Süddeutsche Zeitung

Ausreise aus der DDR:Deutsche mit Migrationshintergrund

"Mauergesellschaft": Der Historiker Frank Wolff erzählt die Geschichte der Ausreisebewegung aus der DDR.

Von Frank Bösch

Die Flucht über die Mauer zählt zu den heroischen Erzählungen des geteilten Deutschlands. Ein typischer Weg aus der DDR war sie nicht. Die meisten Ausreisewilligen kämpften sich vielmehr mit Anträgen durch den bürokratischen Dschungel der SED. Auch dies war ein Wagnis mit ungewissem Ausgang, das oft Repressionen bescherte. Immerhin 570 000 DDR-Bürger gelangten so nach dem Mauerbau in die Bundesrepublik. Wie die Regeln für eine derartige Ausreise ausgehandelt wurden, zeigt Frank Wolff in seinem neuen Buch.

Die fast tausendseitige Habilitationsschrift ist über weite Strecken sicher kein Lesevergnügen. Allein neunzig Seiten benötigt die Einleitung, um das Thema zu umreißen, und die Kapitel verlieren sich oft in den Details bürokratischer Ränkespiele. Dennoch liest man vieles mit Gewinn. Wegweisend ist bereits der Ansatz, die innerdeutschen Übersiedlungen als Teil der Migrationsgeschichte zu fassen.

Konzeptionell spürt Wolff Migrationsregimen nach, also grenzübergreifenden Aushandlungsprozessen zwischen Fluchtwilligen, Politikern und medialer Öffentlichkeit über Ausreiseformen. Dieses hartnäckige Ringen um Regeln setzte gleich nach dem Mauerbau ein und veränderte sich vielfältig.

Bekanntlich ließ die SED zunächst fast nur "Arbeitsunfähige" ausreisen, besonders Rentner und schwer Erkrankte. Wer genau raus durfte, war unklar und umkämpft. Wolff zeigt, wie die SED und das Innenministerium in den Bezirken über Einzelfälle stritten. Zumindest einzelnen "Arbeitsfähigen" erlaubten sie die Ausreise, wenn es um eine Zusammenführung der engsten Familie ging. Die SED ließ freilich die Regeln für die Ausreise bewusst vage und inkonsistent, um ihre Macht auszuspielen und zu disziplinieren. Mal kamen besonders Verzweifelte frei, mal entließ sie systemtreue Menschen mit Partnern im Westen, die dort dienlich sein sollten. Kindern von "Republikflüchtigen" verweigerte sie meist die Ausreise. 1964 kamen etwa 2500 zurückgelassene Kinder in Heime, rund 1500 zu Angehörigen. Damit erpresste die SED mitunter erfolgreich eine Rückkehr der Geflohenen.

Das Buch zeigt mit zahlreichen selbst erstellten Statistiken, wer wann die DDR verlassen durfte. Ab Mitte der 1970er-Jahre stellten immer mehr "Arbeitsfähige" Anträge, mit wachsendem Erfolg. Weniger die KSZE-Schlussakte 1975 als den Grundlagenvertrag zwei Jahre zuvor sieht Wolff als Ausgangspunkt dafür, da die Annäherung den Ausreisewunsch und das Selbstbewusstsein gesteigert habe. Die internationale Anerkennung der DDR zwang die SED, stärker internationale Normen einzuhalten. Dabei zitiert das Buch zahllose Anträge, die sich laienhaft auf Menschenrechte, internationale Vereinbarungen und die KSZE-Akte beriefen.

Ab 1983 verschafften sich viele Ausreisewillige öffentlich Gehör

Weniger die Politik, Medien oder Amnesty International, als die vielen Eingaben und Anträge nagten damit an den Papiermauern der SED. Erich Honecker zeichnete 200 bis 400 Anträge pro Monat persönlich ab. Dies unterstreicht die politische Relevanz jeder Ausreise, aber auch den hilflosen Versuch der SED, die Kontrolle hierüber zu bewahren. Dass die SED 1984 mit einem Schlag 40 000 Bürger entließ, um den aufgestauten Berg von Anträgen abzubauen, schuf neue Sehnsüchte. Vor allem durften nun überwiegend Arbeitsfähige mit Kindern die DDR verlassen.

