dutschke, den er zufällig in der Hotellobby traf, als dieser zu einem Friedenskongress in der Karls-Universität wollte - wenige Tage vor dem Attentat auf ihn.

Lebeck fotografierte heiter gestimmte Demonstranten auf der Prager Burg mit Klampfe, bemalten Lederjacken und unterstützenden Plakaten für den Reformkurs, aber auch Männer in der Trinkhalle und lachende Arbeiterinnen in der Fabrik. Und so gelang ihm ein Porträt der blühenden Kraft friedvoller Selbstermächtigung, die es vielleicht lieber zu erinnern lohnt als das Panzerkettengerassel vom 21. August, dem 20 Jahre Diktatur folgten.

Schwarz gekleidete Engel mit Hermès-Uhren

Auch als "embedded journalist" bei der ersten Reise eines Papstes nach Südamerika fängt Lebeck die Hoffnung ein, die der symbolische Besuch von Paul VI. für die Kolumbianer bedeutete. In dem Jahr, als sich die Kirche den Nöten der Armen zuwandte und die Konferenz von Medellin der lateinamerikanischen Befreiungstheologie die entscheidenden Impulse gab, ist die Sehnsucht nach Zuwendung und Gerechtigkeit höchst lebendig. Lebeck findet sie vor allem in den Szenen des Massengottesdienstes, den Papst Paul in Bogota zelebrierte - wobei die aussagestärksten Bilder nicht den Weg in den Stern fanden, so wie die meisten der hier gezeigten Motive.

Tatsächlich wurden 91 der in Wolfsburg ausgestellten 110 Fotografien nie gedruckt, entweder weil die Fotoredaktion des Stern andere visuelle Schwerpunkte setzte oder weil die Geschichten überhaupt nicht erschienen.

Die beeindruckenden Farbporträts von Katholiken und Protestanten in Belfast, die Ende 1968 trotz Stacheldrahts und Militärpräsenz einen erstaunlich gelassenen und lebensfrohen Eindruck vermitteln, wurden erst 1969 unter eine Reportage gemischt, als die interkonfessionelle Gewalt in Nordirland wirklich ausbrach. Oder Lebecks Künstlerporträts - unter anderem von Joseph Beuys und seiner Familie -, die er zur Eröffnung der 4. Documenta schoss, kehrten ungesehen zurück ins Archiv, weil dieses Ereignis dem Stern 1968 keinen Artikel wert war.

Seine weltberühmten Motive aus diesem Jahr gelten dann aber doch einem historischen Mord. Auf der Trauerfeier und beim Begräbnis von Robert Kennedy fotografiert Lebeck ein Land in Verzweiflung. Zentral für diese Erschütterung steht das Bild von Jackie Kennedy und ihrer Schwester Lee Radziwill als schwarz gekleidete Engel mit Hermès-Uhren, wie sie in der St. Patrick Cathedral in New York zum Sarg blicken.

Dieses Foto (das der Stern aus Layout-Gründen seitenverkehrt druckte), wurde bald ikonisch. Denn das Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy, der den Vietnamkrieg beenden wollte, verdunkelte die freiheitliche Option der USA schlagartig und leitete die Nixon-Ära ein. Lebecks Doppelporträt erfasst die angstvolle Enttäuschung mit einer bildlichen Kraft, vergleichbar Paul Klees "Angelus Novus", den Walter Benjamin einst als "Engel der Geschichte" bezeichnete, den ein fürchterlicher Sturm in die Zukunft bläst.

Damals ging es um Weltentwürfe und Weichenstellungen und die Gewalt des Schlussstrichs

Die von Ralf Beil und Alexander Kraus aus dem Robert-Lebeck-Archiv zusammengestellte und ausführlich historisch eingeordnete Schau in Wolfsburg erzählt sehr detailliert und vielstimmig von einer Zeit vor 50 Jahren, als es um Weltentwürfe und historische Weichenstellungen ging, um drängende Hoffnungen und die Gewalt des Schlussstrichs. Doch gerade weil die meisten dieser Bilder die Sensationskontrolle der Stern-Redaktion nicht passierten, liefern sie in der historischen Distanz ein subtiles, genaues und sehr persönliches Bild dieses vermeintlichen Schicksalsjahres.

Und der Protest, den Robert Lebeck so hämisch schmähte, er findet sich in diesen Reportagebildern beharrlich ein in all seiner Lebendigkeit und Trauer. Lebecks freche Behauptung "Das Jahr der Studentenproteste fand ohne mich statt" wird durch seine eigenen Bilder widerlegt. Dies wiederum ist nichts, wogegen man protestieren müsste.

Robert Lebeck. 1968. Kunstmuseum Wolfsburg, bis 22. Juli. Katalog (Steidl Verlag) 38 Euro.

© SZ vom 03.04.2018/cag
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