Viele Antragssteller wandten sich nach abgelehnten Anträgen nicht nur direkt an Honecker, sondern auch an westliche Fürsprecher. Ihre Appelle an Politiker oder die Gesellschaft für Menschenrechte hatten freilich selten Erfolg. Gerhard Löwenthal präsentierte in seinem "ZDF-Magazin" regelmäßig im "Hilferuf von drüben" Einzelschicksale. Dies, so Wolff, bescherte zwar eher Nachteile für die dort gezeigten Menschen, hielt aber die Ausreise als Thema präsent. Bei den Bundesbürgern sank jedoch die Akzeptanz für die privilegierte Aufnahme aus der DDR. 1984 befürworteten nur noch 43 Prozent der Westdeutschen ein besonderes Zuwanderungsrecht für sie. Die sozialliberale Regierung thematisierte die Ausreisewellen öffentlich kaum, um die politische Annäherung nicht zu gefährden. Und auch Unionspolitiker betonten, man wolle die DDR nicht entvölkern. Und unter den zahllosen linksalternativen Menschenrechtsgruppen in Westberlin setzte sich keine mehr für die DDR ein. Ihnen lag Nicaragua näher als die Ausreisewilligen hinter der Mauer.

In jüngster Zeit wurde erneut diskutiert, welche Rolle die Flüchtlinge für den Mauerfall hatten. Wolff plädiert dafür, sie als Teil der Opposition der DDR zu fassen, auch wenn die Fluchtmotive vielfältig waren. So zeigt er einzelne Verbindungen zu Oppositionsgruppen, insbesondere zu Kirchenkreisen. Ab 1983 verschafften sich viele Ausreisewillige in der DDR öffentlich Gehör. Kontakte untereinander seien aber selten und lokal begrenzt geblieben. Die Ausreisebewegung sei für die DDR-Opposition wichtiger gewesen als umgekehrt. Dennoch war die Flucht für den Niedergang der sozialistischen Staaten bedeutsam.

Heute erinnern wir uns vor allem an die Flüchtlinge in der Prager Botschaft im September 1989. Wolff zeigt erfolgreiche Vorläuferaktionen. Bereits 1984 kamen 58 Menschen in die bundesdeutsche "Ständige Vertretung" in Ost-Berlin, einer von ihnen verbrannte sich aus Verzweiflung. Ein Jahr später erreichten 350 Menschen in der Prager Botschaft die Ausreise. Hinzu kamen im Jahr vor dem Mauerfall einige Kirchenbesetzungen, um die Ausreise zu erzwingen.

Wolff hat ein wichtiges Grundlagenwerk zur deutsch-deutschen Migration vorgelegt

Besonders 1989 erwies sich die Mauer schon vor ihrer Öffnung als durchlässig. Knapp 300 000 Menschen verließen allein in diesem Jahr bis zum Mauerfall die DDR, immerhin fast zwei Prozent der Bevölkerung.

Der Begriff "Mauergesellschaft" soll unterstreichen, wie "ein Staat, der sein Schicksal an eine migrationsregulierende Grenze knüpfte, auf lange Sicht mit ihr fortgerissen wurde". Die Mauer schottete nicht nur ab, sondern förderte den Wunsch, sie zu überwinden. Sie teilte und verband die deutschen Staaten, indem sie den Wunsch förderte, sie zu überwinden. Zu den großen Stärken des Buches zählt, dass es den Übersiedlern und Flüchtlingen selbst eine Stimme gibt. Immer wieder verdeutlichen Einzelschicksale unterschiedliche, meist tragische Wege der Ausreise.

Wolff hat ein wichtiges Grundlagenwerk zur deutsch-deutschen Migration vorgelegt. Die selbst gewählte Verortung in die Migrationsgeschichte bleibt hingegen insgesamt etwas blass. Die Besonderheiten der Migration aus Ostdeutschland werden kaum vergleichend skizziert. Auch erfährt man nicht, was mit den Ostdeutschen im Westen passierte. Lebten sie sich rasch ein oder wurden sie als "Ossis" ausgegrenzt? Immerhin 72 000 Menschen gingen nach dem Mauerbau wieder in den Osten - die meisten von ihnen waren Ostdeutsche, die nicht Fuß fassen konnten. Auch über sie erfährt man wenig.

Nachvollziehbar ist, dass das Buch wichtige, aber gut erforschte Themen wie die Fluchthilfe oder den Freikauf von Gefangenen ausspart. Nur angetippt wird die wachsende Zahl von Reisen zwischen Ost und West. 1987 wurden laut Stasi-Angaben immerhin 2,2 Millionen Reisen in die Bundesrepublik und rund 2,8 Millionen nach West-Berlin genehmigt, wie Wolff schreibt. Auch dies unterstreicht seine Grundannahme, dass die Mauer schon vor ihrem Fall porös war.

Frank Wolff: Die Mauergesellschaft. Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961 - 1989. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 1026 Seiten, 36 Euro.

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Quelle:
SZ vom 07.10.2019
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